Er redet darüber, klar, warum auch nicht, er versteckt nichts. Er muss damit leben, ein Leben lang. Ich steh dazu, sagt er. Würde es nur um ihn gehen, dann würde hier auch sein Name stehen, sein wahrer, es geht aber nicht nur um ihn, daher hat er sich einen anderen ausgesucht: Adem. Es geht auch um Adems Frau, die ehemalige, die Tochter, den Sohn, ja, vor allem den Sohn.

Ich rede, sagt Adem, öffnet seine Faust, spreizt die Finger, Fingerkuppen auf der Tischplatte, und wenn ich davon rede, wenn ich daran denke, dann denke ich, hätte ich mir mal lieber die Hand abgehackt, sagt er, schweigt, und die Fingerkuppen schlagen auf den Tisch, immer schneller. Irgendwann verliert man die Kontrolle, dann verpasst man eine Ohrfeige, sagt er. Eine Ohrfeige, mit der Hand einfach, das war nicht von schlechten Eltern, die hat schon gescheppert.

Erschrakst du dabei über dich selbst, Adem?

Ach nee, ich hatte einfach so eine Wut im Bauch. Die musste raus.

Bevor es losging, habe er ja ermahnt, verbal: Tu es nicht, sagte ich, zweimal, dreimal, dann hat es geknallt. Erst eine Ohrfeige, dann zwei, dann dachte ich, Ohrfeigen allein tun ihm nicht genug weh, und Ohrfeigen tun mir ja auch weh, ich nahm den Hausschuh und schlug zu.

Dass er mal die Tochter geschlagen hat, daran kann er sich nicht erinnern. Sie sagte: Ja, ein Mal. Soll sie recht haben, vielleicht hab ich das gemacht, sagt Adem, warum, weiß ich nicht. Aber den Jungen, den hab ich verprügelt, ja, regelrecht verprügelt.

Welche Körperstelle?

Hände, Füße, Bauch, alles. Alles, was mir ..., sagt Adem und bricht den Satz ab, nun tut es mir natürlich widerlich weh. Aber ich hab das gemacht. Einmal mit dem Gürtel. Mit der Schnalle.

Wie lange?

Eine Minute locker, wenn nicht länger, ich weiß es nicht. Er war im Bett in der Ecke, konnte nicht flüchten, ich schlug zu. Meine Tochter saß am Rand, schaute zu und brüllte nur.

Was hat dich gestoppt?

Dass ich selbst müde geworden bin. Ich konnte nicht mehr, das war ja anstrengend, ich konnte nicht mehr, hätte ich gekonnt, ich hätte eine halbe Stunde, den ganzen Tag nur zuschlagen können. In dem Moment hätte ich ihn umbringen können. Er war ein armes Schwein, und ich war das Schwein, das schlug.

Adem sagt: Ich bin der Täter. Was ich für Gründe hatte, interessiert das Opfer nicht. Das Opfer, meinen Jungen, hab ich misshandelt. Man hätte mich auch in den Knast stecken können.

Adem, das Schwein, ordentlich gekleidet, Hemd, Pullover, sitzt beim Italiener, auf dem Tisch sein Handy, das er ab und an nimmt, seine Brille randlos.

Adem, das Schwein, geboren am Schwarzen Meer, 1960.

Sein Vater, sagt Adem, war so: Die Kinder umarmen? War ihm unangenehm, am Feiertag mal einen Handkuss, rechts, links, mehr nicht.

Seine Mutter, sagt Adem, war so: Hätte der Arzt gesagt, Ihr Kind ist krank, aber es wird gesund, wenn Sie aus dem Fenster im fünften Stock springen, sie hätte das gemacht. Es war eine unheimliche, übertriebene Liebe, grenzenlos, sie umarmte, sie küsste. Das gab es, und das andere gab es auch, es gab nur Extreme, Schwarz und Weiß, denn unzufrieden war sie, sie sagte immer: Ach, wär ich doch als Mann auf die Welt gekommen, dann hätte ich nicht so früh heiraten müssen, nicht so früh Kinder kriegen müssen, lernen können. Immer hat sie gehadert, Schicksal hier, Schicksal da, die Familie war schuld.

Dabei war er, Adem, ja so pflegeleicht, machte nichts, worüber sie sich beschweren konnte. Adem wusch seine Socken in der Spüle, damit sie nicht riechen, und die Mutter sagte: Adem ist so sauber. Sie war stolz, sagt Adem, und ich war stolz, weil sie mich lobte. Adem lügt nie, sagte sie. Adem sagt immer die Wahrheit, Adem ist fleißig und brav, immer brav.

