Etwas versteckt hinter großen Bäumen liegt die Oberschule des sächsischen Städtchens Kitzscher. 5.000 Einwohner, ein kleiner Marktplatz, geruhsam. Nur in dem Gebäude aus den siebziger Jahren herrscht eine gewisse Unruhe. Im Lehrerzimmer steht ein Generationswechsel an. Der Schulleiter und zwei Lehrer sind in den Ruhestand gegangen. Nächsten Sommer werden weitere Lehrer folgen, genauso wie im Jahr darauf. Zwölf Kollegen in vier Jahren – bei einem Kollegium von gerade mal 20 Lehrkräften. Wo soll der Nachwuchs nur herkommen?

Es fehlt an Lehrern, nicht nur in Sachsen. Zum neuen Schuljahr, das dieser Tage beginnt, folgt eine Notstandsmeldung auf die andere. In Nordrhein-Westfalen können 2.000 Lehrerstellen nicht besetzt werden. In Mecklenburg-Vorpommern bleibt jeder zweite Referendariatsplatz frei. Berlin findet schon lange nicht mehr genug Lehrer, vor allem nicht für die Grundschulen. Sachsen konnte nicht einmal die Hälfte der neuen Stellen mit ausgebildeten Lehrern besetzen.

Es stellt sich die Frage: Wer unterrichtet da eigentlich unsere Kinder?

Eine, die es machen will, ist Katja Saldanha. Erst kurz vor ihrem 40. Geburtstag hat sie sich für den Lehrerberuf entschieden. Als sie aus England nach Deutschland zurückkehrte, suchte sie einen Job. "Meine Mutti in Chemnitz hat gesagt: Kind, die suchen hier dringend Lehrer", sagt Saldanha. Die Schulbehörde hat ihr die Oberschule in Kitzscher zugewiesen, an der sie nun Englischstunden gibt – als Seiteneinsteigerin. Bevor Katja Saldanha Lehrerin wurde, war sie Vertriebsleiterin einer Kosmetikfirma. Studiert hatte sie Anglistik und Soziologie, später auch Marketing.

So wie sie haben Hunderte Lehrer in sächsischen Schulen kein Lehramtsstudium absolviert – zum ersten Mal mussten dort jetzt mehr pädagogische Laien als studierte Lehrer eingestellt werden. Hauptsache, kein Unterrichtsausfall. Auch andere Bundesländer, etwa Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein oder Niedersachsen und natürlich Berlin, sind Jahr für Jahr auf mehr Seiteneinsteiger angewiesen.

Diese Seiteneinsteiger – in vielen Bundesländern auch Quereinsteiger genannt – werden parallel zum Unterricht in pädagogischen Seminaren ausgebildet. In Sachsen hat Saldanha drei Monate im Vorbereitungsseminar verbracht. Im Crashkurs hat sie gelernt, wie man Zensuren vergibt, einen Lehrplan auf die Unterrichtsstunden verteilt und wie viele Begleiter mit auf Klassenfahrt müssen. Quereinsteiger brauchen ein Studium, das den gesuchten Schulfächern zumindest ähnlich ist. So können diplomierte Ozeanografen Physik unterrichten oder studierte Querflötistinnen Musikstunden geben.

Saldanha hat lange in London gearbeitet, zuletzt auch ein paar Jahre in Dubai. Vor Verkäufern und Kunden hat sie Shampoo angepriesen, mit arabischen Investoren und mit griechischen Managern verhandelt. Eine gestandene Frau.

An ihrem ersten Unterrichtstag in Kitzscher steht sie mit zitternden Knien vor 20 kleinen Kindern in bunten T-Shirts. Es ist ein heißer Tag im Juni dieses Jahres, die Nacht zuvor hat sie keine Minute geschlafen. Wie man Erwachsene gewinnt, weiß sie. Aber Kinder? Es ist nicht so, dass die Stunde schiefläuft. Sie läuft eher gar nicht. Mit großen Augen schauen die Kinder sie an.

Ihre Mentorin, die in den ersten Stunden mit im Unterricht saß, sagt ihr später, dass es ihr starker nordenglischer Akzent gewesen sei, den die Schüler einfach nicht verstanden hätten. Am Abend sitzt Saldanha mit einem Glas Wein auf dem Sofa und fragt sich: Was, wenn ich es doch nicht kann?

Wenn Kinder etwas lernen, liegt es an den Lehrern. Klassengrößen, finanzielle Ausstattung der Schule, Strukturfragen – alles zweitrangig. Das hat der Bildungsforscher John Hattie vor Jahren in einer internationalen Metastudie festgestellt. Ein guter Lehrer, so sein Ergebnis, macht verständlich klar, was er von den Schülern will, sieht den Unterricht aus der Perspektive der Schüler, probiert aus und reflektiert. Und er hat ein breites Repertoire an didaktischen Mitteln parat.

Wenn es um das pädagogische Handwerkszeug geht, stünden Quereinsteiger in der Regel schlechter da als studierte Lehrer, sagt Bildungsforscher Martin Rothland von der Universität Siegen. Klassenführung, Integration, die Diagnose von unterschiedlichen Lernständen könne nicht ohne entsprechende Qualifikation gewährleistet werden. Fachlich allerdings seien Quereinsteiger oft sehr gut, manchmal sogar besser als ihre Kollegen.