Aktualisierung: Am 9. Oktober wurde Robert Menasse für "Die Hauptstadt" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Lesen Sie hier die Rezension aus der ZEIT Nr. 37/2017.

Das ist ein elegant geschriebener, fabelhaft gebauter, pointen- und gedankenreicher Roman. Er spielt über weite Strecken in den Büros der EU-Kommission und handelt vom kuriosen Versuch einiger Beamter der Kulturabteilung, zum Geburtstag der Kommission deren lausiges Image durch ein "Big Jubilee Project", ein Auschwitz-Event, aufzudonnern, zu dem die letzten KZ-Überlebenden als Zeugen für die hehren Ursprungsabsichten der EU aufgeboten werden sollen. Natürlich kassieren erfahrene Spitzenbeamte der Kommission und des Rates diesen Humbug so schnell, wie wir Leser ihn vergessen. Was bleibt, sind die fein ausgeleuchteten Lebensgeschichten der Akteure, die uns in die historischen Tiefen von sechs EU-Ländern führen, so in das über drei Generationen reichende polnische Widerstandsleben des Mateusz Oswiecki oder in die Flucht- und Haftgeschichte des Auschwitz-Überlebenden David de Vriend. Und was auch bleibt, ist ein mit Witz, Wissen und einem Feuerwerk treffender Formulierungen dargebotenes Alltagspanorama der Hauptstadt Brüssel. Über den als erzählerischen Brandbeschleuniger eingebauten Krimiplot kann man sich streiten.

So könnte man diesen Roman lesen: als luftige Tragikomödie, wie sie sich ein satirisch gelaunter EU-Skeptiker hätte ausdenken können. Nur ist die Sache ein bisschen komplizierter. Denn der Autor, der 63-jährige Österreicher Robert Menasse, ist das Gegenteil eines EU-Skeptikers, er ist ein fulminanter Anhänger der nachnationalen Ursprungsabsichten der EU. Er hat sich in Romanen und Essays kritisch und empathisch der Geschichte Österreichs und in Die Vertreibung aus der Hölle 2001 hinreißend seinen jüdischen Ahnen zugewandt. Auch ist Die Hauptstadt nicht sein erstes Buch zum Thema EU. Dem Roman gingen ein längerer Rechercheaufenthalt in Brüssel und zwei Sachbücher voraus, deren Wichtigkeit Menasse durch hochtrabende Titel unterstrich. Der Europäische Landbote (Herder Verlag) hieß in Anlehnung an Büchner der Essay, der ihm 2013 den Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste eingetragen hat. Und Kritik der europäischen Vernunft hieß gleich kantisch die Rede, die Menasse am 21. März dieses Jahres im Europäischen Parlament anlässlich der Feier "60 Jahre Römische Verträge" vorgetragen hat (Bernstein Verlag), sozusagen sein eigenes Big Jubilee Project. Beide Bücher wie auch die Reden des Bandes Heimat ist die schönste Utopie (2014, edition suhrkamp) kreisen um zwei zentrale Argumente: Das erste ist ein Loblied auf die Gründer Jean Monnet und Walter Hallstein, denen es angesichts der Verheerungen zweier Weltkriege mit den Römischen Verträgen um mehr gegangen sei als bloß um einen Wirtschaftsraum. "Ziel ist und bleibt die Organisation eines nachnationalen Europas", schrieb Hallstein. Menasses zweites Argument ist ein Hohelied auf die Europäische Kommission: Die Kommissare und die EU-Beamten hätten als Einzige die nachnationalen Ideen der Gründer nicht vergessen. Die EU-Beamten seien als "ein historisch völlig neuer Beamtentypus" nicht national bornierten Regierungen verpflichtet, sondern "einer grundsätzlich aufgeklärten Rationalität", die auch immer wieder "staatliche Bürokratie in Frage stellt und korrigiert". Leider würden die ausgezeichneten Pläne der Kommission regelmäßig von den nationalistischen Finstermännern des Europäischen Rats zunichtegemacht. In der EU regiere eben nicht das Nachnationale, für das sie doch geschaffen sei und das alle Probleme lösen könnte, sondern der problemgenerierende Nationalismus der Nationalstaaten.

Wer sich, von Menasse dergestalt belehrt (wenn auch nicht unbedingt überzeugt – hat uns die so schreckliche EU cum Nationalstaat nicht sechzig Jahre Frieden gewährt?), dem Roman zuwendet, ist doch einigermaßen verblüfft. Zwar sind die Essays und der Roman durch manche programmatische Stellen und auch durch wörtlich übernommene Passagen verbunden. Aber so richtig zusammen passen sie nicht. In den Essays sah man glühenden Ernst, im Roman ist der Ton komödiantisch. Vor allem antworten dem Hohelied von der kompetenten Kommission in den Essays jetzt nicht weitsichtige Beamte, sondern eine Versammlung politisch Halbkompetenter.