Diese Sätze prägten mich, mehr als alles andere, sagt Adem.

Und so ruhig, dein kleiner Sohn, so süß, sagten die Frauen, die mit ihnen um den Tisch saßen, wenn sie bei jemandem zu Besuch waren. Und immer wenn Adem sich bewegte, bohrte die Mutter unter dem Tisch ihre Finger in Adems Oberschenkel, zog die Haut hoch und drehte sie um. Adem lehnte sich zurück, wie eine Mumie, keinen Schmerz zeigen, kein Aaaaah, kein Brüllen, nur freundlich lächeln, eine freundliche Mumie. So brav, dein Sohn, der Adem, der Adem ist immer brav.

"Weg war 'Almanya'"

Das schönste Erlebnis in meiner Kindheit, da muss ich mal schwer nachdenken, sagt Adem und lacht, und dann fällt ihm dieser Abend ein: Wir lebten noch in Ankara, ich spielte mit meinem Bruder, meiner Schwester und den Nachbarskindern Verstecken und danach ein Spiel, wo sie mich fangen mussten, und sie kriegten mich nicht. Ich war der Jüngste, aber sie kriegten mich nicht, es war ein lauer Sommerabend, ich erinnere mich gut, ich hab mich so gefreut, die kriegten mich nicht.

In diesem Garten, in dem er sich versteckte, wartete er ein paar Vormittage lang zusammen mit seiner Schwester, sieben muss Adem da gewesen sein. Sie warteten auf den Briefträger, und als er um die Ecke bog, schrien sie wie am Spieß.

Würde ich ein Buch über mich schreiben, sagt Adem, würde es mit dieser Szene anfangen.

Warum mit dieser Szene?

Weil es die Wende war. Der Briefträger brachte uns die Tickets, um wegzufahren, mein Vater hatte sie uns geschickt. Ich wusste nicht, was weg war, aber weg war gut. Ein paar Tage später fuhren wir dann weg. Weg war Almanya.

Was wusstest du über Deutschland?

Nichts.

Habt ihr darüber geredet?

Nein, nie.

Was hast du dir vorgestellt?

Ich hatte keine Vorstellung, es hieß nur Almanya, Almanya, ich wusste nicht, was das ist, ist das ein Ball, ein Spielzeug? Zumindest ist es irgendwo weit weg. Wir fuhren mit dem Zug nach München, dann kann ich mich an keinen schönen Tag mehr erinnern. Ich war das Ausländerkind, von unangenehmen Tagen kann ich viel erzählen, nur Elfi, die war schön. Elfi, die war in meiner Klasse, Grundschule, in die war ich verliebt. Lange blonde Haare, keine Locken, die war einfach himmlisch. Elfis Familie hatte einen Audi, daher dachte ich als Kind immer, ich fahr auch mal einen Audi.

Habt ihr miteinander gesprochen?

Kein Wort, aber wir hatten den gleichen Heimweg von der Schule, ich bin mit dem Fahrrad ganz schnell an ihr vorbei, noch mal an ihr vorbei, noch mal an ihr vorbei.

Hast du dich nicht getraut?

Natürlich nicht, mein Deutsch! Ich wurde ja immer ausgelacht. Die erste Zeit hab ich gar nicht gesprochen.

Weil er kein Deutsch konnte, wiederholte er die Klasse. Sein neuer Klassenlehrer war Herr Reimann, Herr Reimann gab in Mathe Hausaufgaben auf, und Adem schrieb das ganze Heft voll. Wenn man etwas gut gemacht hatte, durfte man sich bei Herrn Reimann im Aufgabenheft selbst eine Eins mit Dach notieren. Ein Wochenende lang, sagt Adem, hab ich nur Aufgaben gelöst, eine Zahl durch die andere geteilt, und am Montag zeigte ich es Herrn Reimann, und Herr Reimann sagte: Adem, du darfst dir fünfzig Einsen mit Dach und Sternchen aufschreiben. Und zu den anderen: Nehmt euch ein Beispiel an Adem.

