Es gehört zum großen Geheimnis der DDR, dass sie tatsächlich einen neuen Menschen geschaffen hat, der selbst den Zusammenbruch des Ostblocks ziemlich gut überlebt hat: den kritischen Bürger des Sozialismus. Einen Bürger, der zwar sogenannte Fehlentwicklungen kritisiert (Stalinismus, Bürokratie, Stasi), aber der doch glaubt, dass der Kapitalismus das noch größere Übel ist (Ungleichheit, Ausbeutung, Entfremdung).

Diesem kritischen Bürger der DDR, diesem Michel des wahren Sozialismus, den es derart verbreitet in keinem anderen Land des Ostens gab, hat der Schriftsteller Ingo Schulze mit seiner Figur Peter Holtz jetzt ein Denkmal gesetzt. Holtz, ein Waisenkind aus der DDR, nimmt den Sozialismus ernster als alle anderen Menschen um ihn herum, ja selbst ernster, als es Partei und Stasi gestatten. Er taugt mit seiner Naivität nicht einmal zum Spitzel, belehrt aber Freunde und Feinde auf Hunderten von Seiten über den wahren Kommunismus. Dem Schelm dieses Schelmenromans widerfahren genregemäß die lustigen Abenteuer, er gestaltet sie nicht. Das tölpelhafte, slapstickhafte Hineinstolpern in die Welt führt zu zahlreichen zum Schmunzeln einladenden Kalauern und grotesken Situationen. Der betont warmherzige Humor speist sich dabei immer aus der maximalen Distanz zur Lebenswirklichkeit. Als die Mauer fällt, räsoniert Holtz sehr ernsthaft darüber, wie es der DDR gelingen könnte, all die Verfolgten und Obdachlosen aufzunehmen, die jetzt in den sozialistischen Staat strömen dürften.

Alle Weltfremden sind ja sympathisch. Diesem treuherzigen Deutschen widerfährt der Sex genauso wie der christliche Glaube, den er in der Dissidentenszene aufschnappt und mit dem Kommunismus zu kombinieren versucht. Wie fremdgesteuert findet er sich schließlich in der Ost-CDU wieder und wird beinahe zu einer maßgeblichen Figur der sogenannten Wende. Wie fremdgesteuert agiert er dann auch im Kapitalismus, wo er aus purem Zufall zu erheblichem Wohlstand und einem fetten Bauch gelangt. Überhaupt findet hier der wahre Verfall im Westen statt und nicht im Osten. Es mag im Osten die Repression gegeben haben, im Westen aber regiert das kalte Herz des Kapitalismus. Man wird reich, unglücklich und entfremdet. Diese Annahme noch einmal sehr deutlich und sehr ernsthaft herauszustellen, gelingt Ingo Schulze über die Figur eines ahnungslosen Helden, der sich wundernd durch die Welt läuft

Die Rollenprosa, in der dieser Roman abgefasst ist, ist ein großes Wagnis. Da Holtz einfach ist, muss auch die Sprache einfach sein, in Staatsangelegenheiten wie beim Sex: "Später leitet sie mich so geschickt, dass ich mein Glied nur noch in sie hineindrücken muss. Damit es nicht so schnell vorbei ist, versuche ich, an etwas anderes zu denken, weiß aber nicht sofort, woran. Es ist leichter, von Nicaragua zu träumen als von der Sowjetunion oder der CDU." Das stimmt gewiss, aber auf fast 600 Seiten gerät diese bewusst eingesetzte Rollenprosa der Einfachheit doch ein wenig zur Geduldsprobe. In den meisterhaften Erzählungen Schulzes (etwa den berühmten Simplen Storys oder dem Band Handy) gelang es Schulze, die Lebensbrüche seiner Protagonisten durch die Vermeidung jeder Innerlichkeit anrührend aufscheinen zu lassen. Einer Figur aber, der man über viele Hundert, zum Teil auch unterhaltsame Seiten folgt, wünschte man mehr Reflexion. Sonst bleibt sie an das Genre, das sie tapfer erfüllt, gekettet.

Ingo Schulze: Peter Holtz. Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2017; 576 S., 22,– €, als E-Book 19,99 €