Das hätte Molly Bloom, 34, wohnhaft in der Eccles Street 7 in Dublin, wohl nicht gedacht, dass sie mal so viel Zeit in Berlin zubringen würde – gut ein Jahrhundert nach ihrer berühmten Septembernacht anno 1904. Auch wenn sie sich vieles gedacht hat in ihrem hemmungslosen Monolog am Ende des Ulysses von James Joyce, dem Text, der die Komponistin Rebecca Saunders seit ihrer Jugend fasziniert. Die blickt jetzt aus ihrem Arbeitszimmer auf die Bäume einer stillen Straße im Prenzlauer Berg und auf die Noten, in denen Molly eine, nein, viele Stimmen bekommt. Und in denen sie selbst, die Komponistin, sich erstmals seit frühester Zeit wieder an die wirklich singende Stimme gewagt hat. "Das war ein sehr langer Weg. Na ja, wie lange schreib ich schon?" Sie lacht.

Nein, die Sopranistin in Yes wird keine Arie singen, das sei gleich mal festgestellt, und auch keine sonst wie narrativen Linien. "Einen Text zu vertonen, das finde ich nicht interessant, nicht zeitgenössisch." Das würde auch keiner erwarten, der auch nur zwei Takte von Rebecca Saunders gehört hat, einer sehr gefragten Komponistin unserer Zeit. Die 49-Jährige ist bekannt für superfein ausgesponnene Klänge, klingende Flächen und Skulpturen sich wandelnder Farben, statisch oft und der Zeit enthoben. Sänger hat sie erst zweimal eingesetzt in 56 Werken, wobei das, was man gemeinhin Gesang nennt, nicht zu vernehmen war. Das ist diesmal ein kleines bisschen anders. Wie so manches in ihrem neuen einstündigen Stück.

Yes wird am 9. September beim Musikfest Berlin uraufgeführt, eine räumliche Performance für Sopran und 19 Instrumentalisten nebst Dirigent, maßgeschneidert für den Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Deren Grundriss liegt, vielfach kopiert, auf Saunders’ großem Schreibtisch am Fenster, bunt markiert mit den wechselnden Positionen der Leute vom Kölner Ensemble Musikfabrik. Holzbläser, Blechbläser, Streicher, zwei Schlagzeuger, zwei Pianisten, ein Akkordeon, dirigiert vom Komponisten Enno Poppe. Und natürlich mit der Sopranistin Donatienne Michel-Dansac. Die Musiker sind nicht nur im Raum verteilt, sie wandern auch herum. "Räumliche und zeitliche Polyphonie" nennt Saunders das. Die Hörer sitzen mitten im Stück, mitten in den Klängen.

Vielleicht ist das Umgebensein von Klang auch ein Echo der Londoner Tage in den Siebzigern, als Rebecca gern unter einem der Flügel lag, an denen ihre Eltern spielten, beide Pianisten, wie auch die Großeltern. "Es gab auch immer Sänger zu Hause. Ich hab die nicht unangenehm gefunden." Und immer schrieb sie Lieder, als Kind schon. Mit 16 vertonte sie Blake, Plath und Woolf, "es war so selbstverständlich und natürlich, Melodie zu schreiben". Eben das, womit sie dann radikal brach. Da entwickelte sich "die absolute Abneigung, auch nur ein melodisches Fragment zu schreiben". Aber was dann? Im konservativen Großbritannien gab es wenig Neues zu hören. Ein Professor in Edinburgh, wo sie Komposition studierte, beschaffte Kassetten mit jüngster Avantgarde.

"Das war ein kompletter Schock! Ich war wie wachgerufen. Was, das gibt’s? Ein Klang, der nur für sich dasteht, der sich auf nichts bezieht als auf seine eigene Körperlichkeit!" Es war eine der Chiffren des Komponisten Wolfgang Rihm, die sie umgehauen hatte. "Da muss ich hin", habe sie gedacht, bei dem wollte sie lernen. Mit einem Stipendium kam die 24-Jährige nach Karlsruhe, "ohne Prüfung, halb illegal, es war alles viel lockerer", sagt sie. "Ich wollte noch mal von vorn anfangen." Es war in jeder Hinsicht ein Neustart. "Wenn man sich in eine fremde kulturelle Situation begibt, hat man die einmalige Chance, sich aus einer anderen Perspektive kennenzulernen." Saunders spricht erlesenes Deutsch, mit kleinen britischen Modifikationen, das war damals anders.

"Ich konnte kein Wort Deutsch, und er konnte nur wenig Englisch. Er hat einfache Fragen gestellt, über die ich tagelang nachdenken musste. Er hat gefragt, welches Gesicht hat dein Stück? Hat es Augen? Ich dachte, wow, es könnte keine Augen haben. Hat es einen Mund? Nein. Welche Farbe? Rot. Wo ist es denn? Das war für mich ein Geschenk. Nicht über die Musik zu sprechen, sondern sich schon in der Musik zu befinden." Einmal begann sie mit einem Stück für Streichorchester und brachte ihrem Professor ein großes Blatt voller Noten mit. "Er hat es langsam gedreht, falsch rum, und gesagt: Bring mir einen Ton." Nur einen. Ein A, beschloss sie, am Klavier, in verschiedenen Farben. "Aber ohne Innenklavier", lautete Rihms Bedingung – also ohne Tricks mit präparierten Saiten, Alufolie und Klöppeln. Nur Tasten und Pedal.