Mit zehn kaufte ich mir ein Grammatikbuch, das war so dick, er spreizt Daumen und Zeigefinger ein paar Zentimeter auseinander, doch so richtig verstand ich die Grammatik erst in der Neunten, als ich mit Latein anfing. Er rattert herunter: eram, eras, erat, eramus ... Ich war, du warst, er, sie, es war, wir waren ... Der Lehrer sagte: Wenn ihr nachts um zwei aufwacht, müsst ihr das können. Der Lehrer sagte das, und Adem konnte es. Noch immer kann er das: eram, eras, erat ...

Ich wollte zeigen: Ich kann es genauso gut wie ihr, wenn nicht sogar besser.

Adem, wann warst du stolz in deinem Leben?

Da gibt’s nicht viel zu überlegen. Stolz war ich 81 – Abitur.

Adem studierte Chemie, vieles andere fand er albern. In der Chemie gibt es Regeln, und es gibt Reaktionen, man kann das Leben erklären, sagt er, das hat mich fasziniert.

Stolz war ich 95 – Doktortitel.

"Mit der Heirat ruinierte ich alles"

Stolz war ich, als ich geheiratet habe. Doch dass ich geheiratet habe, war einer der dümmsten Fehler, die ich machte, sagt Adem. Mit dieser Heirat zerstörte ich mein Leben, und ihr Leben auch. Wahrscheinlich hätte sie besser irgend so einen Ochsen heiraten sollen. Mit dieser Heirat ruinierte ich alles.

Das mit der Heirat, sagt Adem, war so: Er, Anfang zwanzig, noch Student, wollte nicht heiraten. Ferien in der Türkei, wo seine Familie wieder lebte, und dann fragten alle: Wann heiratest du denn? Adem, sagte seine Mutter, da gibt es eine Frau, Hülya, aus einer tollen Familie, die wäre was für dich. Dein Bruder wird bei ihrer Familie um ihre Hand anhalten. Du musst heiraten, du musst heiraten.

Adems Bruder hielt beim Vater um die Hand an, und der Vater sagte: Was macht dein Bruder? – Chemiestudent. – Student, aha, komm wieder, wenn er fertig ist. Meine Tochter an einen Studenten?

Das, sagt Adem, war meine Herausforderung.

Adem lernte Hülya kennen, Hülya war schon mit einem anderen verlobt, den liebe sie aber nicht, sagte sie zu Adem, und Adem sagte zu Hülya: Du wirst ihn nicht heiraten, ich werde dich heiraten.

Und dann, sagt Adem, brannten wir durch. Wir fuhren nach Ankara, in eine Wohnung von meinen Verwandten, von ihren Verwandten wusste niemand, wo wir waren. Es vergingen ein, zwei Nächte, und Adem wusste, jetzt ist Hülya für die Familie nicht mehr das, was sie vorher war. Ihr Ruf war hin, nachdem sie so lange mit einem Mann zusammen war, sagt Adem, kein Schwein hätte sie mehr genommen. Dabei hatten wir gar nichts gemacht, ich glaube, sie wollte nicht. Also kochten wir, wir spielten Karten, stinklangweilig war es eigentlich, aber egal, das wusste ja niemand. Alle dachten, Hülya war nun nicht mehr die Tochter, die sie vorher war. Hülya war über Nacht mit Adem zusammen, und Adem konnte sie heiraten.

Ich wollte dem Vater schaden, sagt Adem, aber ich schadete mir und Hülya. Sechsundzwanzig Jahre waren wir zusammen, ich habe unsere Leben zerstört.

Adem fuhr zurück nach Berlin. Ich schrieb einen Brief an Hülya, sagt Adem, ein, zwei Wochen nach der Hochzeit, ich schrieb, dass ich sie nicht liebe, die Hochzeit war ein Fehler, sie soll nicht kommen. Aber mein Bruder fing den Brief ab, er schrie ins Telefon, was ich für ein Schwein sei, das Leben eines Mädchens zu ruinieren. Und auch meine Eltern sagten: Das geht nicht, Adem.

Hülya kam nach Berlin. Und ich hab mich dann ziemlich unhöflich, hm, wie nennt man das, katastrophal benommen, sagt Adem. Ich habe sie ein Jahr lang schlecht behandelt, mit ihr kaum gesprochen, kein Sex, selten Körperkontakt, ich hatte einfach keine Lust, ich wollte sie rausmobben, vergraulen, wollte, dass sie von sich aus geht.

