Es gibt nur wenige Menschen auf dieser Welt, die auferstanden sind aus ihrem Grab, Salvador Dalí ist einer von ihnen. 28 Jahre nach seinem Tod kam er als Mumie zurück auf die Erde und trug seinen Bart, wie er ihn immer trug, die Spitzen seiner Zwirbel auf die Schläfen gerichtet. Ein Gericht hatte angeordnet, Dalí zurück ans Tageslicht zu holen, um festzustellen, ob er posthum zum Vater einer Tochter wird.

Ein paar Tage nach der Exhumierung, an einem Nachmittag im August, empfängt eine Frau in einem Hotel am Stadtrand von Madrid: Pilar Abel, die sich selbst nur als Pilar vorstellt. "Ich habe zurzeit keinen Nachnamen", sagt sie, "aber eine Abel bin ich nicht."

Es ist ihr viertes Interview an diesem Tag, sie war im spanischen Morgenfernsehen, ein Redakteur der Lokalzeitung hat ihr Fragen gestellt, jemand von der BBC hat sie am Telefon interviewt. Seit zwei Monaten gehe das jeden Tag so.

Pilar Abel ist eine kleine, massige Frau, die viel Schmuck und hohe Schuhe trägt, ihre Haare hat sie schwarz gefärbt, ihre Augen mit schwarzer Schminke umrandet, ihre Stimme klingt rauchig und tief. Sie ist 61 Jahre alt, Mutter von vier Töchtern, Großmutter von vier Enkeln, "einen Beruf habe ich nie gelernt, aber ich habe eine Berufung", sagt sie. "Ich bin Hexe." In ihrer Handtasche trägt sie einen Stapel Spielkarten, wer zahlt, dem legt sie die Karten und sagt ihm das Leben voraus.

"Du bist also gekommen, um meine Geschichte zu hören", sagt sie, setzt sich auf ein Sofa im Hotelfoyer und beginnt zu erzählen, wie es dazu kam, dass sie, eine unbekannte Frau aus einer spanischen Kleinstadt, von Journalisten aus Japan, Australien und Amerika besucht wird. Und wieso nicht länger Pilar Abel in ihrem Pass stehen sollte, sondern Pilar Dalí.

Offiziell hatte Salvador Dalí, der spanische Surrealist, der Uhren zerfließen ließ und Sofas baute, die aussehen wie Lippen, keine Kinder. Aber inoffiziell vielleicht doch?

Kann die Geschichte von Pilar Abel stimmen? Ist diese Frau ein echter Dalí?

Pilar Abel wurde 1956 in Figueres geboren, einer kleinen Stadt im Nordosten Spaniens, als ältestes von drei Geschwistern. Die Mutter war Mitte zwanzig, als Pilar zur Welt kam, und sie arbeitete, was es zu arbeiten gab: als Kindermädchen, als Putzfrau, als Verkäuferin. Über den Mann ihrer Mutter spricht Pilar Abel nicht, sie sagt nur: "Er war nie ein Vater für mich." Pilar war mehr bei ihrer Großmutter als bei ihren Eltern.

In derselben Stadt war – fünf Jahrzehnte vor Pilar Abel – ein Mann geboren worden, der zu einem der bedeutendsten Künstler der Welt werden sollte. Ein Mann, den manche für verrückt hielten und andere für genial. Er kleidete sich wie ein Dandy, sein Haustier war ein Ozelot, den er an der Leine Gassi führte, und er sagte, seine Bartspitzen seien Antennen, mit denen er göttliche Botschaften empfange: Salvador Dalí.

Dieser erste Teil von Pilar Abels Geschichte ist unstrittig.

Im Hotelfoyer in Madrid erzählt sie nun, dass sie diesem Mann als Kind manchmal begegnete, wenn sie mit ihrer Oma unterwegs war. "Ich war sechs oder sieben oder acht Jahre alt, als er auf dem Hauptplatz an uns vorbeiging. Meine Oma sagte zu mir: 'Ich liebe dich wie eine Großmutter, aber ich weiß, dass mein Sohn nicht dein Vater ist.' Sie zeigte auf den komischen Mann und sagte: 'Der da ist dein Vater.' "

Jahre später, sagt Pilar Abel, habe sie ihre Mutter gefragt, ob das wahr sei. Und die habe ihr gestanden, dass Pilar aus einer Affäre hervorgegangen sei. Die Mutter habe als Kindermädchen im Haus einer reichen Familie im nahe gelegenen Fischerdörfchen Portlligat gearbeitet, bei der Dalí oft zu Besuch war. Als sie merkte, dass sie schwanger war, habe sie schnell einen anderen Mann geheiratet.

Was Pilar Abel beschreibt – ein uneheliches Kind zu sein –, ist ein Phänomen, das so alt ist wie die Ehe selbst. Genaue Zahlen, wie viele Menschen Kuckuckskinder sind, gibt es nicht. Einige Studien sagen: bis zu zwanzig Prozent aller Kinder. Andere Studien sagen: nur ein bis zwei Prozent. Wie soll man auch berechnen, was keiner wissen darf?

Sicher ist, dass es immer schwieriger wird, einem Mann ein Kind unterzuschieben. Die Gefahr aufzufliegen ist groß: Ein DNA-Test ist heute schnell und günstig zu haben, ab 150 Euro. Zumindest dann, wenn Kind und Vater noch leben.

Der Wunsch, die eigene Herkunft zu klären, den wahren Vater zu finden, ist das eine – weil man sich immer gefragt hat, wieso man anders ist als die Geschwister, wieso man dem Mann der Mutter nicht ähnelt, nicht äußerlich und nicht charakterlich.

Wenn aber der angeblich wahre Vater ein berühmter Mensch ist, kommen andere mögliche Motive dazu. Es kann dann um viel Geld gehen: um Unterhaltszahlungen, um ein Erbe. Um Ruhm und Aufmerksamkeit.

