DIE ZEIT: Sie werden kommende Woche nach Istanbul zur Eröffnung der großen Biennale reisen, wo eine Installation von Ihnen gezeigt wird. Haben Sie Angst?

Olaf Metzel: Nö, wieso sollte ich Angst haben?

ZEIT: Na ja, am Wochenende wurden wieder zwei Deutsche festgenommen. Fast hat man den Eindruck, eigentlich könnte nun jeder, der in die Türkei reist, zur politischen Geisel werden.

Metzel: Klar, das kann ja keiner gut finden. Ich habe auch viele türkische Künstlerfreunde, die mittlerweile in Deutschland leben und sich nicht trauen, in ihre Heimat zu fahren. Auch von vielen Deutschen höre ich, dass sie kein Risiko wollen und da nicht mehr hinfahren. Doch finde ich, dass man auch die andere Seite sehen muss. Ich habe ja mit vielen Türken gesprochen, und die sagten mir alle, fahr da hin, mach da was. Und es gibt für mich keinen Grund, das nicht zu tun. Die Türkei gehört trotz allem zu Europa, warum sollte ich mich fürchten?

ZEIT: Vielleicht weil die Meinungsfreiheit radikal eingeschränkt wird und zahllose Journalisten weggesperrt wurden? Deshalb fordern jetzt nicht wenige, die Biennale zu boykottieren – als Zeichen des Widerstands.

Metzel: Warum das denn? Gerade in so einer Krise wie jetzt ist es doch wichtig, dass wir weiter aufeinander zugehen. Was aber macht die deutsche Kulturpolitik? Sie boykottiert die Biennale. Die Bundeskulturstiftung, die sonst alles Mögliche finanziert, glänzt dadurch, dass sie kein Geld gibt, anders als zum Beispiel die Belgier oder die Österreicher. Diese Art von Verweigerung ist doch absurd, dadurch werden die Fronten ja noch verhärteter. Wir brauchen den Dialog, den Austausch.

ZEIT: Jetzt sprechen Sie Kulturpolitikerdeutsch.

Metzel: Ich spreche doch kein Politikerdeutsch, ich finde, dass man mal etwas genauer hinschauen und sich fragen muss, ob es die Zuspitzung, die wir jetzt erleben, überhaupt nur deshalb gibt, weil die Türkei so lange von Deutschland und der EU hingehalten wurde. Man wollte sie nicht dabeihaben in Brüssel, hat sie immer wieder vertröstet, und natürlich mussten die sich irgendwann verladen fühlen. Da ist politisch etwas zerbrochen, was jetzt kulturell auch nicht unbedingt wieder zusammengeflickt werden kann. Aber man sollte es zumindest versuchen. Man muss mit den türkischen Künstlern im Gespräch bleiben.

ZEIT: Unter denen gibt es aber auch einige, die für einen Boykott plädieren.

Metzel: Sie meinen jetzt die paar deutschen Alibi-Türken, die immer alles besser wissen und schlauer sind, als es die Polizei erlaubt. Sie schreien rum und protestieren gegen den Hauptsponsor der Biennale, das ist aber alles kontraproduktiv.

ZEIT: Der Hauptsponsor Koç, ein Großkonzern, hat im Rüstungsgeschäft gutes Geld verdient, und ob sich ein Künstler von diesem Geld bezahlen lassen will, kann man ja durchaus fragen.

Metzel: Aber wissen Sie was, dann können Sie ja die Flick-Sammlung in Berlin oder die Kunsthalle der Deutschen Bank ebenfalls sofort zumachen. Und die Sammlung der Generali gleich mit.

ZEIT: Dass man auch andere Großsammler hinterfragen kann, macht das Engagement von Koç ja nicht besser.

Metzel: Die Kritik kommt ja vor allem von den sogenannten Gutmenschen, die immerzu den Zeigefinger heben. Ich kann dieses selbstgefällige Gesülze nicht mehr hören, denn um Kunst geht es dabei überhaupt nicht.

ZEIT: Es geht um moralische Fragen.

Metzel: Ja, aber das ist das Problem. Kunst hat mit Moral nichts zu tun, Kunst hat mit Demokratie nichts zu tun, so geht’s ja schon mal los. Kunst ist autonom.

ZEIT: Und doch ist Kunst nicht ohne Geld zu haben. Und das Geld verdankt sich in diesem Fall einer Firma, deren Patriarch einmal gefordert hat, man müsse die Gewerkschaften zerschlagen, die störten nur das Geschäft.

Metzel: Aber so ist es doch seit Jahrhunderten, immer gab es irgendwelche dubiosen Herrscher, immer gab es die fragwürdige Kirche als Auftraggeber der Künstler. Und trotzdem würden Sie Michelangelo heute nicht den moralischen Prozess machen, oder doch?