Mit trübem Blick und hängenden Kopf verließen Montagabend viele grüne Funktionäre einen üppig mit Stuck verzierten Veranstaltungssaal in der Wiener Berggasse. Im Vienna Ballhouse wollte Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek dem Kern der Ökopartei Mut für die kommenden Wochen machen und ihre Truppe für eine Aufholjagd motivieren. Allein, Aufbruchsstimmung wollte sich nicht ausbreiten. So manchem schwante Übles. "Das wird ein böses Ende nehmen", prophezeit ein altgedienter Funktionär: "Wir schlittern in ein Desaster." Die Stimmung, sagt er, sei am Boden.

Tatsächlich stehen die Grünen vor einer beinahe existenzbedrohenden Wahlentscheidung. So geschwächt waren sie seit Jahrzehnten nicht mehr angetreten. Der überstürzte Abgang von Parteichefin Eva Glawischnig, die im Mai entnervt von jahrelangem parteiinternen Hader ihre Funktionen zurückgelegt hatte, ließ die ohnehin nur schwer zu bändigenden Rivalitäten zwischen Fundis, Realos, Egomanen und Wohlfühlgrünen unkontrolliert ausbrechen. Mit dem Ergebnis, dass eine Gruppe rund um den umtriebigen Selbstdarsteller Peter Pilz die Partei verließ, weil die Mandatare auf den Kandidatenlisten nicht die angestrebten Spitzenplätze erhielten, und nun am 15. Oktober mit einer eigenen Liste antritt – gegen ihre alten Weggefährten.

Die neue Parteiführung, ein Trio, reagierte sichtlich hilflos auf die Spaltung. Die Partei verengte sich, und nach dem personellen Aderlass zog man sich programmatisch in eine grüne Wagenburg zurück. Dementsprechend besteht das aktuelle Wahlprogramm auch hauptsächlich aus Weltverbesserungslosungen und enthält kaum realistische Vorschläge.

Das Chaos um die Kandidatenkür offenbarte deutlich, wie groß die Lücke ist, die der zu Jahresbeginn zurückgetretene Bundesgeschäftsführer Stefan Wallner zurückgelassen hatte. Dem durchaus auch umstrittenen Organisationstalent mit Caritas-Erfahrung war es gelungen, ein gewisses Maß an Disziplin und Professionalität im Funktionärsapparat durchzusetzen und sicherzustellen, dass im entscheidenden Augenblick alle an einem Strang zogen. Unter seinem Nachfolger blühten hingegen die Intrigenspiele wider auf.

Der Konflikt mit dem Renegaten Peter Pilz macht auch augenscheinlich, dass die Ökopartei keinesfalls ein geschlossenes Ziel verfolgt. Obwohl sie demnächst wohl nicht in die Verlegenheit kommen werden, spaltet die Grünen die Frage, an wessen Seite sie eine Regierungsbeteiligung – das deklarierte Ziel Nummer eins seit vielen Jahren – anstreben sollen. Im Westen überwiegen die Präferenzen für ein schwarz-grünes Modell, in dem sich etwa in der Tiroler Landesregierung alle Beteiligten wohlfühlen. In Wien hingegen sieht der linke, urbane Flügel in der rot-grünen Stadtregierung das Zukunftsmodell und die eigene Rolle darin, als ökosoziales Gewissen sozialdemokratischer Machtpolitik zu agieren.

Mitten in diese ungeklärte Diskussion stürmt nun Peter Pilz mit seinen Phrasen vom linken Populismus und mischt das grüne Fußvolk auf. In den Umfragen sind die Grünen auf die Hälfte ihrer Stärke eingebrochen, manche sehen sogar schon den neuerlichen Einzug ins Parlament in Gefahr. Besonders in Wien, einem der wichtigsten grünen Wählerreservoirs, scheint der Faktor Pilz verheerenden Schaden anzurichten: Im Auftrag eines politischen Mitbewerbers wollen die Demoskopen herausgefunden haben, dass die Liste Pilz in der Millionenmetropole derzeit doppelt so viele Unterstützer findet wie die Hauptstadtgrünen.