Die letzte Dienstreise nach Sachsen-Anhalt hängt Margot Käßmann noch immer nach, als sie zum Interview in ihrem Berliner Büro empfängt: Einen Tag zuvor war die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland von der Wittenberger Weltausstellung zurückgekommen. Schön war es diesmal nicht: Kein ausländischer Besucher, den sie durch die Stadt führen konnte, keine Diskussion mit einem Theologen-Kollegen, stattdessen musste Käßmann freiwillige Helfer trösten. Eine junge Frau aus Kolumbien aus dem Helfer-Team war am Tag zuvor bei einem Fahrradunfall in Wittenberg ums Leben gekommen. Trauerarbeit – wenige Tage vor dem Ende der großen Reformationsausstellung, um die es im Gespräch gehen soll. Die Kritik an der Art, wie die evangelische Kirche in diesem Sommer 500 Jahre Reformation feiert, hat Margot Käßmann geärgert. Sie hält dagegen.

Frage: Frau Käßmann, Sie sind der Star jedes Kirchentages. Wo Sie auftreten, sind normalerweise die Hallen voll. Jetzt waren Sie Reformationsbotschafterin, und es gab überraschend wenig Besuch in Wittenberg. Woran lag es?

Margot Käßmann: Gestern sagte mir jemand, das ganze Reformationsjubiläum sei zu intellektuell. Dem Nächsten ist es zu eventmäßig. Andere sind hochzufrieden.

Frage: Hat Sie die Kritik überrascht? Viel los war ja wirklich nicht.

Käßmann: Ich erlebe den Sommer völlig anders, weil ich jede Woche da bin. Da herrscht ein positives Grundgefühl. Es gibt Kritiker, die waren noch nie in Wittenberg. Klar: Am Anfang war es nicht so gut besucht, wie wir es uns erhofft hatten. Aber Ende August haben Sie in Wittenberg kein Hotelzimmer mehr bekommen. Und wer die Weltausstellung erlebt hat, ist begeistert.

Frage: Die meisten Besucher wollten offenbar vor allem die Orte sehen, an denen Luther gewirkt hat. Auch die Kunstausstellung "Luther und die Avantgarde" hatte gute Kritiken. Mit der Weltausstellung war aber gerade eines Ihrer Wunschprojekte, das die Fragen der Reformation in die Gegenwart übersetzen sollte, oft schlecht besucht. Viele kritisierten, es gebe keinen roten Faden. Haben Sie das Interesse an der Kirche von heute überschätzt?

Käßmann: Zunächst einmal: Die Ausstellung "Luther und die Avantgarde" ist Teil der Weltausstellung, das können Sie nicht auseinanderdividieren. Und dann ist doch klar, dass Touristen erst mal die historischen Stätten besuchen. Aber die Reformation ist eben viel größer. Wir als Kirche wollten uns fragen: Was macht unseren Glauben und unser Leben heute aus? Dafür gab es die Weltausstellung mit ihren vielen Debatten, Projekten wie dem Seelsorge-Riesenrad oder dem Erlebnisraum Taufe. Es war ein Experiment. So etwas haben wir noch nicht gestaltet, nicht in einer Stadt, nicht 16 Wochen lang.

Frage: Gerade am Anfang war es gespenstisch in der Weltausstellung. Es sah aus wie ein monatelanger Evangelischer Kirchentag mit vielen Pavillons der Landeskirchen, und kaum einer ging hin.

Käßmann: Das hat sich im Laufe des Reformationssommers deutlich geändert. Die Ausstellung war kein Selbstläufer. Ich hatte gehofft, dass jede deutsche evangelische Kirchengemeinde in diesem Jahr einmal nach Wittenberg fährt.

Frage: Warum kamen die nicht?

Käßmann: Die mehrjährigen Vorbereitungen auf 2017 haben dazu geführt, dass Gemeinden und Landeskirchen ganz viel vor Ort auf die Beine gestellt haben. Besucherinnen und Besucher aus dem Ausland staunen oft, wie präsent das Thema Reformationsjubiläum in ganz Deutschland ist. Aber das ist kein Grund, die Ausstellung schlechtzureden. Für uns als Kirche und die Gesellschaft war sie sehr wichtig. Nehmen Sie etwa das Pfadfinderlager mit 4.200 Pfadfindern. Oder die Konfirmanden. Wir hatten ja jede Woche über 1.000 Konfirmanden bei uns im Camp. Dazu die vielen jungen Volunteers. Da gibt es eine ganze Generation 2017, da geht es um die Zukunft unserer Kirche. Auch von den vielen inhaltlichen Impulsen etwa in Sachen Ökumene oder Dialog der Religionen werden wir noch lange profitieren.

Frage: Zu den Kirchentagen auf dem Weg kamen deutlich weniger Besucher als geplant. Auch der Festgottesdienst im Mai zog weniger Menschen an als erhofft. Und bei der Weltausstellung haben Sie früh die Ticketpreise reduzieren müssen. Erreichen Sie am Ende wirklich das Ziel von einer halben Million Besucher in Wittenberg?

Käßmann: Das weiß ich noch nicht, die Weltausstellung endet ja erst am 10. September. Aber allein das 360-Grad-Panorama über Luther und Wittenberg im Jahr 1517 haben 300.000 Menschen besucht. Das ist schon mal wunderbar. Beim Kirchentag in Leipzig hatten wir zwar auch 3.000 bei der öffentlichen Kaffeetafel. Die Hallen waren nicht so voll, ja.