Ralf Kathöfer, 56, ist gelernter Tischler, arbeitet als Fernfahrer und lebt in Gütersloh. © Privat

Manche Leute denken, man wird Fernfahrer, weil man nichts gelernt hat. Ich mache den Job, weil er mir Spaß macht und ich auf der Autobahn meine Ruhe habe. Niemand quatscht mir rein, außer vielleicht mal der Verkehrsfunk. Ab und zu drehe ich das Radio bei einem Achtziger-Hit auf. Ansonsten konzentriere ich mich auf das Brummen des Motors. Ich will meinen Lkw hören. Mir macht es nichts aus, nachts zu fahren. Seit zwei Jahren reiße ich dieselbe Strecke ab: von Kirchheim bei München über Bielefeld nach Osnabrück und wieder zurück. Zwei- bis dreimal die Woche 1300 Kilometer. Was ich transportiere, weiß ich nicht. Auf den Lieferpapieren steht nur: Sammelgut. Das könnten Treckerreifen sein, Tierfutter, alles Mögliche.

Ich fahre um 18.30 Uhr los, nach viereinhalb Stunden mache ich die erste Pause. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Meistens esse ich an der Raststätte Uttrichshausen eine Bockwurst. Kaffee und eingetupperten Nudelsalat habe ich dabei.

Der Job kann schon einsam sein. Ich telefoniere regelmäßig mit meiner Frau. Mit Truckern, die am Stammtisch über V8-Motoren fachsimpeln, will ich nichts zu tun haben. Auch schlimm: Lkw-Fahrer, die hupend an dir vorbeifahren. Ich hasse Huper. Zwischen 4 und 5 Uhr morgens endet meine Fahrt. Ich stelle den Lkw im Gewerbegebiet in Osnabrück ab, trinke noch ein Bier und lese ein paar Seiten, am liebsten mag ich historische Romane wie Die Säulen der Erde. Dann geht’s ins Bett hinterm Fahrersitz. Nach dem Aufstehen spaziere ich durchs Gewerbegebiet. Manchmal schaue ich, was es Neues im Baumarkt gibt. Dann, nach dem Abladen und Aufladen, geht es wieder zurück.

Seit 1993 bin ich Fernfahrer. Schon als Kind mochte ich das Fahren, wenn es mit dem Auto in den Urlaub ging. Ich bin dann lange wach geblieben und habe mir die Lichter der Nacht angeguckt. Aber viele fahren, als hätten sie weder ein Zuhause noch eine Familie. Da rege ich mich auch mal auf, wenn da so eine Pissbirne kurz vor einer Baustelle vor mir einschert. Das stört mein Bremsverhalten, und das wird im System registriert, genauso wie die Fahrweise und der Verbrauch. Wenn es danach geht, bin ich einer der besten Fahrer der Spedition.

Ich wurde schon gefragt, ob ich andere anlernen möchte. Möchte ich aber nicht. Ich will meine Ruhe.

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