Aber sie ließ alles über sich ergehen, und ich dachte, ich kann mir fast eine Kugel in den Kopf schießen. Ich fragte mich: Wie trenn ich mich, wie trenn ich mich am besten? Nach einem Jahr sagte ich mir dann: Ich werde sie nicht los, mach das Beste draus.

In einem Moment bist du ein Engel, im anderen ein Teufel, sagte Hülya zu Adem.

Stolz war ich 89 – da kam Kind eins, der Junge.

Stolz war ich 91 – da kam Kind zwei, das Mädchen.

Die Kinder waren da, und wir, die Eltern, sagt Adem, redeten mit zwei Zungen.

Sie wollte, dass die Kinder groß werden, Kinder satt, Welt in Ordnung, morgen ist auch noch ein Tag.

Er wollte, dass sie lernen, hart arbeiten, sich hocharbeiten, systematisch sich fragen: Was kann ich heute noch erreichen?

Einschulung des Sohnes. Alle Kinder wurden nach vorn gerufen. Und mein Sohn, sagt Adem, fängt an zu weinen. Zu heulen! Das einzige Kind, das heulte. Ich war stinkig.

Dir war das peinlich?

Ja.

"Wir sind Ausländer, wir müssen mithalten können"

Adem legt die Faust auf den Tisch jetzt, er wollte ihnen seine Wahrheit beibringen, die er als Kind gelernt hatte. Ich sagte: Wir sind Ausländer, wir müssen mithalten können, Deutsch sprechen wie die Deutschen.

Adem spreizt die Finger, schlägt mit den Fingerkuppen auf den Tisch, er versteht nicht, noch immer nicht, wie dann so etwas passieren konnte. Sein Sohn stellte etwas an, Diebstahl, und dann stand im Polizeiprotokoll: junger Mann türkischer Abstammung mit ausländischem Akzent. Das musst du dir mal vorstellen! Adem schlägt schneller mit den Fingerkuppen auf den Tisch, ein Kind, das hier geboren wurde! Ausländischer Akzent!

Mein Sohn, sagt Adem, wollte eine Bomberjacke anziehen, und ich sagte: Wir kommen aus der Türkei, ich nahm einen Atlas, guck auf die Karte, sagte ich, da ist die Türkei. Ich kam als Kind, du lebst hier, wir sind nicht immer gewollt, diese Menschen mit Bomberjacken mögen uns nicht.

Er sollte sein wie du, Adem?

Nicht wie ich sollte er sein, ruft Adem aus, besser als ich sollte er sein! Der Beste in der Schule! Und was machte mein Sohn?, fragt Adem. Tagelang die Schule schwänzen! Stehlen! Ein blauer Brief kam, und niemand sagte mir etwas davon.

Wenn der Junge nicht auf Regeln hört, sagt Adem, ist die logische Reaktion, dass er fühlen muss. Ich schlage zu. Und wenn Schlagen nicht hilft, muss ich fester schlagen.

Regeln, Reaktion, wie in der Chemie.

Irgendwann gab ich auf, ich schlug nur noch zu. Ich hatte Angst, dass ich ihn totschlage.

Dann kam der Tag, an dem Adem den Gürtel nahm. Adem hatte zu seinem Sohn, vierzehn muss er da gewesen sein, gesagt: Ich möchte, dass du dich von diesem Jungen, mit dem du immer rumhängst, fernhältst, dieser Junge passt mir nicht. Monatelang forderte ich das, sagt Adem. Und dann, an einem Morgen, kam ich von einem Arzttermin nach Hause, mein Sohn dachte, ich sei arbeiten, ich hatte befohlen: Dieser Junge kommt mir nicht in die Wohnung, du redest nicht mit ihm, und dann sitzen sie beide da, mein Sohn und dieser Junge. Ich fragte meinen Sohn: Warum hast du das gemacht? Keine Antwort. Ich fragte noch mal: Warum hast du das gemacht? Keine Antwort. Sag doch, ich möchte es verstehen! Keine Antwort. Dann nahm Adem den Gürtel.

Adem, was hattest du gegen den Freund des Sohnes?

Ich hatte das Gefühl, dass sie Scheiße bauen würden. Es war ja nicht so, dass sie zusammen Englisch lernten oder Fußball spielten. Er suchte sich den Dümmsten, den Schlimmsten aus.

Adems Wahrheit, noch immer.

