Staatliche Häftlinge sitzen in privaten Gefängnissen – auf dieser Idee beruht in den USA eine ganze Industrie. Doch plötzlich klang das Konzept wie ein Auslaufmodell aus den achtziger Jahren: Im August 2016 kündigte der amerikanische Staat an, wichtige Verträge mit den Gefängnisbetreibern nicht mehr zu verlängern. Die Börsenkurse brachen ein, ein Geschäftsmodell war bedroht. Dann kam Donald Trump.

Nur einen Tag nach seinem Wahlsieg schossen die Aktien der privaten Gefängnisbetreiber wieder in die Höhe – um rund 40 Prozent zum Beispiel bei Core Civic, einem der Großen der Branche. Die markige Law-and-Order-Rhetorik von Trump und seinem Justizminister Jeff Sessions stimmt die Anleger zuversichtlich. Und der harte Kurs gegenüber illegalen Immigranten beschert den Knastwirten viele neue Kunden.

Die Firmen profitieren von einem Justizsystem, das prozentual so viele Menschen hinter Gittern hält wie kein anderer Staat. Obwohl in den Vereinigten Staaten nur fünf Prozent der Weltbevölkerung leben, sitzen 25 Prozent aller Gefangenen weltweit in amerikanischen Gefängnissen: Mehr als 2,2 Millionen waren es im Jahr 2013. Selbst autoritäre Regime wie Russland, der Iran oder China sperren weniger Menschen weg, das geht aus einer amtlichen Statistik des US-Justizministeriums hervor. Etwa zehn Prozent aller amerikanischen Häftlinge sitzen bei Privaten ein – fast eine Viertelmillion Menschen.

Eine Klage der American Civil Liberties Union zerrte 2013 die Zustände in den Privatgefängnissen an die Öffentlichkeit. An der East Mississippi Correctional Facility nahe der Stadt Meridian, die von der privaten Geo Group betrieben wurde, hätten Vergewaltigungen und Aufstände stark zugenommen, kritisierten die Bürgerrechtler. Die Toiletten in den Zellen seien oft übergelaufen, kranke Häftlinge würden oft spät oder nur schlecht medizinisch versorgt. Kurz nach der Klage übernahm die Firma Management & Training Corporation (MTC) die Gefängnisleitung, die Untersuchungen gegen Geo laufen bis heute.

Bei einer Untersuchung der Geo-Gefängnisse im Bundesstaat Mississippi fand das US-Justizministerium 2013 heraus, dass deren Insassen bis zu dreimal häufiger Opfer von Körperverletzung und Missbrauch werden als jene in staatlichen Haftanstalten.

Gegen einen Konkurrenten, den Vorläufer von Core Civic, leitete die Bundespolizei FBI 2014 ein Ermittlungsverfahren ein: Im Idaho Correctional Center soll die Firma Gefangene statt von eigenem Personal von inhaftierten Gangmitgliedern bewacht haben lassen. Mehr als 4800 Arbeitsstunden seien auf diese Weise falsch abgerechnet worden. Die Firma zahlte daraufhin eine Million Dollar an den amerikanischen Staat, der 2015 die Leitung des Gefängnisses wieder selbst übernahm. Die Liste der Fälle könnte noch fortgesetzt werden.

Die Bedingungen dort sind so schlecht, dass die Regierung von Barack Obama am 18. August 2016 ankündigte, die Verträge zwischen den federal prisons, den Staatsgefängnissen, und ihren privaten Betreibern nicht mehr verlängern zu wollen. Ein paar Monate später war die Ankündigung wertlos. Donald Trump hatte schon während seines Wahlkampfes klargemacht, was er von den staatlichen Gefängnissen hielt: "Ein Desaster." Er sei ganz sicher, "dass wir mit Privatisierung und privaten Gefängnissen viel mehr erreichen können".

Seit Mitte der achtziger Jahre bauen, betreiben oder leasen private Firmen Gefängnisgebäude, in denen vom Staat verurteilte Gefangene einsitzen. Damals verschärften die USA Gesetze, der Kampf gegen Drogen gewann an Bedeutung, die Zahl der Inhaftierten wuchs. Der Staat sorgte allerdings nicht für ausreichend Gefängnisbetten, private Firmen sahen ihre Chance. Das Problem: "Wenn private Unternehmen Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen, wollen sie Profit", sagt Shahrzad Habibi, Direktorin des Forschungszentrums In the Public Interest aus Washington.

Seit Jahren untersucht sie die Folgen der Privatisierung öffentlicher Aufgaben. Beim Strafvollzug sei das besonders gravierend, denn Gewinn lasse sich dabei praktisch nur durch die Senkung von Kosten erzielen. Der ehemalige Vorsitzende der republikanischen Partei in Tennessee, Tom Beasley, erkannte das Geschäft schon 1983. "Der Markt ist grenzenlos", sagte er und gründete die CCA, die jetzige Core Civic. Heute zählt das Unternehmen mit 63 Anstalten und mehr als 70.000 Häftlingen zu den größten privaten Gefängnisbetreibern in den USA und weltweit. Zu einem Gespräch mit der ZEIT ist niemand bereit. Stattdessen bittet ein Unternehmenssprecher darum, Fragen schriftlich einzureichen, lässt diese jedoch unbeantwortet.

Im Geschäftsjahr 2016 betrug Core Civics Nettogewinn 220 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 1,8 Milliarden. Die Firma schüttet regelmäßig Dividenden aus. Zu den größten Aktionären gehören der Finanzdienstleister Blackrock und die Vanguard Group – Letztere ist gleichzeitig der größte institutionelle Investor der Geo Group.