Angela Merkel und Martin Schulz sitzen auf einer Parkbank eng beieinander und schauen in den mondhellen Nachthimmel. "Dein Auftritt war toll", schmeichelt die Kanzlerin dem Kandidaten. "Deiner auch, Angela", flötet Schulz. Mit dieser Karikatur brachte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am Dienstag auf den Punkt, was viele seit dem als "TV-Duell" vermarkteten großkoalitionären Gesprächskreis mit Kopfnickübungen vom Sonntagabend denken: Wer zu einem Duell keine schärferen Waffen mitbringt als ein durchgenudeltes Thema (Ausländer-Maut) und ein frisch geschlüpftes Wortungetüm (Musterfeststellungsklage), möchte seinem Kontrahenten noch nicht einmal wehtun. Schulz und Merkel, das war der vorherrschende Eindruck, gingen deshalb so behutsam miteinander um, weil sie nach der Wahl gemeinsam am gleichen Kabinettstisch sitzen wollen. Als Kanzlerin und Vizekanzler der nächsten großen Koalition, der dann vierten in der Geschichte der Bundesrepublik. Doch der Eindruck täuscht. Die nächste GroKo ist gerade deshalb unwahrscheinlich, weil die Nähe der Partner so groß ist. Eine Nähe, die die SPD auffrisst.

Bundestagswahl - Die wichtigsten Aussagen aus dem TV-Duell Die Themen Flucht und Migration haben lange die Debatte zwischen Martin Schulz (SPD) und Angela Merkel (CDU) dominiert. Die Rente, der Dieselskandal und die Innere Sicherheit kamen kurz zur Sprache. Ein Überblick © Foto: -/MG RTL D/dpa

Damit Schwarz-Rot nach der Wahl überhaupt eine Option werden kann, muss eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt werden: Es darf keine Mehrheit geben für Schwarz-Gelb. Keine für Schwarz-Grün. Die Verhandlungen über ein Jamaika-Bündnis dürfen nicht erfolgreich sein. Die SPD muss klar über 25,7 Prozent liegen – und Schulz SPD-Chef bleiben. Sonst noch was? Ach ja: Bei einer Mitgliederbefragung muss eine Mehrheit der rund 430.000 Sozialdemokraten gegen ihre innerste Überzeugung stimmen. Sonst nichts.

In der deutschen Politik gibt es zwei naturgegebene Bündnisse: Rot-Grün und Schwarz-Gelb. Das hängt mit dem Selbstverständnis der jeweiligen Parteien zusammen, ihrer inhaltlichen, wichtiger noch: ihrer kulturellen Nähe zum bevorzugten Partner sowie mit der Trägheit der Funktionärsapparate. Die große Koalition ist nicht naturgegeben, sie ist aus der Not geboren – und kann neue Not erzeugen.

Die SPD weiß das längst, CDU und CSU lernen es gerade. Geht Merkel erneut ein Bündnis mit der SPD ein, droht in den kommenden vier Jahren am rechten Rand weiter zu wachsen, was dort jetzt schon wild wuchert: die AfD. Die jüngsten Umfragen betrachtet man in der Union daher mit Freude. Nicht nur, weil Schwarz-Gelb mittlerweile die beliebteste Koalitionsoption ist. Sie ist auch eine realistische. Und Schwarz-Grün scheint nicht außer Reichweite.

Sollte es für beide Optionen nicht genügen, werden CDU und CSU mit FDP und Grünen ein sogenanntes Jamaika-Bündnis ausloten. Nur wenn die Sondierungsgespräche der vier potenziellen Partner scheitern, wird die große Koalition wieder denkbar. Und bleibt doch in weiter Ferne.

In der SPD hat das Leiden an der großen Koalition einen Vergeblichkeits-Blues entstehen lassen, der sich tief ins Selbstbewusstsein der Genossen frisst: Wir setzen die Themen, wir liefern die Inhalte, wir machen Deutschland besser – und als Dank dafür wählen die Leute Angela Merkel. Die Basisgenossen sehen ihre Partei zunehmend als nützlichen Idioten einer CDU-Kanzlerin, die selbst keine Ideen entwickeln muss, da die SPD Konzepte frei Haus liefert. Schwarz-Rot ist in ihren Augen bestens geeignet, die älteste und stolzeste Partei Deutschlands in einen ewigen Juniorpartner zu verwandeln. Kurzum: Die SPD-Basis hat die große Koalition gründlich satt.

Landet die SPD in gut zwei Wochen dort, wo die Umfragen sie jetzt sehen – in dem Steinmeier-Steinbrück-Korridor zwischen 23 und 26 Prozent –, braucht man den Genossen mit der Idee einer neuen GroKo gar nicht erst zu kommen. Die SPD wird dann vollends mit sich selbst beschäftigt sein. Auf den Wahlverlierer Schröder folgte einst der Wahlverlierer Steinmeier, auf den Wahlverlierer Steinmeier der Wahlverlierer Steinbrück, und auf den Wahlverlierer Steinbrück könnte nun der Wahlverlierer Schulz folgen. Und dann? Kommt der nächste Mann aus der gleichen Generation, der sich 2021 die nächste Niederlage abholen darf? Oder wagt die SPD einen grundlegenden Neustart, mit einem Generationsbruch beim Personal und einer anderen Grundausrichtung bei den Inhalten? Die Frage "Wie jung und wie links wollen wir künftig sein?" dürfte die SPD dann beschäftigen – und nicht Spekulationen darüber, wer in der nächsten GroKo was wird.

Nur kurz zur Erinnerung: Vor dem TV-Duell lag die SPD bei 22 Prozent, und gewonnen hat es laut Umfragen Merkel. Kaum vorstellbar, dass Schulz noch ein Ergebnis erzielen kann, das ein Weiterregieren in einer großen Koalition seiner Partei als Verlockung erscheinen ließe.