Nun hat Menasse allerdings schon im Europäischen Landboten, einem Buch, das kaum Namen nannte, in einer ziemlich misogynen Passage das Kulturressort in Gestalt seiner stellvertretenden Kabinettschefin Themis Christophidou rüde runtergeputzt. Aber warum um Himmels willen musste nun gleich ein Christophidou-Klon namens Fenia Xenopoulou eine der Hauptgestalten seines Romans werden? Eine Dame, die mit Kultur rein gar nichts am Hut hat und deren einziges Interesse darin besteht, aus dem unterklassigen Kulturressort bald in eine angesehenere Direktion zu wechseln. Wobei sie von der irgendwie ja auch nachnationalen Frage umgetrieben wird, ob ihr dabei ihr zypriotischer oder ihr griechischer Pass eher weiterhelfen könnte. Und warum musste die ob ihrer Kompetenz von Menasse so bewunderte Kommission durch einen Tross politischer Leichtmatrosen repräsentiert werden?

Wer weiß – mag sein, dass sich Menasse vom nahezu schillerschen Pathos seiner flammenden Essay-Manifeste auf einer halb ernsten Komödie ausruhen wollte. Mag sein, dass er sich von der bisweilen etwas gar stolzen Wahrheitsgewissheit seiner Essays durch ein wenig Selbstironie entspannen wollte. Dafür spräche die vielsagende Rolle, die er der etwas schrulligen Romangestalt des Prof. Alois Erhart gibt, einem österreichischen Politologen aus bräunlicher Mitläufer-Familie, der in einem absurden Thinktank die EU neu erfinden soll. Während alle vor Eitelkeit platzend ihre zweitklassigen Drittmittelgedanken präsentieren, wirft sich Erhart in die Rolle des Hofnarren und sagt seinen Kollegen laut und deutlich die Wahrheit, die keiner hören will, "letzte Worte", mit denen er "das Ende seines Lebens in der Expertenwelt" besiegeln wird: Er plädiert fürs Nachnationale, fordert europäische statt nationaler Pässe, er erinnert daran, dass jetzt die letzten Überlebenden der europäischen Katastrophe sterben, die mit ihren Biografien noch die absolute Notwendigkeit des Kampfes gegen den Nationalismus bezeugen können. Wenn das kein raffinierter Kniff eines politischen Romanciers ist: Mitten in der fiktiven Satire lässt Menasse einen Narren auftreten, der keine anderen Wahrheiten verkündet als die, welche Menasse in getragenem Ernst in seiner Rede vor dem Europäischen Parlament ausgesprochen hat. Und der nächste Kniff folgt sogleich, denn zum Schluss geht der satirische Romancier Menasse noch einen Schritt über den ernsten Essayisten hinaus und lässt seinen Professor Erhart die Errichtung einer neuen idealen europäischen Hauptstadt fordern. Und wo sollte die sein, wenn nicht in Auschwitz!

Da ist er wieder, der tiefironische Umgang dieses Romans mit Auschwitz: Neben den Witz des Auschwitz-Events der Kommission stellt er die Lebensgeschichte des Überlebenden David de Vriend, dessen Untergang in der Demenz Menasse enorm feinfühlig erzählt. Während die Kommission allen Ernstes bei der Europäischen Statistikbehörde nach einer Liste aller noch lebenden Überlebenden fragt, führt de Vriend, sie immer wieder verlegend, eine Liste der letzten, die er noch kennt. Zuletzt steht nur er selber noch drauf, da stirbt er, nach einem Irrgang durch seine Albträume, in der Metrostation Maelbeek bei einem Bombenanschlag. Die Station zählt, was im Roman nicht gesagt wird, zu den Orten, an denen am 22. März 2016 bei islamistischen Anschlägen 32 Menschen zu Tode kamen. Mit de Vriend sterben beim Anschlag auch Frau Xenopoulou, ihr Zudiener Susman und Prof. Erhart. Den fünften Romanhelden, Oswiecki, hat Menasse schon zuvor bei einer Notbremsung sterben lassen, die nötig wurde, weil ein KZ-Überlebender sich vor den Zug geworfen hatte. Erzähltechnisch ist das toll hingefinkelt, aber man muss wohl Theaterdonner mögen, um es ganz zu goutieren.

Ein vergnüglicher Pageturner ist Die Hauptstadt allemal. Es schwebt freilich über allem ein biedermeierlicher Hauch von Brüssel light. Über die EU im Jahr der Flüchtlingskrise zu schreiben und den Flüchtlingszug auf den ungarischen Autobahnen nur als Auslöser eines Autounfalls vorkommen zu lassen, das ist dann schon recht apart.

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Roman; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 459 S., 24,– €