Es ist eines dieser Videos, die sich schon während des G20-Gipfels rasant im Internet verbreitet haben: An der Kreuzung Holstenstraße/Max-Brauer-Allee stellt sich ein schwarz gekleideter junger Mann einer Kolonne von Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht in den Weg. Zweimal führen Beamte ihn von der Straße, aber er läuft trotzdem wieder auf die Fahrbahn und stellt sich vor das nächste Einsatzfahrzeug. Da reicht es einem Polizisten auf dem Beifahrersitz, er steigt aus, geht zielstrebig auf den Blockierer zu und versetzt ihm einen Faustschlag. Keinen sehr starken Hieb, denn der junge Mann bleibt stehen, aber trotzdem: Er schlägt ihm ins Gesicht.

Höchstwahrscheinlich ein strafbarer Akt. "Körperverletzung im Amt" lautet das entsprechende Vergehen. Und da es eine ganze Reihe von Videos und Vorwürfen gegen Polizisten gibt, hat die Hamburger Innenbehörde eine Sonderkommission im Dezernat Interne Ermittlungen (DIE) eingerichtet, die "Soko DIE G20", wie sie intern genannt wird. Zehn Mitarbeiter untersuchen dort seit August, wie viele der 23.000 beim Gipfel eingesetzten Polizisten sich strafbar gemacht haben.

"Wir sind davon überzeugt, dass die G20-Ereignisse sehr ernsthaft aufgearbeitet werden müssen", sagt Innensenator Andy Grote (SPD). "Wir können das nicht von anderen verlangen, wenn wir nicht bei uns selbst damit anfangen."

95 Ermittlungsverfahren hat die Soko inzwischen eingeleitet, davon 78 wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt, auch gegen den Polizisten von der Straßenkreuzung. Ermittelt wird außerdem wegen Nötigung (7 Verfahren), Strafvereitelung im Amt (3), Beleidigung (2), Verletzung des Dienstgeheimnisses (2) oder Bedrohung (1). Ein weiteres Verfahren wegen sexueller Belästigung bezieht sich auf das Verhalten eines Polizisten in seiner Freizeit.

Dabei warten die internen Ermittler nicht allein auf Hinweise von außen. Sie fahnden selbst nach Berichten über aggressive Beamte. 36 der 95 laufenden Verfahren wurden von Amts wegen eingeleitet, also von der Polizei selbst. "Wir werten öffentliche Quellen wie Internetvideos und Zeitungsartikel aus", sagt Georg Krüger, der Leiter des Dezernats Interne Ermittlungen. "Das Problem dabei ist, dass wir den weit überwiegenden Anteil der Geschädigten nicht kennen. Wir werden alles unternehmen, um ihre Identität festzustellen. Es wäre aber schön, wenn sich diese Menschen von sich aus an uns wenden."

Das Dezernat Interne Ermittlungen wurde nach einer Reihe von Polizeiskandalen in den neunziger Jahren gegründet. Es soll unabhängig ermitteln. Um das zu erreichen, ist es nicht dem Polizeipräsidenten unterstellt, sondern dem Staatsrat der Innenbehörde, Bernd Krösser. Die Polizeispitze kann den internen Ermittlern nichts befehlen, sie hat auch keinen Zugang zu den Akten. Um Abstand zu haben, sitzen die Mitarbeiter der DIE in einem Gebäude in der Innenstadt, fernab des Polizeipräsidiums. Sie sind bei ihrer Arbeit komplett selbstständig und haben eigenes Personal für Observierungen und Telefonüberwachungen. So müssen sie in solchen Fällen nicht die Polizei um Hilfe bitten. Neben Fehlverhalten von Polizisten untersuchen sie auch Korruption von städtischen Mitarbeitern. Insgesamt arbeiten 50 Beamte beim DIE, alle mit Erfahrung, keine Berufsanfänger.

Bei der G20-Soko geht es nun also um Polizisten wie den, der noch zuschlug, als seine Kollegen dem linken Randalierer am Fischmarkt schon seinen Stock entwunden und ihn zu Boden gebracht hatten. Es geht aber auch um rund 100 sogenannte Prüffälle, in denen sich Beamte zwar nicht strafbar gemacht, sich aber trotzdem danebenbenommen haben. Zum Beispiel wenn Polizisten im Laufschritt scheinbar grundlos Menschen angerempelt haben. Oder wenn sie sich im Ton vergriffen haben. "Wir haben den Auftrag des DIE erweitert", sagt Innensenator Grote, "es soll nicht nur strafrechtlich relevanten Vorwürfen gegen Polizisten nachgehen, sondern allen Vorwürfen im Zusammenhang mit G20." Man wolle erfahren, ob sich die Probleme in bestimmten Situationen oder bei bestimmten Einheiten gehäuft haben.

Manch Betroffener meldet sich jedoch schon deswegen nicht bei den Ermittlern, weil er ihnen und dem Staat generell misstraut. Vor allem in linken Kreisen hält sich das Bild, Polizisten würden aus einem Corpsgeist heraus sowieso nie ernsthaft gegeneinander ermitteln oder aussagen.

Was sagt das DIE zu solchen Behauptungen? "Polizisten haben bei uns keinen Glaubwürdigkeitsvorschuss", entgegnet Dezernatsleiter Krüger. "Wir folgen den Fakten und schauen immer, ob es objektive Beweismittel wie Videoaufnahmen oder unbeteiligte Zeugen gibt. Wenn es Widersprüche gibt, machen wir sie deutlich und dokumentieren sie." Wenn ein Polizist behaupte, er könne sich nicht mehr erinnern, würden die Ermittler selbstverständlich nachfragen, ihn mit Fakten konfrontieren und am Ende festhalten, wenn er sich in Widersprüche verwickelt.

Krüger erzählt von einem früheren Fall, bei dem ein Obdachloser behauptete, Polizisten hätten ihm bei einer Durchsuchung 5.000 Euro gestohlen. Die internen Ermittler durchsuchten den Streifenwagen – und fanden das Geld hinter dem Tankdeckel.

In den nächsten Wochen werden die Beamten der Hamburger Soko zahlreiche Dienstfahrten in andere Bundesländer unternehmen. Denn sie befragen die Beschuldigten grundsätzlich selbst und überlassen diese Aufgabe nicht der Polizei am Ort. Sind die Ermittlungen abgeschlossen, geht die Akte an die Staatsanwaltschaft, zur Abteilung 73, zuständig für Straftaten von Polizisten im Amt. Den beschuldigten Beamten droht dann eine Anklage. Werden sie zu einer Freiheitsstrafe von mehr als zwölf Monaten verurteilt, ist ihr Beamtenverhältnis beendet.