Erbschleicher, Ruhmsucher, Verrückte?

Der ehemalige Tennis-Star Boris Becker, der amerikanische Rapper Jay-Z, der verstorbene französische Präsident François Mitterrand, die Könige Juan Carlos I. von Spanien und Albert II. von Belgien – ihnen allen wurden uneheliche Kinder nachgesagt.

Bei Boris Becker hat ein DNA-Test vor Jahren bewiesen, dass er tatsächlich der Vater des Besenkammer-Mädchens ist. Jay-Z hat sich bisher geweigert, eine Speichelprobe abzugeben. François Mitterrand hatte eine uneheliche Tochter, die er regelmäßig besuchte, das steht fest, seit drei Jahren aber sagt ein junger Schwede, auch er sei ein Kind Mitterrands. Juan Carlos I. wurde gleich zweimal auf Vaterschaft verklagt und Albert II. einmal.

Wer sind diese Menschen, die in der Öffentlichkeit als "das Kind von" wahrgenommen werden wollen? Fühlen sie sich vernachlässigt, verraten, verlassen? Oder sind sie Erbschleicher, Ruhmsucher, Verrückte?

Und in welche Kategorie gehört Pilar Abel?

"Bald kommt das Ergebnis der DNA-Proben, und dann wird die Welt endlich wissen, woher ich mein Genie habe", sagt sie an diesem Nachmittag im Hotelfoyer.

Am 18. September wird eine Richterin am Gericht Nummer 11 von Madrid das Urteil im Fall der Vaterschaftsklage 284/2015 sprechen.

Die Klägerin: Pilar Abel. Die Beklagten: die Dalí-Stiftung und der spanische Staat, derzeit der einzige Erbe des Künstlers.

Sollten die Proben positiv sein, müssten nicht nur Dalís Bilder neu interpretiert und seine Biografien umgeschrieben werden. Pilar Abel wäre dann auch auf einen Schlag sehr reich. Ihr stünden 25 Prozent des Erbes zu, Schätzungen zufolge mindestens 50 Millionen Euro.

Der Anwalt: Enrique Blánquez konnte das Gericht überzeugen, Salvador Dalís Leichnam exhumieren zu lassen. © Amrai Coen für DIE ZEIT

Seit elf Jahren wartet Pilar Abel auf dieses Urteil, dreimal hat sie in der Zeit ihren Anwalt gewechselt. Erst der vierte schaffte, was den anderen nicht gelungen war: glaubhaft zu machen, dass sie wirklich die Tochter Salvador Dalís sein könnte. Die Richterin davon zu überzeugen, eine Exhumierung zu veranlassen. Ein Ereignis, von dem Zeitungen auf der ganzen Welt berichteten.

Nicht weit von Pilar Abels Hotel entfernt, in einem Café mit Plastikstühlen und Plastiktischen, sitzt dieser Anwalt, raucht selbst gedrehte Zigaretten und trinkt schwarzen Kaffee. Enrique Blánquez ist ein Mann Anfang dreißig mit Dreitagebart und rosa Hemd. Normalerweise kümmert er sich um Firmenverträge, um Scheidungen, um Grundstücksrechte. Im Februar rief ihn das Gericht an und teilte ihm diesen Fall zu. Weil Pilar Abel sich als zahlungsunfähig gemeldet hat, konnte sie justicia gratuíta beantragen, Prozesskostenhilfe. Das heißt: Der Staat zahlt ihr den Anwalt. Blánquez verdient fast nichts an diesem Fall, insgesamt 300 oder 400 Euro. Aber das stört ihn nicht. "Es ist der eigenartigste und größte Fall meiner Karriere", sagt er.

Blánquez war ganz vorne dabei, als sich Hunderte Journalisten und Schaulustige am späten Abend des 20. Juli vor dem Dalí-Museum von Figueres, in dem der Künstler begraben liegt, versammelten, um mitzuerleben, wie Dalí aus der Erde geholt wird. Absperrgitter schützen das Gebäude, bewaffnete Polizisten stehen vor den Eingängen, nur 13 Personen dürfen eintreten: Forensiker, Bestatter, die Bürgermeisterin, der Polizeichef, Vertreter des Gerichts, Vertreter der Dalí-Stiftung. Und Enrique Blánquez. Als Klägerin war Pilar Abel eine der wenigen, die bei der Exhumierung hätten dabei sein dürfen. "Ich wollte meinen Vater nicht in diesem Zustand sehen", sagt sie. Deshalb schickte sie ihren Anwalt.

Blánquez muss am Eingang des Museums sein Handy abgeben, damit er keine Fotos machen kann. Er wird mit einem Handscanner abgetastet, muss sich einen grünen Kittel überziehen, Gummihandschuhe, einen Mundschutz, ein Netz für die Haare. Das Dalí-Museum ist ein ehemaliges Theater, das im Spanischen Bürgerkrieg zerstört wurde und das Dalí vor seinem Tod wieder aufbauen ließ: zu einem Schauplatz seiner eigenen Kunst. Gleich hinter dem Eingang betritt man eine gigantische Bühne, unter der Dalí begraben liegt. Dort reißen jetzt Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens mit einer Stahlwinde die tonnenschwere Grabplatte aus dem Boden, mit Seilen heben sie den Sarg aus fünf Meter Tiefe auf die Bühne. Sie öffnen den Sargdeckel.

"Und dann lag er dort vor uns", sagt Blánquez, "er sah aus wie die Mumien aus den Alpen, die ewig unter Eis lagern, ein bisschen wie Ötzi." Dalí war nach seinem Tod einbalsamiert worden, sein Hausarzt spritzte der Leiche damals sechs Liter einer formalinhaltigen Substanz. Als Blánquez sie sieht, ist sie dunkelbraun und steif und trocken wie Holz. "Es roch nach gar nichts", sagt er.

