Zahllose Musikfreunde glauben von den letzten Klaviersonaten Franz Schuberts, sie müssten eine geheimnisvolle Tür mit der Aufschrift "Spätwerk" öffnen. Zutritt für Unbefugte untersagt! Das Haupt senken und vorsichtig die Sphäre des Halbdunklen, Spekulativen betreten! Von solchen Imperativen der Ehrfurcht auf Kurs gebracht, nähern sich in aller Demut auch viele Pianisten den angeblichen Testamenten aus Schuberts Todesjahr 1828.

Vor diesem Klischee der Rezeption, der Spätwerkfalle, können die Musik nur wenige Künstler retten, einer ist Krystian Zimerman. Der polnische Pianist macht sich rar wie kaum ein anderer, nicht mehr als 50 Konzerte spielt er im Jahr, und seit ewigen Zeiten hat er keine neue Platte mehr herausgebracht. Er denkt mehr nach, als dass er am Klavier sitzt. Vor allem hat er über die letzten beiden Schubert-Sonaten nachgedacht. Er bezweifelt, dass es sich um autobiografische Reflexe eines depressiven Syphilitikers handelt, der uns Zugang zu seinen Ahnungen und Abgründen gewährt. Für Zimerman befindet sich der späte Schubert unaufhaltsam auf dem Weg in die Moderne und erfindet dramaturgische Steigerungen, die sich zu gewaltigen Parabeln auswachsen. Die Geistesschärfe, Diskretion und zugleich Brillanz, mit denen Zimerman diese tönenden Wagnisse eines Komponisten ausleuchtet, der doch Lyriker war und immer blieb, machen seine neue CD bei der Deutschen Grammophon zum Ereignis.

Hört man sich bei Zimerman den zweiten Satz der Sonate A-Dur D 959 an, dieses seltsame Andantino, eins der größten Rätsel der Musikgeschichte, so wohnen wir fasziniert einem geplanten Kontrollverlust bei. Der Beginn – wunderbar macht der Künstler das klar – klammert sich wie mit Spinnenärmchen an dieses dünne Gewebe in fis-Moll, dessen Bass keinen Boden findet, bis aus dem Nichts Zentrifugalkräfte einsetzen, das Netz zerreißen und die Musik durch die kühnsten Harmonien treiben. Diese chromatische Kurve führt zu einem Schlingerkurs, bei dem es kein Halten gibt und die Tonalität zu ächzen beginnt. Zimerman glaubt, dass dies nur einer im Zustand höchster Bewusstheit schreiben konnte. Gern erinnert der Pianist an die Tatsache, dass Schubert kurz vor seinem Tod 50 Kilometer zu Fuß nach Eisenstadt pilgerte, um Blumen auf Joseph Haydns Grab zu legen.

Zimermans Schubert lebt im Diesseits, er hat Klang, Volumen, Kraft, Majestät – und ein Lächeln. Mit einer extrem genauen Deutung der Partituren macht der Pianist klar, dass hier ein Kühner das Experiment durchführt, wie viel Eintrübung in Moll zwei Dur-Sonaten aushalten. Auch die B-Dur-Sonate D 960, Schuberts Allerletztes, hat ihre Albträume und Erschütterungen, doch kehrt die Musik unter Zimermans Händen am Ende zurück in einen unbeschwerten, heiteren Tonfall, der Abschied einstweilen für unmöglich deklariert.

In der Spätwerkskammer ist diesmal die Jalousie hochgezogen und das Fenster geöffnet, Sonnenlicht fällt herein. Und mit Krystian Zimerman schaut man hinaus und sieht nicht weniger als die Zukunft der Musik.

Franz Schubert, Sonaten D 959 und D 960, Krystian Zimerman (DGG)