Bevor wir uns den Phantasmen und Geschichten des Kinos zuwenden, sollten noch schnell ein paar Nachrichten aus der realen Wirklichkeit des Lido di Venezia mitgeteilt werden. Erstens: Die venezianischen Gewitter sind von gleichbleibend gotteszorniger Wucht. Zweitens: Obwohl die Infrastruktur der Filmfestspiele von Venedig in den letzten Jahren erheblich verbessert wurde, läuft das Regenwasser immer noch ins Foyer des Palazzo del Cinema hinein. Drittens: Erstmals wurden im Kino Menschen gesichtet, die ihre vom Unwetter völlig durchnässte Kleidung auszogen und einen Film in Unterwäsche anschauten.

Letzteres mag ein Symptom dafür sein, dass die Filme dieser Kinobiennale von Venedig auch über Bekleidungsfragen hinaus in den Bann schlagen, dass das Kino hier tatsächlich "die Traummaschine ist, die ins Leben entführt" (François Truffaut), ebenjener dunkle Raum, in dem man die Welt vergisst, um die Welt zu sehen.

Und so lautet eine weitere, gute Nachricht vom Lido di Venezia: Das US-amerikanische Kino hebt ab und wühlt sich dennoch durch den Boden der Tatsachen. Es feiert seine Mythen, Landschaften, seine populären Genres, es erzählt große, wütende, bewegende Geschichten – und fängt die Wirklichkeit des Landes eher beiläufig ein. Etwa so, als ob man ein Schmetterlingsnetz aus dem Fenster eines Cadillacs hält und plötzlich einen Geier fängt. Ja, diese Filme umkreisen das amerikanische Desaster und schießen darüber hinaus! Sie lieben ihr Land, wollen sich aber weniger denn je mit dem abfinden, was dort geschieht. Und so sieht man in Venedig eine Science-Fiction über die wissenschaftliche Verkleinerung der Amerikaner – aber nicht der sozialen Ungleichheit, in der sie leben (Downsizing von Alexander Payne). Oder die Geschichte einer Mutter (Frances McDormand), die in einer Südstaatenkleinstadt den Mörder ihrer Tochter finden will und sich dabei mit der rassistischen Polizei anlegt (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri von Martin McDonagh).

Hoffnungsträger der wahren amerikanischen Demokratie

Jeder gute Film sei wie eine Nadel auf einer Landkarte, an der man erkennen könne, welche Mentalitäten, welche Gefühle und Stimmungen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in einem Land herrschten, sagte George Clooney in Venedig. Auch hier präsentierte sich der Schauspieler und Regisseur auf der Pressekonferenz als glamouröser Botschafter und Hoffnungsträger der wahren amerikanischen Demokratie. In seinem neuen, in den fünfziger Jahren spielenden Film Suburbicon gibt es ein so schlichtes wie utopisches Bild: Ein weißer und ein schwarzer Junge spielen Baseball. Am Ende des Films werden die beiden noch einmal Baseball spielen, während die Kamera langsam nach oben steigt. Dazwischen liegen sieben Morde und ein Lynchmob.

Am Drehbuch zu diesem Thriller haben Joel und Ethan Coen mitgeschrieben, was dem Film einen sarkastischen Drive beschert. Und das Lieblingsthema der Coen-Brüder: die Gier als Triebfeder des Daseins zwischen weißen Gartenzäunen und großen Kühlschränken. Matt Damon spielt einen Durchschnittsamerikaner, der mit seiner Familie in die frisch erbaute Siedlung Suburbicon zieht. Bei einem fingierten Einbruch lässt er seine Frau (Julianne Moore) ermorden, mit deren Zwillingsschwester (ebenfalls gespielt von Julianne Moore, der man auch Drillinge abnehmen würde) er ein Verhältnis hat. Aus der Perspektive seines kleinen Sohnes verfolgt man diesen Versicherungsbetrug, dessen Beteiligte sich mit Chloroform, Messern, Pistolen, Gift und Golfschlägern gegenseitig töten. Und es gibt noch eine Nebenhandlung: das Schicksal der schwarzen Nachbarsfamilie, die von den ansonsten ausschließlich weißen Bewohnern der Siedlung schikaniert und schließlich angegriffen wird. Auf groteske Weise führt der Film vor, dass den Schwarzen immer die Schuld zugeschoben wird: am Rassismus, der ihnen entgegenschlägt, genauso wie am Blutbad, das die weiße Spießerfamilie auf der anderen Seite des Zauns anrichtet.

Tatsächlich möchte man aufatmen angesichts von Filmen, die ihre Geschichten nicht mit der großen Schnapsdröhnung der Betroffenheit versehen, sondern mit einem fast unauffällig in den Alltag tröpfelnden Gift, das aber umso wirksamer ist. Wenn man denn überhaupt vom Alltag sprechen kann in einem Film, dessen Hauptfigur ein schuppiges Monster ist. In Guillermo del Toros Fantasy-Film The Shape of Water ist das grünblau schillernde Wesen mit den filigranen Kiemen zu Beginn der sechziger Jahre in einem amerikanischen Militärlabor eingesperrt. Angekettet in einem Wassertank, wird es von dem brutalen Beamten Strickland (Michael Shannon) untersucht, genauer: mit einem elektrischen Schlagstock gefoltert. Mitgefühl mit der menschenähnlichen Kreatur hat allein die im Labor als Putzfrau arbeitende Elisa (Sally Hawkins). Diese Heldin, die nicht sprechen, aber hören kann, ist ein Märchenwesen, eine Waise, die in einem abgeblätterten Apartment über einem Kino lebt. Mit ihrem Nachbarn, einem schwulen Grafiker, verbindet sie die Verwandtschaft einsamer Seelen. Dass Elisa auch ein realer Mensch mit realen Bedürfnissen ist, erzählt Guillermo del Toro so sympathisch wie effizient: Am Morgen legt Elisa Eier ins kochende Wasser. Bevor die Uhr nach drei Minuten klingelt, hat sie bereits ein Bad genommen und in der Wanne masturbiert. Im Labor wird die junge Frau dem gefangenen Ungeheuer Essen geben, ihm Musik vorspielen, über Gesten eine Verbindung zu ihm aufnehmen. Es entsteht eine zarte Liebesgeschichte zwischen der Schönen und dem Monster, das weit weniger monströs ist als das Land, in das es verschleppt wurde.

The Shape of Water spielt in einem phantasmagorischen Amerika, in einer düsteren, von Unruhen und Bränden erschütterten Stadt. Manchmal zuckt man im Kinosessel zusammen angesichts der Brutalität von Strickland, der Elisas beste Freundin Zelda (Octavia Spencer), eine Schwarze, nur "you people" nennt. Dann wieder lässt man sich forttragen von der Poesie und Schwerelosigkeit der Bilder: Musicalszenen im Fernsehen, die von Elisa und ihrem besten Freund weitergetanzt werden. Eine Liebesszene im bis an die Decke überschwemmten, von Lichtschimmer erfüllten Badezimmer. Und immer wieder Wasser, das zum türkisfarbenen Medium der Liebe und des Überlebens wird.

In The Shape of Water bilden die Stumme, der Schwule und die Schwarze eine kleine Solidargemeinschaft. Gemeinsames Ziel ist die Befreiung der Kreatur aus dem Labor. Aber es geht um mehr. Darum, dass die drei Außenseiter, ohne dass es ausgesprochen werden muss, große Freude daran haben, ein rassistisches, faschistisches, frauenverachtendes, homophobes, eingebildetes weißes Arschloch zu besiegen.