In Ostasien wird es jetzt wirklich gefährlich. Bei Nordkoreas Diktator Kim Jong Un schlägt Kaltblütigkeit in Tollkühnheit um. Er sagt der Welt den Kampf an, als trage er eine geheime Todessehnsucht in sich. Die Wasserstoffbombe, die er am vergangenen Sonntag testen ließ, ist ja nicht einfach eine neue Dreistigkeit in einer ganzen Kette von Provokationen. Diese unterirdisch gezündete Bombe besaß ein Vielfaches der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. Über eine schlimmere Waffe als die H-Bombe verfügt die Menschheit nicht.

Nordkorea - Nordkorea führt erneut Atomtest durch Erst registrierten China und die USA Erdstöße in Nordkorea. Dann meldete das Regime in Pjöngjang, man habe erfolgreich eine Wasserstoffbombe getestet. © Foto: KCNA via KNS/dpa

Stärker noch als den amerikanischen Präsidenten Donald Trump fordert Kim mit diesem Test Chinas Staatschef Xi Jinping heraus. Nicht nur weil in chinesischen Grenzstädten am Sonntagmorgen die Häuser wackelten. Nicht nur weil Xi gerade die Präsidenten von Russland, Indien, Brasilien und Südafrika zum Brics-Gipfel empfing, als Kim die Bombe zündete. Es ist die Volksrepublik, die jederzeit den dünnen Lebensfaden kappen kann, an dem das Regime in Pjöngjang hängt. Kim weiß das und schert sich trotzdem einen feuchten Kehricht um alle Warnungen aus Peking.

Wird Kim nicht gestoppt, dürfte in Asien ein nuklearer Rüstungswettlauf beginnen

Seit einiger Zeit stimmt die chinesische Regierung den UN-Sanktionen gegen Nordkorea nicht mehr nur zu, sie setzt diese auch durch. Gesträubt hat sie sich bisher jedoch gegen alle Forderungen, die Ölzufuhr zu stoppen. Damit käme die nordkoreanische Wirtschaft zum Erliegen. Kims Panzer stünden still, seine Kampfjets blieben am Boden. Über kurz oder lang wäre es mit dem Regime vorbei.

Diesen Schritt scheut China. Die Gründe dafür sind bekannt: Peking will keinen Kollaps in Pjöngjang, kein wiedervereinigtes Korea unter Führung des Südens, möglicherweise mit amerikanischen Soldaten an seiner Grenze. Aber es muss jetzt auch die Gegenrechnung aufmachen. Will es so lange warten, bis die USA tatsächlich militärisch intervenieren, weil Kim möglicherweise Guam angreift? Weil eine nordkoreanische Rakete auf Japan gestürzt ist? Oder einfach weil die Amerikaner es nicht hinnehmen, dass die nordkoreanische Despotie Los Angeles, Chicago oder New York mit Interkontinentalraketen und Wasserstoffbomben bedroht?

Zur Gegenrechnung gehört auch, dass in Asien ein nuklearer Rüstungswettlauf beginnt, wenn Kim jetzt nicht gestoppt wird. Südkoreas Opposition ruft bereits nach der Rückverlagerung amerikanischer taktischer Nuklearwaffen, die Präsident George H. W. Bush 1991 abgezogen hat. Umfragen zufolge ist eine Mehrheit der südkoreanischen Bevölkerung sogar für eigene Atomwaffen, um den Norden glaubwürdig abschrecken zu können. Will China das? Will es die gleichen Debatten in Japan oder in Vietnam?

Ein Krieg ist keine Option, alle wissen das. Aber Kim täuscht sich, wenn er meint, die einzige Alternative sei ein Dialog zu seinen Bedingungen. Solche Gespräche mit Nordkorea sind zweimal geführt worden und zweimal gescheitert. Deshalb ist es richtig, die Sanktionen noch einmal zu verschärfen, bis zum totalen Handelsboykott. Nur noch humanitäre Leistungen sollten erlaubt sein. Alle anderen Warenlieferungen, Finanz- und Dienstleistungen sollten Schritt für Schritt verboten werden. Es können Reise- und Einreiseverbote verhängt werden, es können alle wissenschaftlichen, kulturellen und sportlichen Beziehungen eingestellt werden.

Das politische Ziel sollte ein Regimewechsel sein. Der kann nur von innen erfolgen. Aber was von außen möglich ist, das sollte getan werden. Peking hat bis heute enge Kontakte in die Führung von Partei, Armee und Regierung, es kennt die Zweifler und die Kritiker. Sie wissen am besten, dass Nordkorea mit der Familie Kim keine Zukunft hat. Natürlich ist jede Ermutigung zu Opposition und Widerstand extrem riskant. Kims Onkel Chang Song Taek, den der Diktator exekutieren ließ, galt als Verbindungsmann Pekings in Pjöngjang. Auch Kims ermordeter Halbbruder stand unter Chinas Schutz. Ein Aufbegehren ist also lebensgefährlich.

Ob ein Putsch je möglich sein wird? Darüber kann man nur spekulieren. Eines aber ist sicher: In vollständiger Unwissenheit und Unmündigkeit kann auch diese totalitäre Diktatur die Menschen nicht halten. Mobiltelefone, Laptops, Tablets und USB-Sticks verbinden selbst die Bürger dieses isolierten Staates mit der Außenwelt. Auch in den Köpfen vieler Nordkoreaner steckt viel unbequemes Wissen. Es gibt keine Mauern ohne Risse mehr in der digitalisierten Welt von heute. Nicht mal in Nordkorea.

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