Parteiprogramme ähneln sich darin, dass große Erzählbögen zur Zukunft Deutschlands unvermittelt von Detailfragen unterbrochen werden. "Wir sehen ein Land voller Kraft und Gestaltungswillen", heißt es bei der FDP, "ein Land, das platzt vor Ideen." Doch in diesem Land gibt es auch das Problem mit dem Kormoran.

Der Kormoran war lange bedroht, heute haben sich die Bestände erholt. Nun frisst er den Anglern die Fische weg. Jeder soll laut FDP seine eigene Lage mit eigener Leistung verbessern dürfen, nicht aber der Kormoran. Dessen Population will die Partei regulieren, um den liberalen Teichwirt vor den Härten des Marktes zu schützen.

Kleine Probleme entfalten in einem Parteiprogramm große Wirkung. Die Grünen widmen sich den in Gefangenschaft lebenden Delfinen. Die Partei will deren Leid beenden. Wie viele Delfine in Deutschland leben, lässt sich schwer ermitteln. Es könnte sein, dass die Zahl in etwa so hoch ist wie die der Burkaträgerinnen. Doch Zahlen entscheiden nicht alles, eine Partei macht auch Angebote fürs Herz: Die Konservativen reden über Burkas, die Grünen über Delfine. So lässt sich das Profil schärfen.

Warum sonst befassen sich Grüne und FDP in ihren Programmen beide recht ausführlich mit dem Thema exotische Heimtiere? Es ist eine Gelegenheit, entgegengesetzte Positionen einzunehmen. Die Grünen wollen "eine rechtskonforme Positivliste mit den Tierarten, die privat gehalten werden können". Für die FDP dagegen gilt der Grundsatz "Lenken statt Verbieten". "Modelle wie Positiv- und Negativlisten, welche die Haltung bestimmter Arten untersagen, lehnen wir entschieden ab."

Nur vordergründig geht es um Haustiere, in Wirklichkeit um Verbote, für beide Parteien das Metathema. Die einen stehen im Ruf, zu viel zu verbieten, die anderen, heißt es, wollten alles erlauben. Den Grünen merkt man die Unsicherheit an, denn hätte die Partei nicht solche Sorge, als Spaßbremse zu wirken, hätte es wohl einfach geheißen: Die Haltung bestimmter Haustiere werden wir verbieten. Dagegen tritt die FDP selbstbewusst auf, wie neugeboren nach vier Jahren Abwesenheit im Bundestag, ganz so, als hätte es eine Krise des Neoliberalismus und seiner Euphemismen nie gegeben. Freiheit heißt, jeder macht, was er will, Pech für die Echse in ihrem Terrarium.

Das Verhältnis von Tier und Mensch ist bei den Grünen für den Menschen eine Übung in Toleranz: Ein Tier spricht nicht unsere Sprache, trotzdem hat es Bedürfnisse und Rechte, die wir achten wollen. Eine Sanftheit, die der FDP nur fremd sein kann, denn ihrem Grundsatz nach gewinnt immer der, der nun mal gewinnt. Lange Zeit hat der Mensch sich vor dem Tier gefürchtet, heute ist es halt andersherum.

So weit zu den Geschmacksfragen. Daneben gibt es noch die wirklichen Probleme. Und je größer ein Problem, desto weniger eignet es sich offenbar zur Profilierung. Echte Lösungen streben der Mitte zu. So kommt die FDP nicht umhin, die Gefahr des durch Gülle aus Intensivtierhaltung verschmutzten Grundwassers in Deutschland zu sehen. Einträge sollten reduziert werden, heißt es, es gelte das Verursacherprinzip. An dieser Stelle jedoch muss das Parteiprogramm das Thema wechseln, denn würde man den Gedanken weiterdenken, man würde dort landen, wo die Grünen schon sind, nämlich bei einer Verschärfung der Gülleverordnung, was eben nichts anderes als ein Verbot ist (von zu viel Gülle auf den Äckern).

Die Grünen wiederum wollen eine Verbesserung der Lage der Nutztiere in Deutschland erreichen, indem sie auf die Kraft des Marktes setzen. Während die Lebensmittelindustrie dem Verbraucher nicht die Wahrheit darüber zumuten will, wie es dem Tier ergangen ist, dessen Teile im Supermarkt abgepackt vor ihm liegen, glauben die Grünen, ein Kunde wolle genau darüber Bescheid wissen. "Nur so können Verbraucher*innen wirklich eine Entscheidung darüber fällen, welches Fleisch sie essen wollen." Oder wie die FDP vielleicht sagen würde, wenn sie dem Thema Nutztiere in ihrem Programm mehr als bloß ein paar Zeilen widmen würde: Nur so wird marktwirtschaftlich effizient die erforderliche Leistung bereitgestellt.

Doch bei aller Liebe der Parteien zum Kompromiss – wie kann es sein, dass die FDP zwar "alle staatlichen Subventionen überprüfen" will, nicht aber die EU-Agrarsubventionen? Die Grünen wollen öffentliche Gelder an ökologische Leistung binden. Bauern sollen Subventionen erhalten und aktiv etwas für die Umwelt, also die Allgemeinheit tun, sich zum Beispiel um die Artenvielfalt kümmern, sodass die Bestände von Insekten und Vögeln sich regenerieren können. Für die Ökopartei ist eine Umschichtung der Subventionen das entscheidende Instrument, um Deutschland umweltfreundlicher zu machen. Die FDP dagegen scheint damit zufrieden zu sein, wie es ist: Landwirte erhalten ohne Gegenleistung Milliarden aus öffentlicher Hand.

Dieser Widerspruch im Programm könnte schlichtem Desinteresse geschuldet sein. Oder er rührt daher, dass die FDP bereits einer Koalition mit der CDU vorgreift, der nichts so heilig ist wie die Agrarsubventionen, als seien gerade sie, und nur sie, letzter Ausdruck des konservativen Lebensgefühls.