Auf der Bühne des Museums treten nun Forensiker an die Mumie. Mit einer Pinzette reißen sie dem toten Dalí ein paar Haare aus, mit einer Zange ziehen sie ihm drei Zähne und sechs Zahnwurzeln, die unter Kronen liegen. Anschließend ein paar Fingernägel. Material für den DNA-Test.

"Dalí wäre entzückt"

Die Forensiker greifen zu einer elektrischen Säge und zerschneiden Dalís Beine über dem Knie, um auch Genproben aus seinen Oberschenkelknochen zu gewinnen. "Drei oder vier Stunden hat es gedauert, bis Dalí wieder unter der Bühne lag. Wir haben applaudiert", erzählt Enrique Blánquez. Applaus, als wäre es eine Inszenierung Dalís gewesen.

"Wer interessieren will, muss provozieren!", hat Salvador Dalí einmal gesagt. Er wollte auffallen, um jeden Preis. Spricht man heute mit Menschen, die ihn kannten, sagen sie alle: Er hätte die Absurdität dieser Wochen geliebt. "Er wäre entzückt", schreibt sein Biograf Ian Gibson. "Sie reden wieder über mich! Lang lebe Dalí!"

Dalí war fasziniert vom wissenschaftlichen Fortschritt. Nachdem die Doppelhelix-Struktur der DNA 1953 entschlüsselt wurde, malte er sie in mehreren Bildern. Ein paar Jahre vor seinem Tod, 1984, entdeckte der Brite Alec Jeffreys den genetischen Fingerabdruck. Jenen DNA-Bestandteil, mit dem sich jede Person identifizieren lässt und aus dem sich Familienverhältnisse ablesen lassen. Bis dahin hatte man Vaterschaften am Aussehen festgemacht oder Blutgruppen verglichen. Jeffreys’ Entdeckung revolutionierte Familienstreitigkeiten. Seitdem lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststellen, ob jemand der leibliche Vater eines Kindes ist oder nicht.

In Laboren werden nun Dalís Genproben mit den Speichelproben von Pilar Abel und ihrer Mutter Antonia Martínez verglichen. Auf das Ergebnis wird das Gericht in Madrid sein Urteil stützen.

Glaubt der Anwalt Blánquez, dass Pilar Abel die Tochter von Salvador Dalí ist? "Natürlich glaube ich das. Meine Mandantin hat vertrauenswürdige Zeugen gebracht, die bestätigen, dass sie die Tochter ist."

Da sind zum Beispiel: eine entfernte Verwandte von Dalí, die behauptet, ihre Tanten und Pilar Abel sähen sich zum Verwechseln ähnlich. Außerdem eine Bekannte der Mutter von Pilar Abel, die sagt, die Mutter habe ihr gestanden, dass Dalí der Vater sei.

Auf Twitter und Facebook, in Kommentarspalten und Internetforen wird Pilar Abel seit der Exhumierung beschimpft: "Die Frau ist eine Irre" – "Eine große Lügnerin" – "Eine puta loca" – "Sie gehört in den Knast!"

Konfrontiert man sie damit, zitiert sie einen Satz von Dalí – es ist der einzige Satz, den sie von ihm zitieren kann: "Ob sie gut oder schlecht über mich reden – wichtig ist nur, dass sie über mich reden."

Es ist Abend geworden in Madrid. Pilar Abel bekommt Besuch von ihrer Tochter und ihrer Enkelin. Ein privater Fernsehsender hat ihnen die Anreise gezahlt und die Übernachtung im Hotel, in dem auch Pilar Abel seit zwei Monaten auf Kosten des Senders wohnt. Es ist eines dieser modernen Kongresshotels mit Marmorböden, Glastischen und Sesseln aus Kunstleder. Von hier sind es nur ein paar Minuten bis zum Fernsehsender Telecinco. Ein Sender, den der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi mitgegründet hat. Ein Sender, der sehr viel Werbung zeigt. Alle paar Tage wird Pilar Abel dort in eine Talkrunde geladen, morgen früh wird sie zusammen mit ihrer Tochter auftreten.

"Kommt, Kinder, wir fahren in die Stadt", sagt Pilar Abel. "Ich muss heute Abend Paella essen." In einem Fischrestaurant, in dem Rettungsringe und Netze an den Wänden hängen, bestellt sie einen Familientopf. Während die drei auf das Essen warten, spielen sie mit ihren Handys. Die zwölfjährige Enkelin filmt sich selbst, die Tochter skypt mit einer Freundin, und Pilar Abel macht Selfies, die sie an ihre WhatsApp-Kontakte schickt.

Als der große Topf auf den Tisch gestellt wird und Pilar Abel die Teller befüllt, sagt sie: "Immer wenn ich Paella esse, spricht Dalí zu mir. Ihr werdet sehen, morgen kommen neue Enthüllungen."

Nach dem Essen läuft Pilar Abel durch das Schwulenviertel Chueca, in dem die Menschen abends auf den Straßen sitzen und feiern. Sie geht voran, Tochter und Enkelin folgen ihr. Wenn es blitzt, weil irgendjemand irgendein Foto von irgendwas macht, dreht Pilar Abel sich um. Wurde sie gerade fotografiert? An ihre Enkelin gerichtet sagt sie: "Deine Oma ist jetzt die berühmteste Frau auf dem Planeten!"

Man muss nicht viel Zeit mit Pilar Abel verbringen, um zu begreifen, welcher Mensch ihr im Leben am wichtigsten ist, wichtiger als ihre Töchter, wichtiger als ihre Enkel: Es ist sie selbst. In ihrer Selbstverliebtheit ähnelt sie dem Mann, den sie für ihren Vater hält.

Der sagte einmal: "Jeden Morgen, wenn ich erwache, erlebe ich die allergrößte Freude: nämlich die, Salvador Dalí zu sein!"