Lass uns trennen, sagte Adem zu Hülya, wieder und wieder. Und auf einmal sagte Hülya: Ja. Im Ernst?, fragte Adem. Ja, sagte Hülya. Warum auf einmal, sagte sie nicht. Mir war das egal, sagt Adem, Hauptsache, trennen, Hauptsache, weg.

Vielleicht wäre sonst nun einer tot.

Trennung, Scheidung. Sechsundzwanzig Jahre. Leben ruiniert, sagt Adem. Aber alle leben noch.

Ich würde das nicht wieder machen heute, sagt Adem, niemals, nicht den Gürtel, nicht mal schlagen, ich würde rausgehen mit dieser Wut, durch den Park, mit der Faust an die Wand hauen und am nächsten Tag mit dem Jungen reden. Ihn mal in den Arm nehmen, streicheln, küssen. Auf den Schoß nehmen. Er brauchte Zucker, ich gab ihm die Peitsche. Man kommt ja nicht als Vater auf die Welt, sagt Adem.

Ich dachte, er kriegt Schiss und wird brav, so wie ich Schiss hatte damals.

Adems Mutter fragte mal: Adem, warum schlägst du deinen Sohn? Du kannst ihn doch nicht schlagen! Adem antwortete: Mama, du hast mich doch auch geschlagen!

Adem, sagte seine Mutter, war ich wirklich so eine schlimme Mutter?

Ein-, zweimal habe ich probiert, mit ihr zu reden, sagt Adem.

Und wenn ich es gemacht haben sollte, meinte seine Mutter, dann heißt es ja nicht, dass du es auch machen musst.

Ich war enttäuscht, musste lachen, war wütend, sie tat mir leid. Dann hab ich aufgegeben, sagt Adem. Sie ist alt jetzt, was soll ich mit ihr diskutieren, sie kann sich nicht erinnern.

Adem erinnert sich, dass er aus Liebe zu ihr schwieg, sich nicht wehrte: Ich wollte immer geliebt werden, dafür tat ich alles. Zucker.

Ich hatte Angst, sagt Adem, dass sie zuschlägt. Manchmal schlug sie auf den Kopf, ihre Hand zur Faust, angespannt, der Mittelfinger etwas weniger eingeknickt als die anderen, und dann, zack, zack. Peitsche.

Am Morgen konnte man nicht wissen, was der Tag bringt. Ob man geprügelt wird oder geliebt.

An einem Morgen, sagt Adem, spielten sein Bruder und seine Schwester Ball im Garten, und die Mutter sagte: Adem, geh Brot holen. Nein, Mama, ich will nicht. Adem, geh Brot holen. Adem ging nicht, er lief ins Haus, die Mutter lief hinterher, erwischte ihn, erwischte ihn mehrmals, sie hatte etwas in der Hand, vielleicht war’s ihr Hausschuh. Und dann weiß Adem nichts mehr, sagt er. Er weiß nur, dass er im Garten aufwachte, seine Geschwister spielten noch immer Ball, und er lag auf dem Boden.

Ich muss kurz ohnmächtig gewesen sein, sagt Adem und streckt seine Hände aus, zeigt, wie er damals dalag, alle Glieder von sich gestreckt, wie überfahren, auf dem Boden wie ein Abziehbild. Adem stand auf und ging Brot holen.

Wie oft wurdest du geschlagen?

Sehr oft. Am nächsten Tag hatte ich mich bei ihr zu entschuldigen. Ich sagte: Entschuldigung. Das war’s, alles wieder in Ordnung.

Du hast dich entschuldigt, weil du verprügelt wurdest?

Adem lacht auf.

Fühltest du dich schuldig, Adem?

Meine Mutter ist so, dachte ich, sie liebte mich, ich liebte sie. Die Schläge nahm ich hin.

"Mein Leben macht mich traurig"

Fühlst du dich als Opfer, Adem?

Ja, damals war ich ihr Opfer, Opfer ihrer Dummheit, Opfer ihrer Unwissenheit. Mein Sohn ist das Opfer meiner Dummheit, meiner Unwissenheit, meiner Hilflosigkeit.

Ich bin von meiner Mutter geprägt worden, sagt Adem, und meine Mutter ist von irgendetwas geprägt worden. Ein Kreislauf ist das, wer schafft es denn, da auszubrechen?

Mein Leben macht mich traurig, sagt Adem.

Frau weg, Kinder weg, ich war allein, noch nie im Leben war ich allein. Adem wählte eine Nummer, die er im Internet fand, er hatte gegoogelt: Psychologe, Türke, so etwas. Ich brauche Hilfe, sagte Adem. Kommen Sie, sagte Herr Erdoğan.

