Auf eines konnte sich Angela Merkel in der Flüchtlingskrise verlassen: Der institutionalisierte Katholizismus steht hinter ihr. Kaum ein Aspekt der Flüchtlingspolitik war den Wortführern der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) zu unbedeutend, um ihn in der Vergangenheit nicht zu kommentieren. Im ökumenischen Schulterschluss mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm hatte Reinhard Kardinal Marx als DBK-Vorsitzender seit Beginn der Krise zu fast allem eine Meinung: zur potenziellen Obergrenze für Flüchtlinge, zum internationalen Schlepperwesen, zur mangelnden Aufnahmebereitschaft in der EU, zur Vereinbarkeit von AfD-Positionen mit dem Christentum, ja sogar zu CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer und seiner merkwürdigen Phobie vor senegalesische Ministranten, die gegen deutsche Bälle treten.

Fast immer war Marx dabei einer Meinung mit Merkel. "Höchsten Respekt" habe er vor ihr, sagte er im Februar 2016, als man sich selbst in der CDU nur zur Kanzlerin bekannte, wenn grad kein anderer es machen wollte. Das war mutig.

Marx und einige Mitbrüder in der Bischofskonferenz zeigten Flagge aus Überzeugung. In der Flüchtlingsfrage, so ihr Politcredo, entscheidet sich praktisch, was es heißt, Christ zu sein in der Welt. Der Christ von heute, so formulierte es Papst Franziskus bereits im Juli 2013 auf der Mittelmeerinsel Lampedusa, müsse der "Globalisierung der Gleichgültigkeit" entgegentreten. Und siehe, das klein-klerikale Wunder geschah: Auf einmal erwachten pünktlich zur Krise die deutschen Bischöfe aus dem politischen Halbschlaf, in dem sie bis dahin gedöst hatten, um hin und wieder die Augenbraue hochzuziehen, wenn Meisner wieder Abtreibung mit Holocaust verglich. Auf einmal fanden sie eine Stimme, den Mut, sie zu gebrauchen, und eine Übersetzung für Nächstenliebe in unsere heutige Zeit.

Es lohnt nun, da die Bischöfe wieder mutlos, kraftlos, sprachlos zu werden drohen, sich dieses Wunders zu erinnern. Denn anders als mit einem Rückfall in die politische Antriebslosigkeit vergangener Tage lässt sich ihr tagelanges Schweigen nach dem Pariser Migrationsgipfel nicht erklären. Was dort in der vergangenen Woche beschlossen wurde, von Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Macron federführend iniitiert, hat mit christlicher Nächstenliebe nichts mehr zu tun und bedeutet den finalen Bruch mit dem öffentlichen Zerrbild von der Kanzlerin als Mutter Teresa der deutschen Willkommenskultur.

Um Europa vor den nach Norden drängenden Armen zu beschützen und den internationalen Schleppern den Garaus zu machen, soll die Zahl der Flüchtlinge endgültig auf ein für Europa erträgliches Maß reduziert werden. Geplant sind Asylzentren auf afrikanischem Boden. Sie sollen den Flüchtlingen einen "legalen Weg" nach Europa eröffnen. Klingt gut, nur liegen diese Potemkinschen Asyldörfer auf dem Gebiet von Staaten, die bislang durch Menschenrechtsverletzungen, fehlende demokratische Strukturen und, wie das Auswärtige Amt Libyen vor einiger Zeit bescheinigte, vor allem durch "KZ-ähnliche Verhältnisse" in den bestehenden Flüchtlingslagern auffielen. Das Neue: Nun sollen diese Regime auch noch dafür belohnt oder genauer: für die Mühe angemessen entschädigt werden, dass sie uns die Flüchtlinge aus den Augen schaffen.

Dass diese Asylzentren Frucht genau der Abschottungspolitik sind, die Marx und Bedford-Strohm seit zwei Jahren eigentlich verhindern wollen, scheint den DBK-Vorsitzenden öffentlich bislang nicht zu stören. Er schweigt. Auf Nachfrage von Christ&Welt heißt es aus der Bischofskonferenz, dass ein offenes Marx-Wort momentan nicht zu erwarten sei. Er befinde sich auf Südamerikareise, außerdem liegen die Flüchtlinge intern nicht in seiner, sondern in der Verantwortung von Hamburgs Erzbischof Stefan Heße, dem Sonderbeauftragten der Bischofskonferenz für Flüchtlingsfragen.

Statt offener Worte hat der allerdings auch nicht viel mehr als offene Fragen im Rhetorikarsenal. Zwar seien die Ergebnisse des Pariser Migrationsgipfels, wie er gegenüber Christ&Welt betont, "grundsätzlich erwägenswert". Jedoch gebe es ein "Aber" zu bedenken: "Kann in Niger und Tschad, den in Aussicht genommenen Kooperationsländern, tatsächlich ein administrativ und rechtlich einwandfreies Verfahren gewährleistet werden? Und können die Flüchtlinge dort menschenwürdig untergebracht und betreut werden?" Ob Merkel oder das Schicksal Adressat von Heßes Fragen sind, bleibt offen. Ziellos hängen sie im öffentlichen Raum und erscheinen nur umso absurder durch den pflichtschuldigen Nachsatz: "Wichtig ist, dass Europa seiner Verantwortung wirklich gerecht wird und sie nicht einfach an afrikanische Staaten delegiert." Aber genau das macht Europa ja eben gerade – zum Entsetzen vieler internationaler Menschenrechtsorganisationen, wenn schon nicht zum Entsetzen der deutschen Bischöfe.

Natürlich kommt die neue Angst der geweihten Männer nicht von ungefähr. Wer will sich schon mit Angela Merkel anlegen im Wahlkampf, wenn man ihr im Vorhinein "höchsten Respekt" gezollt hat? Das sähe ja aus, als würde man der Kanzlerin in den Rücken fallen, als wäre man nur ein weiterer Player im politischen Ränkespiel und kein Mahner und Warner, der weit über dem Parteiengezänk schwebt und genau dafür wertgeschätzt wird. Noch zumindest.