Die Zeugin

Die Frauen setzen sich in eine Bar, Pilar Abel bestellt einen Mojito, ohne Alkohol. An manchen Abenden legt sie hier Karten, 40 Euro pro Person für einmal Leben lesen. Ein Schmuckverkäufer stellt sich neben den Tisch, die Frauen schauen sich sein Angebot an. "Hast du nichts zu verschenken?", fragt Pilar Abel, und er reicht ihr drei schmale geknüpfte Armbänder. Sie faltet die Bänder zu einem U zusammen, das sie zwischen ihre Oberlippe und ihre Nase klemmt. "Und? An wen erinnere ich dich?", fragt sie den Verkäufer. "Dalí?", fragt er. "Ja! Bin ich ihm nicht wie aus dem Gesicht geschnitten?" Der Verkäufer nickt. Die markante, hervorstehende Nase. Der durchdringende Blick. Die großen, wie Fragezeichen geschwungenen Ohren. Sie sieht ihm tatsächlich ähnlich.

Am nächsten Tag sitzt Pilar Abel wieder im Hotelfoyer. Sie bekommt Besuch von einer zierlichen 60-jährigen Frau mit blondierten Haaren und engen Jeans, die Francisca Garcia Ruiz heißt, aber allen nur unter ihrem Spitznamen Paquita bekannt ist. Auch sie wurde von Telecinco eingeladen, nach Madrid zu kommen.

Sie ist die dritte und wichtigste Zeugin in diesem Fall. Ohne ihre Aussage wäre Salvador Dalí wahrscheinlich nicht exhumiert worden.

Paquita und Pilar gingen als Kinder in dieselbe Klasse, sie blieben Freundinnen, bis Pilar mit Mitte dreißig in die Nachbarstadt Girona zog. Sie hatte dort einen Job als Wahrsagerin im Nachtfernsehen des lokalen Senders gefunden. Paquita blieb in Figueres, arbeitete als Schneiderin, Altenpflegerin und Kellnerin. Die beiden Frauen verloren sich aus den Augen.

Vor zwei Jahren trafen sie sich wieder, zufällig, auf der Straße in Girona. Pilar Abel war damals schon in den Medien als angebliche Dalí-Tochter aufgetreten, hatte vor Gericht aber keinen Erfolg gehabt. Und nun, bei dieser Begegnung, so berichten sie es beide, sagte Paquita zu ihr: "Wir müssen uns hinsetzen. Ich muss dir etwas beichten."

Was Paquita an jenem Tag erzählte, wiederholte sie später vor einem Notar, damit Pilar Abel es für ihre Klageschrift benutzen konnte.

04.04.2016, NOTARIELLE URKUNDE, AUSGESTELLT AUF GESUCH VON FRAU FRANCISCA GARCIA RUIZ:

Die Zeugin: Francesca Garcia Ruiz, genannt Paquita, arbeitete für Dalí. Sie behauptet, er habe ihr gesagt, dass Pilar Abel seine Tochter sei. © Amrai Coen für DIE ZEIT

"Ich habe Salvador Dalí im Jahr 1969 kennengelernt, als ich in einem Gemischtwarenladen arbeitete und ihm seine Einkäufe nach Hause lieferte. Ein Jahr später beauftragte er mich, als Botin für ihn zu arbeiten. Herr Salvador Dalí fragte mich, ob ich mit Fräulein Pilar Abel und ihrer Mutter, Frau Antonia Martínez, befreundet sei, er bat mich, ihm alles über das alltägliche Leben dieser beiden Frauen zu erzählen. Im Gegenzug für diese Information half mir Herr Salvador Dalí finanziell. Man sah ihm an, dass er betroffen war, wenn er nach Fräulein Pilar und ihrer Mutter fragte. Die Arbeitsbeziehung zwischen uns war freundschaftlich, und sie hielt mehrere Jahre an, in denen ich ihm weitere Informationen über die erwähnten Personen gab."

Plötzlich betritt eine Frau in einem gelben Kleid das Hotelfoyer, sie grüßt gut gelaunt: "Hallo, Mädels!" Sie ist eine Moderatorin des Fernsehsenders. Heute wird im Hotel gedreht. "Seid ihr bereit für die Aufnahme?" Bevor es losgeht, gehen Paquita und Pilar zum Rauchen vor die Tür.

"Gleich wirst du ihnen die ganze Wahrheit sagen", sagt Pilar zu Paquita. "Aber nicht vergessen, um wen es geht!"

"Um dich! Du hast die Hauptrolle", sagt Paquita. "Ich bin an deiner Seite."

Paquita wird mit einem Mikrofon verkabelt, sie soll als Erste zum Interview aufs Sofa, Pilar Abel später. Noch läuft die Kamera nicht. Bevor Paquita sich setzt und für einen Moment in den Mittelpunkt rückt, sagt Pilar Abel zu ihr: "Die ganze Wahrheit, Paquita!"

"Die ganze Wahrheit ist ...", sagt Paquita und zögert, "... Dalí hat es mir gesagt."

"Was hat er dir gesagt?", fragt Pilar Abel.

"Schnell, mach die Kamera an", sagt die Moderatorin zu ihrem Kameramann. "Film das!"

Paquita sagt: " 'Diese Freundin von dir, die ist von meinem Blut.' Das hat er gesagt."

Pilar Abel verzerrt die Unterlippe und beginnt zu weinen.

"Wie konnte er dir das sagen? Wenn er mich sah, hat er nichts gesagt, er hat mich nur angeschaut."

"Du bist seine Tochter", sagt Paquita. Und dann noch mal: "Du bist seine Tochter."

"Wieso hast du es mir nicht früher gesagt? Er hätte nicht allein sterben müssen, ich wäre bei ihm gewesen."

"Verzeih mir, ich konnte nicht."

"Ich verzeihe dir."

Die beiden umarmen sich und weinen weiter.

