Zum allerersten Mal in ihrem Leben hat Lollo das Gefühl, eine reife Entscheidung zu treffen. Aber dieses Leben als Erwachsene "scheuert jetzt schon wie eine neue Jeans, und dabei hat es doch gerade erst angefangen".

Die 15-Jährige wünscht sich sehnlichst, die Härchen auf ihren Armen würden sich aufstellen, wenn sie an Erik denkt, den Freund ihres Bruders, der sie seit Tagen aufs Plumpste anbaggert. Erik, Sohn aus gutem, sprich reichem Haus, wäre in Lollos Augen "normal eben". Stattdessen vibriert ihr ganzer Körper, wenn sie an eine jungenhaft-schmale Gestalt in ausgeleiertem T-Shirt denkt, an Anna mit den dreckigen Fingernägeln und den verstrubbelten Haaren.

Dass Anna ein Mädchen ist, wäre in Lollos Augen schon unnormal genug. (Lollo hat nichts gegen Lesben, bestimmt nicht, nur wird sie ja wohl nicht selbst eine sein!) Anna ist aber gleich ein doppeltes Problem: Sie ist ein Mädchen, und zwar dieses "siffige", die Tochter des "Alkis". So jedenfalls würde Lollos Familie es ausdrücken. Gänsehaut hin oder her, sie können kein Paar sein. Und so verleugnet Lollo die Freundin, als diese plötzlich im Garten des Luxusanwesens von Lollos Familie steht. Anna geht, beschämt, gedemütigt. Lollo hockt neben ihrer "Barbie-Mutter" überm Rhabarberbeet und redet sich ein, nun erwachsen zu sein.

Sara Lövestam erzählt in Wie ein Himmel voller Seehunde von der stillen, zarten und unmöglichen Liebe zweier Mädchen, die gegensätzlicher kaum sein könnten. In Stockholm, wo Anna und Lollo leben, würden sich ihre Wege wohl nie kreuzen. Zu unterschiedlich sind die Milieus, in die sie hineingeboren wurden. Doch in diesem Sommer nehmen beide die Fähre zu einer kleinen Insel in den Schären, fallen für ein paar Tage aus ihren so ungleichen Leben und tauchen ab in eine gemeinsame Welt. Eine, in der sie aufs Meer hinausfahren und baden, auf Felsen und am Feuer sitzen – und sich küssen.

"Paradies" nennt Anna das Sommerhaus auf der Insel, schon ihr ganzes Leben lang kommt sie hierher. Allerdings ist dieses Haus eine ziemliche Bruchbude, und ebenso wenig paradiesisch ist, dass Annas Vater den größten Ehrgeiz zeigt, wenn es um die Minimierung des Bierdosen- und Zigarettenvorrats geht. Meist sumpft er "wie ein schlapper Wurm" schnarchend, rauchend oder süppelnd vor sich hin.

An der Luxusvilla von Lollos Familie gammelt nichts, und doch findet Lollo sie abstoßend. Das Anwesen ist nur eine neue Bühne, auf der die Eltern sich als happy family inszenieren: "Zwischen Baccarat-Gläsern und maßangefertigten Rattanmöbeln versuchen sie, die Fassade mit Ach und Krach aufrechtzuerhalten und die Familie vor dem endgültigen Auseinanderbrechen zu bewahren. Vollkommen vergebens."

Missgünstig belauern beide Familien einander. Dass Annas Vater, dieser "Junkie", auf der Insel lebt, kann sich Lollos Mutter kaum vorstellen. Sicher sei er eine Art Hausmeister. Für Annas Vater sind die neuen Nachbarn umgekehrt bloß "Lackaffen" mit einer "verwöhnten Bonzengöre".

Die oberflächlichen Reichen gegen die schmuddeligen Armen: Natürlich übertreibt Sara Lövestam, allerdings ohne dass ihre Figuren zur Karikatur würden. Die Gegensätze treten vor allem deshalb so deutlich hervor, weil Reichtum und Armut auf der Insel direkt nebeneinanderliegen. Dazwischen gibt es nur Natur – und ein paar bittere Gemeinsamkeiten: Gesoffen, um das Leben zu ertragen, wird bei allen. Und glücklich ist niemand, ob mit oder ohne Geld.

Es ist wenig verwunderlich, dass die beiden 15-Jährigen nicht genug bekommen können von dem, was sie miteinander erleben, vom Prickeln und Lachen, von Anspannung und Gelöstsein. Wenn Lollo mit Anna zusammen ist, "öffnet sie einfach den Mund, und ihre Gedanken strömen heraus". Sie fabuliert über fliegende Seehunde und vergessliche Bachstelzen, was wiederum Anna so glücklich macht, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem Lachen einschläft.

Trotzdem reisen am Ende der Ferien zwei unglückliche Mädchen von der Insel ab – und das ist konsequent. Die Autorin führt vor, wie tief soziale Unterschiede sitzen und das Handeln prägen. Selbst Anna erscheint es, trotz aller Demütigung, vollkommen plausibel, dass Lollo sie abserviert hat. Reich steht über Arm. Wie sollte eine wie sie eine Freundin für Lollo sein! "Wo war denn mit einem Mal der ganze Zwischenraum geblieben?", hatte sich Anna nach dem ersten Kuss gefragt. Am Ende des Sommers weiß sie: "Die Welt setzt sich aus vielen Welten zusammen" – und die mit Lollo gehört ins Reich der Fantasie.

Als die beiden Mädchen sich in Stockholm doch noch einmal begegnen, scheint die Kluft zwischen ihnen größer denn je zu sein. Für eine gemeinsame Zukunft müssten beide weit springen. Lollo denkt am Schluss, dass sie zum allerersten Mal in ihrem Leben etwas Mutiges getan hat. Ob das ausreicht, bleibt offen.


Sara Lövestam: Wie ein Himmel voller Seehunde. Deutsch von St. E. Baur; Rowohlt 2017; 256 S., 12,99 €