Adem kam. Montagabend, Männergruppe. Ein schlichter Raum, Männer auf Stühlen um einen Tisch. Adem sagte: Hallo, ich bin Adem, geschieden, zwei Kinder, kein Kontakt zu den Kindern.

Willkommen, Adem, sagten die Männer.

Adem kam wieder, Montag für Montag. Er erzählte, dass er seinen Sohn geprügelt hatte. Als die anderen ihre Geschichte erzählten, hatte Adem das Gefühl, er ist nicht der einzige Mensch unter sieben Milliarden Menschen auf dieser Welt, dem das passiert ist. Ich stellte fest, dass ich vieles falsch gemacht hatte, fast alles. Ich machte fast alles falsch.

Ich hab jeden Montagabend in der Männergruppe gesessen, sagt Adem, und zugehört. Ich habe gelernt, dass man Geduld haben sollte. Dass man zuhören sollte. Hätte ich all das früher gelernt, wäre meine Geschichte wohl anders verlaufen, sagt Dr. Adem Yilmaz. Auf den Doktor ist er stolz. Aber ein Doktortitel, sagt Adem, hilft dir nicht, wenn du Vater bist.

Ich hatte eine Familie, eine Frau, Kinder. Jetzt habe ich keinen Kontakt mehr zu ihnen. Sie wollen das nicht, sie sagten öfter zu mir: Wir brauchen dich nicht, lass uns in Ruhe.

Mit der Tochter, sagt er, hatte ich vor zwei Jahren noch mal Kontakt. Dann hab ich mit ihr angefangen zu diskutieren, und dann soll ich vor ihr die Mutter mit einem Ausdruck bezeichnet haben, sagt Adem.

Was für ein Ausdruck?

Adem buchstabiert, jeden einzelnen Buchstaben betonend: H-U-R-E.

Die Tochter flippte aus, der Kontakt zur Tochter war vorbei.

Als wir noch verheiratet waren, sagt Adem, hab ich meiner Frau dieses H-Wort öfter hinterhergebrüllt. Ich steh dazu, ich wollte sie beleidigen, wusste nicht mehr, was ich machen sollte. Ich wollte mich scheiden lassen, meine Worte kamen nicht an, ich erniedrigte sie, sie nahm das so hin.

Den Sohn, sagt Adem, hab ich vor einem Jahr mal angeschrieben, über WhatsApp, ich dachte: Adem, mach den ersten Schritt, das ist dein Sohn, dein Sohn braucht Liebe, Verständnis.

Adem sagt, er schrieb etwa so: Hier ist dein Vater, ich würde mich gern mal mit dir unterhalten.

Eine Weile ging es hin und her, wie das genau war, weiß Adem nicht mehr, er erzählt: Er warf mir vor, dass ich ihn nur schlug, dass er immer nur lernen, lernen, lernen, lernen sollte. Adem antwortete ihm: Und was hast du gelernt? Hast du überhaupt etwas gelernt? Und was die Schläge angeht, schrieb Adem, habe ich tausendmal mehr Schläge bekommen als du.

Ich hatte vier Gläser Wein getrunken, sagt Adem, ich ließ mich provozieren. Bald darauf löschte er den Chat, der Kontakt zum Sohn war vorbei.

Du musst loslassen können, sagt sich Adem, wenn es nicht geht, geht es eben nicht, muss ich akzeptieren. Was soll ich machen? Eine Knarre nehmen, in die Wohnung rein ... Er stockt im Satz, spricht nach einem kurzen Moment weiter: und zum Schluss mich?

Adem schweigt. Vielleicht, sagt er, fragen die Kinder meiner Kinder ja mal: Wo ist denn Opa?

Adem, würdest du dich bei deinem Sohn entschuldigen?

Ja.

Was würdest du sagen?

Ich würde sagen: Ich bin stolz auf dich. Er muss nichts machen, nichts können, nichts erfüllen, er ist mein Sohn.

Würdest du diesmal nicht die Geduld mit ihm verlieren?

Ich hoffe, nicht, ich weiß nicht, wie er reagiert. Irgendwann verliere ich natürlich meine Geduld. Aber ich würde gern reden über seine Probleme, seine Wünsche.

Ich würde gern sagen: Sohn, ich liebe dich.