Die Moderatorin platziert sich vor den Freundinnen, die sich in den Armen liegen, und spricht in die Kamera: "Pilar Abel ist aufgelöst. Sie hat gerade erfahren, dass Salvador Dalí ihrer Freundin Paquita schon vor Jahrzehnten gestanden hat, dass Pilar seine Tochter ist."

Kamera aus.

"Da sind Wasserflaschen auf dem Tisch und eine Tasche im Hintergrund! Das geht gar nicht", sagt der Kameramann. "Können wir das noch mal machen?"

Sie wiederholen die Szene noch zweimal. Dieselben Sätze, neue Tränen. Einmal im Stehen, einmal im Sitzen.

Es ist in diesem Moment nicht ganz klar, wer wen benutzt: Pilar Abel den Fernsehsender oder der Fernsehsender Pilar Abel. Die angebliche Dalí-Tochter bekommt ein Millionenpublikum, der Fernsehsender eine unterhaltsame Geschichte, die das Sommerloch stopft.

Ein Desinteresse an der Wirklichkeit

Spricht man mit Paquita, wenn Pilar Abel nicht in der Nähe ist, sagt sie, Pilar werde vom Sender bezahlt. Pilar Abel wird das später bestreiten.

Als die Filmcrew nach drei Stunden fertig ist, stehen Pilar und Paquita wieder rauchend vor der Tür. "Ich habe es gewusst", sagt Pilar Abel. "Diese Enthüllung kam, weil ich gestern Paella gegessen habe."

Sie schlägt vor, am Abend wieder Paella essen zu gehen.

Fragt man Pilar Abel nach ihrem Lieblingsbild von Dalí, sagt sie: "Ich interessiere mich nicht für seine Kunst." In seinem Museum war sie noch nie, obwohl sie in den vielen Jahren, die sie in Figueres wohnte, fast jeden Tag daran vorbeiging. Ein Gebäude, das nicht zu übersehen ist: Die Mauern dunkelrot, Hunderte Brotlaibe aus Zement kleben daran, auf dem Dach stehen Rieseneier aus Glasfasern. 1974 eröffnete das Museum. Nachdem Dalís Frau Gala Anfang der Achtziger gestorben war, zog Dalí dort ein und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens an der Seite seiner eigenen Kunst. Heute steht von morgens früh bis abends spät eine Schlange vor dem Eingang des Gebäudes. 4.000 Menschen kommen jeden Tag, es ist eines der bestbesuchten Museen Europas. Die Läden der Stadt verkaufen Dalí-Postkarten, Dalí-T-Shirts, Dalí-Tassen, Dalí-Schlüsselanhänger, Dalí-Fingerpuppen. In den Restaurants hängen Fotos von Dalí, auf den Plätzen stehen Installationen von Dalí, Straßen sind nach ihm benannt. Es ist fast unmöglich, sich in dieser Stadt nicht für Salvador Dalí zu interessieren, sich nicht mit seiner Kunst zu befassen.

Jemand, der so ignorant ist wie Pilar Abel, so gleichgültig gegenüber dem Werk des angeblichen Vaters, kann doch gar nicht das Kind dieses Malers sein! So könnte man denken. Aber vielleicht ist es genau umgekehrt. Vielleicht hat Pilar Abel mit Salvador Dalí nicht nur die Gesichtszüge und die Selbstbezogenheit gemein, sondern auch das Desinteresse an der Wirklichkeit. Auch er hörte mehr auf schillernde Sehnsüchte als auf stumpfe Fakten. Auch er wollte so lange an das Irreale glauben, bis es zur Realität wurde.

Wie kaum ein anderer Künstler hat Salvador Dalí das 20. Jahrhundert bestimmt: ein flammender Geist, nie zufrieden mit dem Erreichten. "Mit sieben wollte ich Napoleon sein", schrieb er in seiner Autobiografie. "Und mein Ehrgeiz ist seither stetig gewachsen."

Dieser Ehrgeiz machte Dalí zum Kunst- und Medienstar, bewundert für seine Gemälde, berühmt für seine Freude am Skandal. Nur Maler zu sein, das war ihm nicht genug. Er entwickelte Kulissen für Alfred Hitchcock und zeichnete ein Szenenbuch für Walt Disney. Er erfand Damenschuhe mit Absätzen aus Sprungfedern, um das Gehen zu verschönern.

Salvador Dalí verstand sich als Mensch, dem nichts zu hoch, nichts zu flach war und der die ganze Welt erfassen, durchdringen und, ja, auch befreien wollte. Salvador, der Erlöser – er nahm seinen Namen sehr ernst.

Dalí glaubte, in seinen Träumen und Albträumen eine tiefere Wirklichkeit zu erblicken, die er in seiner Kunst zeigen wollte. So entstanden Bilder, in denen die Normalität entschwindet, losgelöst von den Gesetzen der Schwerkraft und der Logik. Oft malte er Szenen, in denen die Zeit ihre Macht verliert. In denen die Räume unendlich und die Dinge dem Alltag für immer enthoben sind. In seiner Kunst scheint nichts unmöglich, alles kann sich mit allem verbinden, und eine uneheliche Tochter wäre noch das geringste Wunder.

Wie Pilar Abel nannte auch er sich selbst ein "Genie". Auf die Werke anderer Künstler schaute er herab: Paul Cézanne sei "der tollpatschigste Maler, der mir je begegnet ist". Pablo Picassos Bilder sähen "alle wie Lumpen" aus.

In den dreißiger Jahren schloss sich Dalí dem Künstlerbund der Surrealisten an. In ihrem Faible für das Absurde erkannte er sich wieder. Hier ging es um eine Kunst "ohne jede Kontrolle durch die Vernunft", wie es im Manifest des Surrealismus heißt. In diesem Kreis fühlte sich Dalí frei, auf symbolische Weise seine Kastrationsangst oder die Freude an Exkrementen auf die Leinwand zu bringen.

