Es gibt nur wenige Menschen auf dieser Welt, die auferstanden sind aus ihrem Grab, Salvador Dalí ist einer von ihnen. 28 Jahre nach seinem Tod kam er als Mumie zurück auf die Erde und trug seinen Bart, wie er ihn immer trug, die Spitzen seiner Zwirbel auf die Schläfen gerichtet. Ein Gericht hatte angeordnet, Dalí zurück ans Tageslicht zu holen, um festzustellen, ob er posthum zum Vater einer Tochter wird.

Ein paar Tage nach der Exhumierung, an einem Nachmittag im August, empfängt eine Frau in einem Hotel am Stadtrand von Madrid: Pilar Abel, die sich selbst nur als Pilar vorstellt. "Ich habe zurzeit keinen Nachnamen", sagt sie, "aber eine Abel bin ich nicht."

Es ist ihr viertes Interview an diesem Tag, sie war im spanischen Morgenfernsehen, ein Redakteur der Lokalzeitung hat ihr Fragen gestellt, jemand von der BBC hat sie am Telefon interviewt. Seit zwei Monaten gehe das jeden Tag so.

Pilar Abel ist eine kleine, massige Frau, die viel Schmuck und hohe Schuhe trägt, ihre Haare hat sie schwarz gefärbt, ihre Augen mit schwarzer Schminke umrandet, ihre Stimme klingt rauchig und tief. Sie ist 61 Jahre alt, Mutter von vier Töchtern, Großmutter von vier Enkeln, "einen Beruf habe ich nie gelernt, aber ich habe eine Berufung", sagt sie. "Ich bin Hexe." In ihrer Handtasche trägt sie einen Stapel Spielkarten, wer zahlt, dem legt sie die Karten und sagt ihm das Leben voraus.

"Du bist also gekommen, um meine Geschichte zu hören", sagt sie, setzt sich auf ein Sofa im Hotelfoyer und beginnt zu erzählen, wie es dazu kam, dass sie, eine unbekannte Frau aus einer spanischen Kleinstadt, von Journalisten aus Japan, Australien und Amerika besucht wird. Und wieso nicht länger Pilar Abel in ihrem Pass stehen sollte, sondern Pilar Dalí.

Offiziell hatte Salvador Dalí, der spanische Surrealist, der Uhren zerfließen ließ und Sofas baute, die aussehen wie Lippen, keine Kinder. Aber inoffiziell vielleicht doch?

Kann die Geschichte von Pilar Abel stimmen? Ist diese Frau ein echter Dalí?

Pilar Abel wurde 1956 in Figueres geboren, einer kleinen Stadt im Nordosten Spaniens, als ältestes von drei Geschwistern. Die Mutter war Mitte zwanzig, als Pilar zur Welt kam, und sie arbeitete, was es zu arbeiten gab: als Kindermädchen, als Putzfrau, als Verkäuferin. Über den Mann ihrer Mutter spricht Pilar Abel nicht, sie sagt nur: "Er war nie ein Vater für mich." Pilar war mehr bei ihrer Großmutter als bei ihren Eltern.

In derselben Stadt war – fünf Jahrzehnte vor Pilar Abel – ein Mann geboren worden, der zu einem der bedeutendsten Künstler der Welt werden sollte. Ein Mann, den manche für verrückt hielten und andere für genial. Er kleidete sich wie ein Dandy, sein Haustier war ein Ozelot, den er an der Leine Gassi führte, und er sagte, seine Bartspitzen seien Antennen, mit denen er göttliche Botschaften empfange: Salvador Dalí.

Dieser erste Teil von Pilar Abels Geschichte ist unstrittig.

Im Hotelfoyer in Madrid erzählt sie nun, dass sie diesem Mann als Kind manchmal begegnete, wenn sie mit ihrer Oma unterwegs war. "Ich war sechs oder sieben oder acht Jahre alt, als er auf dem Hauptplatz an uns vorbeiging. Meine Oma sagte zu mir: 'Ich liebe dich wie eine Großmutter, aber ich weiß, dass mein Sohn nicht dein Vater ist.' Sie zeigte auf den komischen Mann und sagte: 'Der da ist dein Vater.' "

Jahre später, sagt Pilar Abel, habe sie ihre Mutter gefragt, ob das wahr sei. Und die habe ihr gestanden, dass Pilar aus einer Affäre hervorgegangen sei. Die Mutter habe als Kindermädchen im Haus einer reichen Familie im nahe gelegenen Fischerdörfchen Portlligat gearbeitet, bei der Dalí oft zu Besuch war. Als sie merkte, dass sie schwanger war, habe sie schnell einen anderen Mann geheiratet.

Was Pilar Abel beschreibt – ein uneheliches Kind zu sein –, ist ein Phänomen, das so alt ist wie die Ehe selbst. Genaue Zahlen, wie viele Menschen Kuckuckskinder sind, gibt es nicht. Einige Studien sagen: bis zu zwanzig Prozent aller Kinder. Andere Studien sagen: nur ein bis zwei Prozent. Wie soll man auch berechnen, was keiner wissen darf?

Sicher ist, dass es immer schwieriger wird, einem Mann ein Kind unterzuschieben. Die Gefahr aufzufliegen ist groß: Ein DNA-Test ist heute schnell und günstig zu haben, ab 150 Euro. Zumindest dann, wenn Kind und Vater noch leben.

Der Wunsch, die eigene Herkunft zu klären, den wahren Vater zu finden, ist das eine – weil man sich immer gefragt hat, wieso man anders ist als die Geschwister, wieso man dem Mann der Mutter nicht ähnelt, nicht äußerlich und nicht charakterlich.

Wenn aber der angeblich wahre Vater ein berühmter Mensch ist, kommen andere mögliche Motive dazu. Es kann dann um viel Geld gehen: um Unterhaltszahlungen, um ein Erbe. Um Ruhm und Aufmerksamkeit.