So schnell ändern sich die Zeiten: Es ist gar nicht lange her, da schien ein Sieg für die Freiheitlichen bei der nächsten Nationalratswahl nahezu fix, und die Volkspartei lag abgeschlagen auf der dritten Position. Nun, wenige Monate später, scheint alles auf den Kopf gestellt zu sein. Der blaue Kanzlerkandidat muss sich plötzlich staatstragend geben, wirkt damit eigentümlich alt. Er muss zusehen, wie der schwarze Sebastian Kurz, der die neue Parteifarbe Türkis angeordnet hat, erfolgreich seine Themen abstaubt und an ihm vorbeigezogen ist.

In den vergangenen Jahren wurde viel über den Niedergang der früheren Volksparteien SPÖ und ÖVP gerätselt. Jetzt sind aber plötzlich die Grünen in der Krise, die noch im vergangenen Dezember ihren Kandidaten als Bundespräsidenten in die Hofburg bringen konnten.

Die Sozialdemokraten weigern sich derweil, die Gesetze der Ökonomie der Aufmerksamkeit einzuhalten. Sie geben sich brav und berechenbar. Das ist zwar ehrenwert, aber ein wenig langweilig und etwas grau. Der Kanzlerpartei stehlen alle die Show: Sebastian Kurz raubt Christian Kern das Image des Strahlemanns, des mutigen Neuerers, und macht vergessen, dass er selbst schon viel länger in der Regierung sitzt als Kern. Diskutiert wird über die Querein- und Umsteiger der anderen Parteien. Die Genossen haben es in dieser Konstellation verpasst, ihr politisches Gewicht mit einem Kanzlerbonus zu potenzieren, wie das in Deutschland Angela Merkel mühelos gelungen ist. Diese Chance ist vertan. Die SPÖ kommt derzeit nur dann in die Schlagzeilen, wenn es um Personaldiskussionen in ihrer Wiener Landesorganisation oder um Turbulenzen im Beraterstab des Parteivorsitzenden geht.

Das gegenwärtige Hoch der Volkspartei könnte indes den Eindruck erwecken, der programmierte weitere Abstieg der beiden früheren Großparteien finde nun doch nicht statt, und der Verlust des Milieu- und Weltanschauungscharakters dieser Parteien sei gestoppt. Doch dieses hoffnungsfrohe Bild täuscht.

Selbst wenn es der ÖVP gelingt, am 15. Oktober ihre kontinuierliche Abwärtsentwicklung in einen Aufwärtstrend umzuwandeln, wäre das keine Wende in der Volkspartei. Vielmehr wäre der Überraschungserfolg ein Sondereffekt, welcher der türkisen Bewegung ihres Spitzenmannes zu verdanken ist. Der punktet dadurch, dass er die Strukturen der alten Partei de facto aufgelöst hat. Nun ist sie eben nicht mehr die ÖVP, die seit 31 Jahren ohne Unterbrechung an der Regierung beteiligt war und damit eine Säule jenes Systems darstellt, das Kurz jetzt zu zerstören vorgibt.

Es trübt offenbar nur wenig das Image des Erneuerers, dass Kurz in seinen Inhalten wie ein typischer Altpolitiker agiert. Er kündigt an, das Budget mit einer nebulösen Verwaltungsreform sanieren zu wollen, deren Konturen zu skizzieren das schwarze Regierungsteam über Jahrzehnte nicht in der Lage war. Er verspricht Wohltaten und vermeidet alle Ecken und Kanten, die potenzielle Wähler verärgern könnten. Das ist exakt jenes Verhalten, das üblicherweise den übel beleumundeten Altparteien zugeschrieben wird.

Man sollte Mitleid mit Strache haben, ein junger Politiker stiehlt ihm die Show

Sebastian Kurz besetzt alle Positionen, die zuvor Heinz-Christian Strache mit dem freiheitlichen Themenkatalog okkupiert hatte: den Anti-Islamismus – Kurz tritt nicht gegen bestimmte islamische Schulen auf, die auffällig geworden sind, sondern er lehnt sie generell ab. Kurz ist nicht nur für eine befristete Aufhebung mancher Schengen-Freiheiten, er will sie überhaupt einschränken. Und er wendet sich gegen Political Correctness. Kurz ist wie Strache, aber wie ein Strache, der eine elitäre Schule für besonders gutes, bürgerliches Benehmen besucht hat.