Dalí hatte keine Scheu, seine Werke hemmungslos zu vermarkten. Am Ende setzte er seine Signatur unter Tausende leere Seiten. Womit sie dann bedruckt wurden, war ihm egal – die Kunst war bloß noch Mittel zum Zweck.

Vor seinem Tod sorgte er selbst dafür, dass er nach seinem Tod nicht vergessen wird: Er ließt das Museum bauen und gründete eine Stiftung, deren Aufgabe es ist, seine Werke "zu vermarkten, zu beschützen, ihnen Ansehen zu verleihen" – so steht es in der Satzung.

Jeden Tag blickt Joan Manuel Sevillano auf die roten Wände des Museums, auf die Rieseneier auf dem Dach. Sein Büro ist gleich gegenüber, auf der anderen Straßenseite, dort sitzt er zwischen Hunderten von Kunstbüchern. Sevillano ist der Direktor der Stiftung, "einer sehr mächtigen Stiftung", wie er sagt. Einer sehr wohlhabenden auch. Der Wert von Dalís Werken, die der Stiftung gehören, liegt derzeit bei 367 Millionen Euro. Die jährlichen Einnahmen allein aus den Eintrittsgeldern betragen 9,4 Millionen Euro.

Sevillano redet gerne in Zahlen, früher war er Manager in einem Baukonzern. Vielleicht will er mit den Zahlen auch verdeutlichen, warum die Stiftung Feinde hat. Feinde, die etwas abhaben wollen von dem vielen Geld. Feinde wie Pilar Abel.

"Wir äußern uns nicht zu Frau Abel", hatte Sevillanos Sekretärin schon am Telefon angekündigt. "Wir sagen nichts", sagt er jetzt auch in seinem Büro. "Ich habe alle Mitarbeiter gebeten, sich nicht zu diesem Fall zu äußern." Die ganze Welt habe bei ihm angerufen: Journalisten aus Japan, China, den USA, "alle, alle, alle!"

Anders als Pilar Abel, die mit jedem Journalisten spricht, hat Joan Manuel Sevillano fast allen abgesagt. Er will den Hype nicht weiter füttern. Je mehr er sagt, desto mehr wird berichtet, desto größer wird die Bühne für Pilar Abel.

Doch dann bricht sein Frust aus ihm heraus. Er finde die Exhumierung "gänzlich unangemessen", sagt Sevillano. Es gebe keine Beweise, dass Pilar Abel die Tochter von Dalí ist, nur die notarielle Aussage einer Freundin der Familie. "Was ist das für ein Beweis?" Er verstehe nicht, wieso das Gericht nicht auf den Vorschlag der Stiftung einging, Pilar Abels DNA zuerst mit der ihres legalen, verstorbenen Vaters zu vergleichen. Oder mit der ihres noch lebenden Bruders. Man hätte feststellen sollen, dass sie nicht mit ihrer Familie verwandt ist, bevor man Dalí einen solchen Schaden zufüge.

Sevillano wird laut: "Mein Gott, die Frau ist Wahrsagerin! Sagt das nicht alles?"

Die Mythen um Dalís Sexleben

Es ist nicht das erste Mal, dass jemand behauptet, das Kind von Salvador Dalí zu sein. Im Jahr 1986 reichte ein Italiener eine Vaterschaftsklage ein: Er sei der Sohn von Dalí und dessen Ehefrau Gala, sagte er, die beiden hätten ihn nach seiner Geburt im Jahr 1943 an fremde Eltern gegeben, um ohne ihn vor dem Krieg nach Amerika zu flüchten. Die Klage wurde abgewiesen. Gala hatte 1943 keine Gebärmutter mehr.

Die Liste der Vaterschaftsklagen in der Welt von Prominenten ist lang: Auch der Frontmann der Rolling Stones Mick Jagger (Ergebnis: zweimal positiv), der Schauspieler Keanu Reeves (negativ) und der Apple-Gründer Steve Jobs (positiv) sind auf Vaterschaft verklagt worden. In der amerikanischen Basketball-Liga NBA, sportliche Heimat von einigen der bestbezahlten und glamourösesten Sportstars überhaupt, ist die Sorge vor unehelichen Kindern inzwischen fast so groß wie die vor Drogenmissbrauch. Seit den achtziger Jahren muss jeder neue Spieler bei Eintritt in die Liga ein verpflichtendes Seminar durchlaufen: Umgang mit Kondomen, Umgang mit Groupies, Umgang mit Geld. Die Dozenten sind Ex-Profis, die alles verloren, weil sie beispielsweise sieben Kinder mit sechs verschiedenen Frauen zeugten und die Unterhaltszahlungen sie trotz ihres Millionengehalts in die Pleite trieben.

Seit Pilar Abel behauptet, die Tochter von Salvador Dalí zu sein, ranken sich wieder Mythen um dessen Sexleben. Viele suchen jetzt in Dalís Bildern, seinen Schriften, seinen Filmen nach Beweisen für seine Vorlieben. Er war schwul! Er war impotent! Er war ein Voyeur! Er berührte Frauen nur mit dem Pinsel!

In einem passen all die Vermutungen, die nun zu lesen sind, zusammen: Niemand kann sich vorstellen, Dalí habe ein normales, langweiliges Sexleben gehabt. Niemand traut ihm eine gewöhnliche Affäre mit einem Kindermädchen zu.

Die Liebe seines Lebens war Gala. Als sie sich kennenlernten, war er 25 Jahre alt, sie 35. Gala war Dalís Muse, in vielen seiner Bilder malte er sie. In ihrem Haus soll es häufig Orgien gegeben haben. Dalí habe aber nur zugesehen, so heißt es.

Es gibt ein Gemälde von Dalí, das den Titel Der große Masturbator trägt, ein Begriff, mit dem er sich auch gerne selbst beschrieb. Interpreten sagen, das Bild zeige Dalís panische Angst vor Sex. In seiner Jugend, so erzählt er es selbst in einem Bericht, hatte sein Vater ihm ein Buch auf das Familienklavier gelegt mit Fotos von Menschen, die an Geschlechtskrankheiten litten, eine Erziehungsmaßnahme. Die Fotos faszinierten und verstörten Dalí bis ins Erwachsenenalter.

