Hans Hummel, Udo Lindenberg, das Walross Antje. Die Liste der Hamburg-Maskottchen ist einigermaßen trist, für den modernen Großstädter war bislang nicht wirklich was dabei.

Aber dann kam Mathias Halfpape alias Heinz Strunk, der eigentlich immer schon da war, als Comedian, Sänger und Spaßmacher. Man schätzte diesen Strunk für seine schrägen Gags, die autobiografische Romanposse Fleisch ist mein Gemüse und die Telefonscherze mit dem Künstlerkollektiv Studio Braun, für die Songs über Leute, die mit einem Döner in die Sauna gehen, alles sehr amüsant, aber doch irgendwie abseitig, eine Subkulturnummer.

Dieser Strunk veröffentlichte vergangenes Jahr Der Goldene Handschuh, einen Roman über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka. Er wälzte sechs Jahre lang Prozessakten und schrieb noch einmal zwei Jahre, und dieses Buch war so schonungslos direkt in seiner Darstellung und so brutal gut in der Handhabung der literarischen Mittel, dass dem Feuilleton die Spucke weg- und den Lesern das Lachen im Hals stecken blieb. Es wurde nicht mehr gefeixt und gegluckst, sondern gestaunt: Der Strunk, das ist ja ein Dichter.

So ist aus dem von Akne und Selbstzweifeln gezeichneten Harburger Underdog, der bei einer schizophrenen Mutter aufwuchs und kurz nach dem Abitur selbst in eine Psychose abrutschte, der deshalb in den achtziger Jahren nicht studieren konnte und sich in der Folge mit Gelegenheitsjobs durchschlug, darunter das im Fleischgemüse-Buch beschriebene Tingeln mit einer Showband durch die norddeutschen Dörfer, aus diesem Typen ist einer der gefragtesten Künstler Hamburgs geworden.

An Lindenberg reicht das noch nicht heran. Lindenberg tourt durch ausverkaufte Stadien, in Germanistikseminaren legen sie seine Texte aus, und in Sylter Galerien verkaufen sie seine mit Likör gemalten Cartoons. Aber Strunk holt auf. Es gibt Strunk mittlerweile in einer medialen Dichte und Frequenz, dass man die Orientierung verliert. Was, der Stoff existiert schon als Film? Ist doch gerade erst als Roman erschienen. Und eine CD ist auch schon draußen, als Soundtrack zu jenem Buch, dessen Verfilmung noch kommt?

Zur Übersicht: Nach dem gefeierten Goldenen Handschuh (Wilhelm-Raabe-Preis, Nominierung für den Leipziger Buchpreis, lobende Besprechung vom FAZ- Herausgeber Jürgen Kaube) erschien Anfang des Jahres der Roman Jürgen über den Hamburger Parkwächter und glücklosen Frauennachsteller Jürgen Dose. Zum Jürgen-Buch kam eine CD heraus, Die gläserne Milf, quasi die Song-Kommentierung des Werks. Einen Teil der Stücke spielt Strunk auf seiner vier Monate umfassenden, noch bis Dezember laufenden Lesetour.

Die Fernsehfassung von Jürgen läuft am Mittwoch, 20. September, um 20.15 Uhr in der ARD. In den Hauptrollen: Heinz Strunk und Charly Hübner, der auch in der Theaterfassung des Stoffs im Schauspielhaus zu sehen sein wird. Premiere: 7. Oktober.

Unterdessen bereitet Fatih Akin die Kinofassung des Goldenen Handschuhs vor, gedreht wird im ersten Halbjahr 2018. Dann soll auch der nächste Roman erscheinen. "Habe den Text letzte Woche bei Rowohlt abgegeben", sagt Strunk am Telefon und klingt dabei nicht nur stolz, sondern auch ein bisschen patzig, als habe man ihm unterstellt, gebummelt zu haben.

Eine neue CD kommt ebenfalls, und weil man ihn dann doch sehr bedrängt, was das Thema sein wird, verrät er einen Songtitel: Der Aufstand der dünnen Hipster-Ärmchen.

Kann man den Text kriegen? Darf man schon daraus zitieren? "Ja, dürfen Sie."

Schau, da kommen sie
Auf dünnen Beinchen
Dünn und kraftlos
Auch ihre kleinen, zarten Hände
Sind zu schwach zum Greifen
Nichts können sie halten
Geschweige denn Pistolen und Macheten
Für den kommenden Aufstand
Aber sie wollen doch
Unbedingt sogar
Doch nur Wille ist nicht genug
für den Aufstand der dünnen Hipster-Ärmchen.

Man hat ihn sofort im Ohr, den typischen Strunk-Sound, näselnd und lispelnd, unterlegt mit einem scheppernden Beat. Und während man so in sich hineinlauscht, überrascht, wie gut man sich seine Betonung vorstellen kann, und dann wieder gar nicht überrascht, weil man Strunk erst neulich wieder gesehen und gehört hat, als Experte bei extra 3 zum Thema G20 – "Ich empfehle Hamsterkäufe und Plünderungen" –, da versteht man, warum dieser Gesamtkünstler nun wirklich das ideale Maskottchen für Hamburg wäre.

Strunk kombiniert Ironie mit Authentizität. Er ist ein Heimatdichter, der die Provinz durchs Säurebad seiner Pointen zieht, und zugleich der Loser vom Dorf, der skeptisch auf die City schaut. Er sieht auf Pressefotos aus wie ein Kiez-Lude, den sich Werber für eine Astra-Kampagne ausgedacht haben, und liest auf der Bühne aus Texten, die streckenweise so grausam und schonungslos sind wie das Beste von Büchner und Kafka.

Er kombiniert hanseatischen Stoizismus mit dadaistischer Verve, den Hang zum Konservativen – Strunk verehrt Botho Strauß und hat ihm ein Hörbuch gewidmet – mit der ungebändigten Lust am Schund.

Dass er jetzt den Hipster vorführt, ist die beste Pointe. Denn der Hipster, mit seiner Liebe zur Ästhetik des Underdogs, fürs Abgebaute und Randständige, Schäbige und Ranzige, diese Erscheinungsform des aktuellen Großstadtmenschen hat in Strunk ihr künstlerisches Sprachrohr gefunden. Die dünnen Arme sind vielleicht zu schwach für die Revolte, aber Bücher, die eine Gegenwelt zur bürgerlichen Bequemlichkeit ausmalen, können sie halten.

Fragt sich nur, wann das Stadtmarketing zuschlägt und ihn als Galionsfigur installiert. Es wäre ja stimmig: Humor, Kunstsinn, Lokalpatriotismus und Produktivität – Strunk hat alles, was man braucht, um ein cooles Hamburger Maskottchen zu sein.