Nein, der einflussreichste Lobbyist des Landes ist kein Schreihals. Er sitzt nicht oft in Talkshows, er meidet rote Teppiche, er prahlt nicht mit seinem Netzwerk, obwohl es legendär ist: Natürlich hat er die Handynummer der Kanzlerin und kennt die EU-Kommissare in Brüssel.

Matthias Wissmann, 68, leitet seit zehn Jahren den Verband der Automobilindustrie (VDA), einen der mächtigsten Lobbyverbände der Republik (siehe Kasten). Wissmann vertritt die Interessen der Autokonzerne und ihrer Mitarbeiter – selbst in Zeiten, in denen die Industrie so umstritten ist wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Wissmann trifft Minister, Staatssekretäre und Abgeordnete, seine Mitarbeiter geben Studien in Auftrag und formulieren heikle Passagen von Gesetzestexten, die manchmal eins zu eins übernommen werden.

In diesen Tagen bereitet sich Wissmann auf die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) vor, die größte Automesse Europas, die vom VDA ausgerichtet und in der kommenden Woche eröffnet wird. Natürlich im Beisein der Kanzlerin.

Wissmann öffnet Türen, die sonst meist verschlossen bleiben. Er ist dabei kein brachialer Lobbyist, seine Methoden sind leise – und waren genau deshalb lange Zeit erfolgreich. Auch ihm haben es die Autohersteller und -zulieferer zu verdanken, dass sie bei Umweltgesetzen geschont wurden und dass der Neukauf von Autos mit einer mehrere Milliarden Euro schweren Abwrackprämie gefördert wurde, als Europa eine Rezession durchlebte. Ein Geschenk der Politik an die Industrie.

Sein Spitzname war "Lurchi" – weil er nur bei sonnigen Nachrichten auftrat

Vor wenigen Wochen änderte Wissmann seine Taktik. Der leise Mann wurde plötzlich laut. Und aus dem mächtigsten Lobbyisten der Autorepublik Deutschland wurde ein Lobbyist in eigener Sache. Wissmann kämpft um sein wichtigstes Kapital: das Vertrauen der Politik. Dieser Kampf macht ihm zu schaffen. Das Jahr 2017, sagt ein enger Weggefährte, sei für Wissmann das "unangenehmste Jahr als Verbandspräsident".

Die Autoindustrie hat mit der Affäre um schmutzige Abgase viele Verbündete in der Politik verloren, Wissmann trug mit seinem Schweigen lange dazu bei. Erst kam der Dieselskandal von Volkswagen ans Licht, dann folgten immer neue Beschuldigungen gegen andere namhafte Hersteller. Im Juli wurden schließlich sogar Vorwürfe laut, deutsche Autobauer sprächen sich in einem Kartell ab. Das war selbst im autofreundlichen Deutschland zu viel.

Der VDA verschickte eine Pressemitteilung und nannte im Namen seiner 600 Mitglieder "illegale Absprachen ebenso wie ein Surfen in rechtlichen Grauzonen inakzeptabel". Solche selbstkritischen Töne war man in der Industrie nicht gewohnt. Wissmann sagt, man habe "deutlich gemacht, dass illegales Verhalten nicht tolerabel" sei. Damit überrumpelte er offenbar die Unternehmen, für die er eigentlich sprechen sollte. Vor allem die beiden Konzerne, die sich am ehesten von den kritischen Sätzen angesprochen fühlen mussten: Volkswagen und Daimler.

Es dauerte nicht lange, bis man Wissmann spüren ließ, dass er zu weit gegangen war. Vergangene Woche machten anonyme Zitate die Runde, in denen es hieß, Daimler-Chef Dieter Zetsche suche schon einen Nachfolger für Wissmann. Die Autokonzerne streiten vehement ab, dass sie ihren Verbandschef loswerden wollen. Doch kein noch so hartes Dementi konnte das Gerücht wieder einfangen. Hat der Verbandschef seinen Instinkt verloren?

Vergangener Montag, Wissmann sitzt in der Zentrale des VDA in Berlin, dem prächtigen Markgrafenpalais, dessen Eingangstür so schwer und mächtig ist, dass es einen Motor braucht, um sie zu öffnen. Er empfängt im Kaminzimmer, einem langen Sitzungsraum, an dessen Ende sich Holzscheite im Kamin stapeln.

Wissmann sagt, er wolle nicht nur seine Amtszeit bis zum November 2018 wie geplant zu Ende bringen, sondern auch Klartext reden, nächste Woche, bei der Eröffnung der Automesse: "Man gewinnt Vertrauen zurück, wenn man offen und transparent ist und deutlich macht, dass man die Geschehnisse und Sorgen in Teilen der Politik und Öffentlichkeit ernst nimmt." Wissmann weiß: Wenn er einfach weitermacht wie bislang, dann glauben die Politiker bald, er habe den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Und dann könnten ihre Türen geschlossen bleiben.

Dabei ist Wissmann einer von ihnen. Wie so viele Lobbyisten der Autobranche hat er früher als Politiker gearbeitet. Er war drei Jahrzehnte lang Abgeordneter im Bundestag, für die CDU. Als junger Parlamentarier gehörte er zum Andenpakt, jener Männerclique, zu der neben EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger auch Hessens früherer Ministerpräsident Roland Koch, dessen Nachfolger Volker Bouffier und Ex-Bundespräsident Christian Wulff zählten. Mit Oettinger studierte Wissmann Jura in Tübingen, heute nennt der EU-Kommissar Wissmann einen seiner wichtigsten Ratgeber. Auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere wurde Wissmann Verkehrsminister und saß mit der heutigen Kanzlerin am Kabinettstisch der Regierung Kohl.