Wahrscheinlich kannte niemand Dalís Intimleben besser als sein Hausarzt und Freund Narcís Bardalet. Ein großer, stämmiger, kahlköpfiger Mann. Im Büro seiner Praxis in Figueres hängen Dutzende Urkunden an den Wänden: Facharzttitel, Auszeichnungen, Diplome.

Bardalet ist 64 Jahre alt, er war Allgemeinmediziner und Forensiker, jetzt, die letzten Jahre vor seiner Rente, arbeitet er als Kinderarzt. Er sitzt am Schreibtisch im Büro seiner Praxis, vor ihm liegt ein Kalender in A4-Format, 40 Patientennamen sind dort jeden einzelnen Tag gelistet.

Bardalet war noch ein junger Arzt, als Dalí die letzten Jahre seines Lebens erreicht hatte. Bardalet war in dieser Zeit oft bei ihm. Als Dalí starb, stand er am Krankenbett. Er war es, der ihn nach seinem Tod einbalsamierte.

"Aus medizinischen Gründen glaube ich nicht, dass Pilar Abel seine Tochter ist", sagt er spät am Abend in seinem Büro, lange nachdem der letzte Patient seine Praxis verlassen hat. Mehr könne er dazu nicht mitteilen, "ärztliche Schweigepflicht". Über die darf er sich nur hinwegsetzen, wenn eine Richterin ihn darum bittet.

Er blättert in seinem Kalender und öffnet die Seite des 18. September 2017. An diesem Tag sind keine Patienten eingetragen, stattdessen steht dort: "MADRID, Dalí, Vaterschaft 284/2015". An diesem Tag soll er als Sachverständiger vor Gericht aussagen. "Wenn die Richterin mich fragt, werde ich auspacken", sagt er. "Und ich habe viel zu erzählen."

War Dalí impotent? "Ich kann dazu nichts sagen."

Was er sagen kann, als Narcís Bardalet, der Privatmensch, nicht als Arzt: Er sei sehr eng mit zwei Freundinnen Dalís befreundet gewesen. Frauen, die Dalí malte. "Sie haben mir beide gesagt, Dalí sei es nie um Sex gegangen. Er hat Sex ausgelassen."

Fragt man die Bewohner von Figueres nach Pilar Abel, hört man sehr oft die Geschichte von Javier Cercas. Cercas ist ein spanischer Schriftsteller, berühmt geworden mit seinem Roman Soldaten von Salamis: einem Bestseller, den er 2001 veröffentlichte und der in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde. Das Buch handelt von einem geschiedenen Journalisten, der zu den letzten Tagen des Spanischen Bürgerkriegs recherchiert. Die Freundin des Journalisten heißt Conchi und arbeitet als Wahrsagerin beim regionalen Fernsehen. Ihr Künstlername ist Jasmine. Sie hat sich ihr Haar wasserstoffblond gefärbt. Sie ist nicht besonders intelligent, aber sehr herzlich und impulsiv, etwas verrückt ist sie auch. Und: Sie trägt nie Unterhosen.

Auch Pilar Abel arbeitete früher beim regionalen Fernsehen als Wahrsagerin. Auch ihr Künstlername war Jasmine. Auch sie trug früher, als sie im Fernsehen auftrat, wasserstoffblondes Haar.

Pilar Abel erkannte sich wieder in dem Buch, und sie kam auf eine Idee, mit der sie schon damals, im Jahr 2005, die Aufmerksamkeit der spanischen Medien erlangte: Sie zog vor ein Gericht. Sie verklagte Javier Cercas auf 700.000 Euro Schadensersatz, weil er ihrer Glaubwürdigkeit und ihrem Ruf geschadet habe. Sie, Pilar, trage immer Unterhosen!

Das Gericht wies die Klage ab. Javier Cercas und Pilar Abel lebten zwar in derselben Stadt, aber sie hatten sich nie persönlich kennengelernt. Es gebe keine Anhaltspunkte, dass der Autor sie gemeint haben könnte.

Für viele Menschen in Figueres ist es der Beweis, dass Pilar Abel Klagen nur als Mittel für ihre Zwecke benutzt: um Aufmerksamkeit zu generieren, um Geld zu verdienen.

Fragt man weiter, trifft man auf Señor Jímenez, ihm gehört der älteste Kiosk der Stadt, direkt hinter dem Hauptbahnhof, er verkauft Zigaretten und Zeitungen. Auch Salvador Dalí kam manchmal in seinen Laden. Señor Jímenez ist ein paar Jahre älter als Pilar Abel, 68, er kenne sie seit ihrer Jugend, sagt er, damals sei sie dafür bekannt gewesen, leichte Beute zu sein. "Die ging mit jedem nach Hause, egal ob schön oder hässlich, nur nie allein." Gestern sei ihr Ex-Mann im Laden gewesen. "Ich war 15 Jahre lang mit dieser Frau verheiratet", habe er gesagt. "Und nie hat sie mit einem einzigen Wort erwähnt, dass Salvador Dalí ihr Vater ist."

Die Mutter

Am Abend nach dem tränenreichen Fernsehauftritt in Madrid sitzen Pilar Abel und ihre Freundin Paquita auf der Dachterrasse des Hotels. Pilar Abel tut, was sie eigentlich immer tut, wenn sie nicht gerade ein Interview gibt: Sie schaut auf ihr Handy. Auf YouTube gibt sie "Tochter von Dalí" ein und scrollt durch die Videos, die in den letzten Tagen veröffentlicht wurden. Paquita schaut ihr über die Schulter und lacht, wenn Pilar lacht, schüttelt den Kopf, wenn Pilar den Kopf schüttelt. Wendet sich Paquita zwischendurch mal ab, um auf ihr eigenes Handy zu schauen oder sich eine Zigarette zu drehen, sagt Pilar Abel: "Guck-guck-guck, Paquita! Gleich wird es gut!"

