"Verlasse deine Heimat, hier gibt es keinen Platz für dich", sagte mir meine Mutter, kurz nachdem mein Vater in einem irakischen Gefängnis gestorben und mein Bruder in Bagdad in dem berühmten Kerker Abu Ghraib erhängt worden war. Damals, Ende der achtziger Jahre, wütete Saddam Hussein gegen das kurdische Volk. Er bombardierte unsere Städte, er vergaste uns in Halabdscha. Die Welt schaute weg.

Heute, dreißig Jahre später, sieht die Lage der Kurden anders aus. Noch immer lebt das kurdische Volk versprengt über mehrere Staaten in der Region, von der Türkei, über Syrien, den Irak und Iran. Doch haben die Kurden im Nordirak eine Autonome Region Kurdistan errungen – und damit ein Stück Souveränität. Es wäre heute nicht mehr so einfach, die Kurden heimlich zu massakrieren. Die internationale Gemeinschaft weiß um ihr Schicksal. Und kurdische Soldaten, die Peschmerga, sind zum viel beachteten Symbol des Kampfes gegen den islamistischen Terror geworden.

Nun wollen die Kurden im Nordirak am 25. September ein Referendum abhalten. Sie wollen darüber abstimmen, ob aus der Autonomen Region Kurdistan ein eigener, unabhängiger Staat werden soll. Mehr als dreißig Millionen Kurden in der ganzen Welt erwarten diesen Termin mit großer Freude. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden sich die Kurden im Nordirak für den ersten freien Staat Kurdistan entscheiden.

Doch die Regierungen in Bagdad, Teheran, Damaskus und Ankara lehnen die Abspaltung Kurdistans ab. Erdoğan bezeichnete das Referendum als "Fehler und Bedrohung" für die Region. Die Türkei werde für den Erhalt der territorialen Integrität des Iraks kämpfen. Die iranische Führung behauptet, ein freies Kurdistan wäre "ein weiteres Israel". Natürlich lehnt auch die mit Teheran eng verbundene Regierung in Bagdad ein unabhängiges Kurdistan ab. Dass Assad und der "Islamische Staat" keine Freunde der kurdischen Sache sind, muss nicht erwähnt werden. Und auch Ahmed Abu Al-Ghaith, Präsident der Arabischen Liga, setzte sich dafür ein, dass das Referendum gestoppt wird. Unterdessen hetzt der katarische Sender Al-Dschasira Muslime im Namen Allahs gegen das Referendum auf.

Das alles ist für mich als Kurde keine Überraschung. Seltsam finde ich jedoch, wie sich der Westen zum Referendum im Nordirak positioniert. Auch Washington, Brüssel und Berlin lehnen das Referendum ab. Der amerikanische Außenminister Rex Tillerson hat die Kurden aufgefordert, das Referendum zu verschieben, auf einen Tag in ferner Zukunft. Die Außenminister der Europäischen Union raten den Kurden von "unilateralen Schritten" ab. Sigmar Gabriel warnt die Kurden davor, die Zusammenarbeit mit dem Rest der Welt durch das Referendum "leichtfertig aufs Spiel zu setzen".

Diese Zusammenarbeit, von der Gabriel spricht, besteht darin, dass der Westen die Kurden für den Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat ausbildet und bewaffnet. Der Westen tut das nicht aus Mitleid, sondern aus Eigeninteresse. Die Kurden halten dabei den Kopf hin. Wie es scheint, sind die Kurden dem Westen aber nur so lange lieb und teuer, wie sich ihr Überlebenskampf mit eigenen Interessen deckt. Geht es an die Verwirklichung des kurdischen Traums von Freiheit und Unabhängigkeit, endet die Unterstützung. Dabei ist dieser Traum wohlbekannt: Der Westen hat den Kurden spätestens mit dem Abkommen von Sèvres, also 1920, einen eigenen Staat versprochen.

Der Einwand der Politiker aus Europa und Amerika heute lautet: Ein neuer Staat Kurdistan würde die Region unnötig destabilisieren. Dieses Argument ist sonderbar und heuchlerisch. Was heißt unnötig? Es geht um das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Und waren die Europäer und Amerikaner nicht Zeugen der Massaker gegen die Kurden? Und was heißt hier destabilisieren? Ich sehe keine Stabilität im Nahen Osten. Im Gegenteil: Die Türkei verwandelt sich zusehends in eine Diktatur; die schiitische Regierung in Bagdad ist Vasall des Irans, der den Krieg in Syrien vorantreibt und Terror unterstützt. Für die Freundschaft solcher Regimes verschachert der Westen die Zukunft der Kurden.

Lediglich Israel unterstützt unsere Sache. Warum? Israels Premier Benjamin Netanjahu hat verstanden, dass Kurdistan der einzige Staat im Nahen Osten wäre, der sich für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im westlichen Sinne gewinnen ließe. Nur in den kurdischen Gebieten im Irak und in Syrien gibt es kein großes Töten, keine ethnischen Säuberungen im Namen Allahs.

In der kurdischen Regierung im Parlament von Erbil haben Schiiten, Sunniten, Araber, Turkmenen, Christen, Jesiden und andere ihre Vertretung. Es leben 1,5 Millionen Flüchtlinge aus allen Gebieten des Iraks und Syriens in Kurdistan. Auf Bitten der Araber sorgen kurdische Peschmerga sogar in der irakischen Hauptstadt Bagdad für Frieden zwischen arabischen Sunniten und Schiiten. Der Westen schätzt die Kurden für ihre Verlässlichkeit. In Erbil, wo ich heute lebe, haben zahlreiche westliche Organisationen, Unternehmen und Berichterstatter ihr regionales Hauptquartier eröffnet. Sie fühlen sich in Kurdistan sicher.

Vor fast 30 Jahren bin ich nach Deutschland geflohen, durfte auch meine Mutter zu mir holen. Deutschland erkannte meine Not an. Doch die Not der Kurden ist nicht vorbei. Das Referendum könnte es ihnen ermöglichen, endlich Freiheit zu erlangen. Ohne die Unterstützung des Westens aber wird es wieder nur Ausdruck der unzerstörbaren kurdischen Hoffnung sein.