Das Experiment war so grausam, dass es heute ein Fall für den Tierschutz wäre. Im Jahr 1957 warfen Forscher aus dem Team des amerikanischen Psychologen und Verhaltensforschers Curt Richter Ratten in ein Wasserbecken, aus dem es kein Entkommen gab. Warfen sie wilde Ratten hinein, strampelten diese etwa 15 Minuten lang, dann gingen sie unter und ertranken. Warfen sie aber gezähmte und an Menschen gewöhnte Ratten hinein, schwammen diese zwischen 40 und 60 Stunden lang, bevor sie untergingen.

Die Forscher waren verblüfft. Dann änderten sie die Versuchsanordnung: Jetzt nahmen sie die wilden Ratten nach ein paar Minuten kurz aus dem Wasser und setzten sie anschließend wieder hinein. Das hatte erhebliche Folgen: Nun paddelten auch die wilden Ratten zwischen 40 und 60 Stunden im Becken herum. Die Erklärung der Wissenschaftler: Die wilden Tiere hatten nie zuvor die Erfahrung gemacht, dass jemand sie aus einer Gefahr rettete, immer waren sie auf sich allein gestellt gewesen. Deshalb hatten sie, im Bewusstsein, dass es kein Entrinnen gebe, nach einer Viertelstunde einfach aufgegeben. Ihre wilden Artgenossen hingegen, die kurzzeitig herausgenommen worden waren, machten die Erfahrung, dass Rettung möglich ist. Man hatte ihnen etwas Mächtiges gegeben, das sie nunmehr tagelang durchhalten ließ: die Hoffnung.

Die Hoffnung ist der Motor des Lebens, der Antrieb unserer Existenz: Hoffentlich währt diese Liebe ewig. Hoffentlich ist der Schmerz im Bauch nichts Ernstes. Hoffentlich finde ich einen Job. Hoffentlich regnet es heute nicht. Hoffentlich. Jedes Aufstehen am Morgen beginnt mit einer Hoffnung. Sei es nur die auf gutes Wetter oder einen netten Abend. Da ist der Einsame, der sich auf einer Online-Partnerbörse anmeldet. Der Flüchtling, der in ein Boot steigt. Der Krebspatient, der sich abermals in Therapie begibt. Hoffnung weist ihnen den Weg.

Hoffnung setzt Kräfte frei, die über Leben oder Sterben entscheiden können.

In der Evolution hat sie sich bewährt: Einerseits verschafft Hoffnung einen Motivationsschub. Wer vor Augen hat, dass etwas gut ausgehen wird, tut alles dafür, um das Ziel zu erreichen. Hoffnung setzt Kräfte frei. Sie treibt uns an, beim Endspurt alles zu geben oder auch eine weitere Nacht im Büro durchzustehen. Den Stress und die Erschöpfung blenden wir aus, unser Körper geht kurzzeitig an seine Grenzen. Genau dieses letzte Quäntchen macht oft den Unterschied aus zwischen Überleben und Sterben, zwischen Erfolg und Misserfolg.

Andererseits kann Hoffnung trügerisch sein und auch gefährlich. Die moderne westliche Welt weckt so hohe Erwartungen, verspricht so viel – und lockt die Menschen in eine Falle. Die Vielfalt der Optionen ist die Krise der Zuversicht. Deshalb muss Hoffnung in diesen Zeiten neu definiert werden.

60 Jahre nach dem Ratten-Experiment, im Jahr 2017, sorgt eine Studie im Fachmagazin BMC Medicine für Aufsehen. Sie stammt von Wissenschaftlern der Universität Marburg unter Leitung des Psychologen Winfried Rief. Diesmal geht es um Herzpatienten. An der Studie nehmen 124 Kranke teil, denen eine Bypassoperation am geöffneten Brustkorb bevorsteht. Kann man sich mental auf so etwas vorbereiten? Ein Teil der Patienten schmiedet zusammen mit einem Psychologen Pläne: Eine Patientin nimmt sich vor, vier Wochen nach der OP ihre Balkonkästen zu bepflanzen. Ein Patient hofft, nach drei Monaten seinen Lieblingsweg entlangzuflanieren, eine weitere Patientin malt sich eine Italienreise aus. Der andere Teil der Probanden, die Kontrollgruppe, trifft keinen Psychologen, macht keine Pläne.

Sechs Monate später stellen die Forscher einen messbaren Unterschied im Körper der Probanden fest: Die Teilnehmer mit den Zukunftsplänen haben deutlich geringere Entzündungsmarker und Stresshormone im Blut, sind weniger beeinträchtigt im Familienleben und bei der Arbeit. Es geht ihnen nachweislich besser als den Patienten aus der Kontrollgruppe. "Wenn man so will", sagt Winfried Rief, "haben wir da die Kraft der Hoffnung gemessen."

Die Studie steht in einer Reihe von zahlreichen Untersuchungen, die immer wieder zeigen: Zuversicht kann wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken, wie unsichtbare Medizin.

Eine Erklärung hält die Hirnforschung bereit, denn die Hoffnung hat offenbar eine spezifische neuronale Anatomie. Neurobiologen glauben, Hirnregionen identifiziert zu haben, die bei hoffnungsvollen Gedanken besonders aktiv sind. Erstens: der Hippocampus, der Erinnerungen speichert und aus diesem Fundus Zukunftszenarien simuliert. Zweitens die sogenannte anteriore cinguläre Hirnrinde, die gemeinsam mit der Alarmzentrale Amygdala filtert und bewertet, was davon uns wirklich wichtig ist. Dann tritt die präfrontale Hirnrinde in Aktion, um die besten Ideen hoffentlich Realität werden zu lassen. Dafür aktiviert das Hirn Pfade, die man im Kernspintomografen beobachten kann. Und es setzt dazu passende Stoffwechselprozesse in Gang.

Sobald das Gehirn etwa erwartet, dass ein Schmerz nachlässt, mobilisiert es schon selbst morphinähnliche Substanzen, die die Schmerzsignale abschwächen können. Auch bei vielen Erkrankungen kann bereits der Gedanke, ein wirksames Medikament eingenommen zu haben, starke Wirkungen auslösen. Solche Placeboeffekte können die Gefäße oder die Muskulatur so entspannen, dass etwa beim Hochdruckpatienten vorübergehend der Blutdruck sinkt oder der Asthmatiker erst einmal freier atmet, obwohl beide nur ein Scheinmedikament bekommen haben.