Pilar Abels Handy brummt, eine Freundin hat ihr eine Nachricht geschickt, auch sie ist eine Wahrsagerin: "Ich sehe es sehr klar vor mir: Es ist ein Brief oder ein Dokument, in dem Dalí Dir schreibt. Er drückt darin seinen Willen aus und das, was Du in seinem Namen tun sollst. Dein Vater wusste, dass eines Tages alles ans Licht kommen würde." Pilar Abel fängt wieder an zu weinen. Sie leitet die Nachricht an alle ihre Kontakte weiter. Für Pilar Abel gibt es keinen Unterschied zwischen Fakten und dem, was eine Wahrsagerin erzählt.

Später am Abend werden Pilar Abel und Paquita besprechen, was sie morgen in der Fernseh-Talkrunde erzählen wollen. Besser gesagt: Pilar Abel gibt ihrer Freundin Anweisungen. "Du sagst: Die Wahrheit wird ans Licht kommen. Und dann sage ich: Er hat mir einen Brief hinterlassen."

Je näher das Ergebnis der DNA-Proben rückt, desto mehr Erklärungen findet Pilar Abel, warum die Proben negativ sein könnten.

"Wenn sie negativ sind, wurden sie absichtlich verunreinigt", sagt sie.

"Wenn sie negativ sind, liegt es an dem Formalin, das der Arzt Dalí gespritzt hat."

"Wenn sie negativ sind, wurden sie ausgetauscht in der Beweissicherungskette."

Auch wenn sie vor Gericht verliert: Sie will weiterhin Dalís Tochter sein.

Eigentlich hat Pilar Abel nicht viel zu verlieren, sollten die Proben negativ ausfallen. Da sie offiziell noch immer zahlungsunfähig ist, muss sie für die immens hohen Kosten der Exhumierung nicht aufkommen, der Staat müsste sie übernehmen.

Worum also geht es ihr? Pilar Abel antwortet darauf mit einem Satz, der vielleicht der wahrste Satz ihrer Geschichte ist: "An mir ist niemand interessiert. An der Tochter von Dalí sind alle interessiert."

Sie hat angefangen zu malen. Ihr erstes Bild hat sie mit dem Namen "Dalí" signiert.

Es gibt einen Menschen, der in der Erzählung von Salvador Dalí und seiner Tochter eine zentrale Rolle spielt, aber noch keinen Auftritt bekommen hat, in keiner Zeitung und in keiner Fernsehsendung. Pilar Abel hat es immer verhindert. Sie will nicht, dass Journalisten diesen Menschen besuchen.

Es ist ein Freitag Ende August, Pilar Abel ist noch immer in Madrid, ihre Freundin Paquita aber ist zurück in Figueres. Einmal in der Woche setzt sie sich dort in den Bus, fährt durch die Stadt und betritt ein Altenheim. Rote, marmorierte Fliesen, gelbe Wände, geschlossene Vorhänge schützen vor der katalanischen Sommerhitze. In einem Raum sitzen zwanzig ältere Menschen. Einige wurden in ihren Rollstühlen vor den Fernseher geschoben, andere schlafen, in einer Ecke spielt eine Frau mit Bauklötzen.

Paquita steuert auf eine Frau mit kurzen grauen Haaren und einem blauen Blumenkleid zu und küsst sie auf die Wange. Eben noch starrte die Frau abwesend in den Raum, jetzt strahlt sie für einen Moment. Paquita schiebt ihren Rollstuhl, auf dem "Antonia Martínez" steht, in den Garten, wo eine Gruppe im Stuhlkreis gerade ihre Morgengymnastik macht.

Die Mutter: Antonia Martínez hat sich noch nie öffentlich geäußert. Hatte sie eine Affäre mit dem berühmten Künstler? © Amrai Coen für DIE ZEIT

Antonia Martínez ist die Mutter von Pilar Abel, die Frau, die angeblich von Dalí ein Kind bekam. Seit Pilar sie nicht mehr besucht, weil sie dauernd im Fernsehen ist, schaut Paquita einmal in der Woche vorbei.

Antonia Martínez ist 87 Jahre alt, wenn sie lächelt, sieht man nur noch zwei schiefe Zähne in ihrem Mund. Sie spricht so leise und heiser, dass man sich sehr nah mit dem Ohr an ihr Gesicht beugen muss, um sie zu verstehen.

Auf die Frage, wie es ihr geht, sagt sie: "Schlecht." Ihre jüngste Tochter starb vor zehn Monaten an Krebs. Ihr Sohn ist schwer krank und kann sich nicht aus dem Bett bewegen. "Hier bin ich klar", sagt sie und zeigt auf ihren Kopf. "Aber hier unten ist alles kaputt." Sie zeigt auf ihren Körper.

Seit wann lebt sie in diesem Heim? "Drei Monate", sagt sie. "Zwei Jahre", korrigiert Paquita.

Bittet man Antonia Martínez, von Salvador Dalí zu erzählen, sagt sie: "Er ist mir ein Mal in meinem Leben auf der Straße begegnet. Er saß auf einem Esel und trug einen Sombrero."

Sie wisse, was ihre Tochter Pilar über sie erzähle, "ein großes Märchen". Aber sie sei ihr nicht böse. "Sie hat vier Kinder und vier Enkel, vielleicht braucht sie Geld."

Ob sie wirklich nie eine Affäre mit Salvador Dalí hatte?

"Ich wäre niemals mit Dalí ins Bett gegangen", sagt sie, und ihre Stimme wird für einen kurzen Moment sehr laut. "Er war viel zu hässlich."

Mitarbeit: Lea Frehse und Hanno Rauterberg