Wenn Literatur politisch ist, ist das erst mal gut. Wenn Literatur aber politisch missionieren will, geht das meistens schief. Das gilt für Kinder- und Jugendbücher in besonderem Maße, denn welcher Jugendliche will schon missioniert werden? Zwei politische Romane erscheinen dieser Tage (sicher nicht zufällig kurz vor der Bundestagswahl), die sich mehr oder weniger explizit mit der AfD befassen und die ganz eindeutig eine politische Mission verfolgen: warnen vor dieser Partei.

Der Schuss von Christian Linker handelt vom 17-jährigen Robin, einem bislang eher durchs Leben taumelnden, unpolitischen Schluffi. Robin wird zufällig Zeuge eines Mordes an einem Rechtsextremisten. Die Täter sind selber Rechte, wollen den Mord aber einem stadtbekannten "Intensivtäter" mit Migrationshintergrund unterschieben, um damit die Wahlergebnisse ihrer "Deutschen Alternativen Partei" zu befeuern.

Der zweite Roman, Endland von Martin Schäuble, spielt in einem Deutschland, in dem schon seit einer Weile die "Nationale Alternative" regiert. Anton, ein junger Soldat, ist glühender Anhänger dieser Partei und soll im Auftrag der neuen Herrscher einen Anschlag im Flüchtlingslager verüben – auch hier, um die Tat hernach Migranten unterjubeln zu können. Allerdings wird Antons Überzeugung auf die Probe gestellt, als er sich mit dem Flüchtlingsmädchen Fana anfreundet.

Es ist natürlich kein Zufall, dass die Parteien, um die es in den beiden Romanen geht, jeweils das Wort "alternativ" im Namen tragen. In Endland regiert dieser AfD-Klon sogar schon. Sich ein Land vorzustellen, in dem die AfD die Macht hat? Ein interessantes Gedankenexperiment! In diesem Fall misslingt es aber, weil Endland die Welt genauso holzschnittartig in Gut und Böse einteilt, wie der AfD so oft (und zu Recht) vorgeworfen wird, es zu tun.

In diesem "Endland" ist Deutschland von einer Mauer umschlossen, Flüchtlinge heißen "Invasoren", der Staat erinnert an irgendetwas zwischen Stasi-DDR und Nazi-Diktatur. Dramaturgisch ist der Roman zwar gut gestrickt, abwechselnd wird die Geschichte aus Sicht von Anton, dem Grenzsoldaten, und Fana, dem Flüchtlingsmädchen, erzählt. Aber ausgerechnet Anton ist als Figur eindimensional und unreflektiert und redet in floskelhaften AfD-Klischeesätzen, etwa über die niedlichen Flüchtlingskinder, von denen man sich nicht täuschen lassen dürfe. Im Gegensatz zu ihm lässt der Autor Fana aus Äthiopien schillern. Schäuble beschreibt sie in einer sympathischen Vielschichtigkeit, ihre Nöte und Sorgen macht er nachvollziehbar, ihre Fluchtgeschichte rührt an. Zugleich ist Fana sehr, sehr klug und mutig. Man liebt sie sofort.

Es ist gut, dass Fanas Geschichte so empathisch erzählt ist, weil es wichtig ist, zu verstehen, warum Menschen aus Äthiopien fliehen. Martin Schäuble hat viele Armuts- und Krisenregionen bereist, das merkt man seinen Schilderungen an. Aber wenn die Figur der Fana keine andere Funktion erfüllt, als jedem Leser die moralische Niederträchtigkeit und intellektuelle Unbedarftheit des AfD-Jünglings vor Augen zu führen (und ihn später, natürlich, doch noch auf die richtige Seite zu ziehen) – dann nimmt das dem Roman jeden Reiz.

Die eigentliche Herausforderung, der Jugendliteratur sich stellen könnte, wäre, sich zu fragen, wieso ein junger Mensch sich der AfD anschließt. Aber dafür müsste man ihn innerlich ergründen, seine Widersprüche sichtbar machen. Der wahre Mut bestünde darin, einen AfDler zu beschreiben, der sympathisch oder wenigstens nicht völlig verblödet ist.

Christian Linker macht das in Der Schuss besser. Auch dieser Roman wird abwechselnd aus Sicht verschiedener Figuren erzählt, aber hier sind sie komplexer, nahbarer, ambivalenter. Der zu Unrecht beschuldigte migrantische Clan-Chef ist selbst nicht eben ein feiner Kerl, der örtliche Anführer der "Deutschen Alternativen Partei" ist durchaus eloquent und gerissen, und Hauptfigur Robin schwankt zwischen Kopfeinziehen und Den-Helden-Spielen.

Nur ist Der Schuss eher eine Geschichte über die NPD. Es geht um rechtsextreme Kameradschaften, die ganze Viertel terrorisieren, um Politiker, die solche Gruppen zu ihrem Vorteil nutzen. Mitglieder der AfD sorgen zwar immer wieder für teils schreckliche verbale Ausfälle, aber die Partei dirigiert keine Kameradschaften. Vielmehr sickert AfD-Rhetorik auf subtile Art in die Gesellschaft, was diese Partei viel gefährlicher macht als die NPD. Deshalb begeht Christian Linker dann doch einen ähnlichen Fehler wie Martin Schäuble: Er schildert die AfD so eindimensional, dass die Auseinandersetzung mit ihr leichter erscheint, als sie es im wahren Leben jemals sein wird.

Christian Linker: Der Schuss. dtv 2017; 320 S., 14,95 €

Martin Schäuble: Endland. Hanser 2017; 224 S., 15,– €