Sie kennen Leonberg vom Vorbeifahren? Von den Staumeldungen, A 8, Dreieckleonbergneunkilometer? Der neue Autobahntunnel ist längst fertig, wirklich! Sie könnten jetzt an der gut sichtbaren, nicht zwingend sehenswürdigen Skyline nach Norden vorbeibrausen, durch den Engelberg hindurch. Dann läge das Strohgäu vor Ihnen. Plattes Land, Ödnis, Leere, topografisch jetzt, auch der Himmel rückt weiter weg ... Bleiben Sie doch lieber ein bisschen! Leonberg ist eine Stadt für den zweiten Blick.

Setzen Sie den Blinker, fahren Sie die nächste Ausfahrt raus, über Ditzingen, Gerlingen, Höfingen nach Leonberg rein. Wenn Sie fragen, wo denn jetzt das Sehenswerte ist, sind Sie schon dran vorbeigefahren. Erinnern Sie sich an die Leonberger Bausparkasse? Die drittgrößte Bausparkasse in Deutschland, neben den Staumeldungen das zweite Wahrzeichen von Leonberg? Nun, es gibt sie nicht mehr. 2009 tat es einen Riesenrums, Sprengung, das Hochhaus sackte in einer Staubwolke zusammen. Heute breitet sich ein Acker an der Stelle aus. Den lassen wir rechts liegen und steigen die steile Treppe zum Schloss hinauf. Graf Ulrich I. von Württemberg ließ es im selben Jahr bauen, in dem in Köln der Grundstein zum Dom gelegt wurde. Später verbrachte Schillers Mutter dort ihren Lebensabend und schwärmte von der vielen Sonne.

Am Fuße des Schlosses liegt der Garten, den vor Frau Schillers Zeit Herzogin Sibylla anlegen ließ. Sie zog als Witwe ins Schloss ein, und nach ihr folgten noch viele andere württembergische Witwen. Der Garten ist einer der schönsten Orte in Leonberg. Wir machen nur nicht so viel Lärm um ihn. Wie die Schwaben sagen: Nix gschwätzt isch gnuag globt. Aber haben Sie schon mal mit Ihrem Fingernagel in die Schale einer Pomeranze geritzt, sogar noch ein bisschen tiefer rein, bis Sie das Aroma umwölkt? Lassen Sie sich nicht erwischen, aber es ist ein Erlebnis.

Kommen Sie, noch ein paar Stufen, ich will Ihnen das dritte Wahrzeichen von Leonberg zeigen. Nein, nicht das Haus, in dem Johannes Kepler gewohnt hat. Nicht den Wasserturm auf dem Engelberg, das machen wir nächstes Mal. Wir sind auch nicht mit dem Komponisten Helmut Lachenmann zum Eis verabredet, der sitzt heute vermutlich in Luigi Nonos Sommerhaus in der Toskana. Gehen wir zum Leonberger Löwen.

Am Beginn der Altstadt kommen wir an der Stadtkirche vorbei. Meistens sitzt man allein davor auf der Bank, nur Blätterrascheln, sonst Stille und vom Portal herab Blicke aus einer Zeit, in der man Halskrausen, dick wie Mühlsteine, trug. Gehen wir rein ins Seitenschiff, gotisch, und grüßen Sibyllas Hofzwerg. Neben seinem Beruf als Zwerg hütete er den Silberschatz. Die Herzogin muss seine Dienste so geschätzt haben, dass sie ihm ein Grabdenkmal spendierte. Da steht er mit seinem Schwert, eine Hand in der Hüfte, und zwinkert zurück mit seinem Silberblick.

Wir bleiben in der Altstadt. Am besten, Sie rotieren, dann haben Sie mehr davon. Stellen Sie sich mitten auf den Marktplatz. Keine Sorge, Sie sind nicht im Weg. Dies war mal der Nabel von Leonberg, aber die Stadtplaner haben weiter im Osten das Leo-Center gebaut und nennen es seitdem Zentrum. Wir können es von hier oben nicht sehen, was zu verschmerzen ist. Drehen Sie sich also einmal im Kreis, schneller! Sehen Sie, das Fachwerk tanzt. Wenn Sie jetzt abhöben, dann glänzte kurz die Wetterfahne auf dem Rathaus vor Ihren Augen, dann breiteten sich unter Ihnen die Giebel der Altstadt aus, rot, und die Ausläufer des Schwarzwalds und der Alb, grün, und Sie fühlten sich wie eine Schwalbe in der Renaissance.

Und der Löwe? Nicht leicht zu finden, denn er ist winzig klein. Beim grimmigen Ritter auf dem Brunnen streckt er seine Zunge heraus und schlingt die Schwänze umeinander, von denen hat er nämlich zwei. Ein Stadtrat war so stolz auf das Wappentier, dass er im frühen 19. Jahrhundert versuchte, es nachzuzüchten. Es hat nicht ganz geklappt. Heinrich Essig kreuzte Neufundländer, Bernhardiner und den Pyrenäenberghund. Heraus kam der Leonberger. Er ist zwar wuschelig und kann die Zunge rausstrecken, aber er hat nur einen Schwanz.