Passen 100.000 Christen in 120 Sonderzüge? Darf ein Roboter Segen spenden? Ist Wittenberg zu klein, zu unchristlich, zu viel Lutherpuppenstube oder vielleicht genau der richtige Ort, um zornig über den Glauben zu reden? Und außerdem: Wer kauft bloß diese Luther-Socken?

Die Christ&Welt-Redaktion hat sich in den vergangenen anderthalb Jahren Hunderte Fragen zum Reformationsjubiläum gestellt – sie waren Ausgangspunkt für Recherchen, Leitartikel, Gastbeiträge und eine Extra-Ausgabe: "Weltstadt Wittenberg – Sechs Sonderseiten über die wiederentdeckte Metropole". Den Kirchentag im Jubiläumsjahr nicht nur in Berlin, sondern auch in Wittenberg zu feiern sei keine schlechte Idee. Dort könne man leidenschaftlich über Kirche nachdenken, schrieb Redaktionsleiter Raoul Löbbert. "Vor 500 Jahren wirkte Martin Luthers Zorn in Wittenberg schon einmal entkrampfend. Es gibt keinen besseren Ort, sich dessen zu erinnern." Wir suchten Wittenberger, die schon im Frühjahr keine Lust auf all die Pendler-Christen hatten. Es fanden sich nur wenige Kritiker, dafür ein Alt-Oberbürgermeister mit dem Pathos eines Präsidenten: Wittenberg sei ja nicht nur die Stadt ihrer Bürger, sagte der Mann, "sondern Weltkulturerbe, das wir der Welt auch zur Verfügung stellen müssen".

Aber interessiert sich die Welt wirklich für die in Hunderten Gremiensitzungen erarbeiteten Pavillons der Landeskirchen, für das Seelsorge-Riesenrad und die 2.000 Diskussionsveranstaltungen? Unter den Protestanten gab es darüber schon die erste Debatte, bevor in Wittenberg der Bibel-Aussichtsturm in Betrieb genommen wurde: Einige Hochschultheologen wollten sich so gar nicht für die "Lutherfestspiele" begeistern – Redakteur Andreas Öhler verteidigte die Professoren: Endlich streiten sie mal, die Protestanten, schrieb er. Sinngemäß.

Die EKD-Erklärung zum großen Kirchentagsgottesdienst provozierte dann die Frage nach dem Sinn von großen Zahlen: Konnte die wundersame Menge, von der der Kirchentag schwärmte, stimmen? Waren tatsächlich 120.000 Besucher auf den Wittenberger Elbwiesen? Hannes Leitlein sichtete Luftbilder, befragte Experten. Das Ergebnis: Zumindest eine Stunde vor Beginn, als die letzte Luftaufnahme entstand, waren höchstens 50.000 Menschen auf dem Gelände. Der Kirchentag beharrt noch heute auf seiner schönen Zahl. Die dahinterstehende Frage sollte auch die Berichterstattung der kommenden Monate begleiten: Haben die Organisatoren das Interesse am Jubiläumssommer erstens überschätzt und versuchen es zweitens schönzureden? Auch bei den Kirchentagen auf dem Weg spielt sie eine Rolle. Vor allem nach Leipzig kamen deutlich weniger Christen, als sich die Macher wünschten. Ostdeutsche Pfarrer und leitende Theologen aus den Landeskirchen berichteten von Streit und Unfrieden im Vorfeld, die EKD habe von Beginn an in anderen Dimensionen planen wollen und keine Rücksicht auf die Erfahrung der ostdeutschen Experten genommen: Kirchentreffen in großen Hallen, die wie Parteitage aussehen, traue man in den neuen Ländern aber nicht, sagte später ein Pfarrer. Der Text "Wo wart ihr? – Wie die evangelische Eventkultur am Osten scheiterte" war das Ergebnis wochenlanger Recherche. Am Interesse der Besucher vorbei und ohne roten Faden geplant, das ist auch eine Kritik, die oft über die Reformationsausstellung zu hören ist. Am Sonntag geht sie nach 16 Wochen zu Ende. Gut möglich, dass noch Fragen bleiben.