Die sogenannte Transferphase der Fußball-Bundesliga ist beendet, und der Hamburger Sport-Verein sieht wieder einmal wie ein Verlierer aus. Das Management wollte eigentlich einen linken Außenverteidiger verpflichten, ein weiterer Innenverteidiger wäre nicht schlecht gewesen, da die vorhandenen sehr verletzungsanfällig sind, und ein rechter Außenstürmer hätte auch gut gepasst, nachdem sich Stammspieler Nicolai Müller beim Jubeln das Kreuzband riss.

Nichts davon ist gelungen. In der Presse tauchten Namen über Namen auf, niemand kam. Und als nichts mehr ging bei den Transfers, weil am 31. August um Mitternacht Schluss war mit dem Spielerhandel, meldete sich zu allem Überfluss noch Stefan Reuter, Manager des FC Augsburg, öffentlich zu Wort und kritisierte das Management des HSV. Die Hamburger wollten einen Spieler von Augsburg, der Transfer kam nicht zustande, und Reuter sagte: "Ich finde, wenn ich wirklich Interesse an einem Spieler habe, dann gehe ich anders vor. Das hat mir alles einen unstrukturierten Eindruck gemacht, da geht man gezielter vor."

Pleiten, Pech und Pannen. Steht der HSV denn nie für etwas anderes?

Man muss diese Frage dem Management des Vereins stellen. Denn es ist nicht zu leugnen, dass Sportchef Jens Todt vergeblich versucht hat, Spieler nach Hamburg zu locken. Es tauchen nun Gerüchte auf, dass der Manager ausgerechnet in der entscheidenden Phase des Sommers im Urlaub war. Einige reden von zwei Wochen, andere sprechen von mehreren Tagen in Südfrankreich. Er soll dort gearbeitet haben – aber ist das die richtige Einstellung bei einem Verein, der doppelt so viel schuften muss, um nur annähernd wieder dort in der Tabelle zu landen, wo er dem eigenen Anspruch nach hingehört? Daran lässt sich zweifeln.

Allerdings lässt sich, und das ist neu, zurzeit auch eine Alternativ-Geschichte des HSV erzählen, die weniger von Pleiten, Pech und Pannen handelt als von einer Chance, die aus der verkorksten Transferphase resultiert. Um sie zu verstehen, muss man zunächst ein paar Monate zurückgehen, an den Beginn der Sommerpause.

Damals ließ sich im Verein ein Kampf beobachten um die Ausrichtung bei Spielertransfers. Es gab den Aufsichtsrat um den scheidenden Vorsitzenden Andreas Peters, der dafür eintrat, dass der HSV erst wieder Millionen für neue Spieler ausgeben sollte, wenn er ein paar Millionen aus Transfers von eigenen Spielern eingenommen hat. Dagegen stand vor allem Mäzen Klaus-Michael Kühne, der in mehreren Interviews seinen Unmut darüber äußerte, dass das Management des HSV nicht schnell genug handele. Am Ende gewann Kühne den Machtkampf, er gab ein paar weitere Millionen, mit denen das Management einige Spieler verpflichten konnte.

Das war die erste Phase des Sommers. Damit war die Kaderplanung des HSV aber nicht abgeschlossen. Alle im Verein wussten, dass zumindest ein Verteidiger auf der linken Außenbahn dringend gesucht wird. Sportchef Todt suchte und suchte, er verhandelte, ohne Erfolg.

Jetzt muss Trainer Markus Gisdol mit den Spielern auskommen, die er hat. Was zunächst wie eine Niederlage des HSV im Bieter-Wettstreit unter Europas Fußballvereinen aussieht, könnte allerdings ein Glücksfall sein. Und das aus zweierlei Sicht: Zum einen ist es ein Wert an sich, dass Jens Todt in diesem Sommer nicht jeden Preis für Spieler gezahlt hat, der gefordert wurde. Damit setzt er sich von seinen Vorgängern ab, die mit dieser Taktik zwar viel Geld ausgaben, aber keinen Erfolg hatten. Zum anderen eröffnen die geplatzten Einkäufe eine Möglichkeit in der Profimannschaft.

Der HSV hat in all den Jahren, in denen der Begriff Chaos noch eine freundliche Beschreibung für die Zustände im Verein war, eine Sache richtig gemacht: Er hat konstant seine Jugendarbeit verbessert. Von den Führungsfiguren aus der Ära Dietmar Beiersdorfer ist nur einer geblieben: Nachwuchs-Chef Bernhard Peters. Seine Arbeit ist langfristig angelegt, sie braucht Jahre. Und langsam sieht man, dass sie sich gelohnt haben könnte.

Der HSV hat eine Reihe von Jugend-Nationalspielern, die in den nächsten Jahren an die erste Mannschaft herangeführt werden können. Sie heißen Mats Köhlert, Jonas Behounek, Vasilije Janjičić und Jann-Fiete Arp, ein 17-Jähriger, den die großen Vereine Europas verpflichten wollen, weil er Tore schießt wie kaum ein anderer in seinem Alter.

Sie sollen bald in der Profimannschaft zusammenspielen mit Torwart Julian Pollersbeck, mit dem niederländischen Verteidiger Rick van Drongelen, den beiden Mittelfeldspielern Gideon Jung und Luca Waldschmidt – alles Spieler, die zur U21-Nationalmannschaft ihres Landes gehören. Dazu macht Außenstürmer Bakery Jatta auf sich aufmerksam, der aus Gambia floh und beim HSV schon einige Einsätze hatte.

Diese jungen Spieler werden am meisten davon profitieren, dass Jens Todt keine teuren Spieler aus dem Ausland geholt hat. Trainer Markus Gisdol hat gar keine andere Wahl, als auf sie zu setzen. Für HSV-Fans ist das eine sehr gute Nachricht. Endlich gibt es so etwas wie eine Perspektive für ihren Verein, die nichts mit dem Portemonnaie von Mäzen Klaus-Michael Kühne zu tun hat.