Man solle doch bitte Ort und Zeit für das Gespräch mit Sophia Kennedy selbst aussuchen, teilt das Management der Sängerin mit. Die 28-Jährige sei gerade völlig überfordert von zu vielen Entscheidungen. Die Musikerin mit amerikanischen Wurzeln hat vor Kurzem ihr erstes Album rausgebracht, produziert mit Mense Reents von den Goldenen Zitronen. Der begleitet sie auch zum Interview in ein Café auf St. Pauli.

DIE ZEIT: Frau Kennedy, Ihr Management sagte, Sie seien gerade durch den Wind.

Sophia Kennedy: Mir ist auf einer Reise in Madrid meine Handtasche geklaut worden. Apokalypse!

ZEIT: Was fehlt?

Kennedy: Portemonnaie, Karten, Handy, Pass. Alles. Ich bin amerikanische Staatsbürgerin, das bedeutet doppelten Stress. Ich habe nur meinen Pass, um mich auszuweisen. Jetzt muss ich zur Botschaft fahren, kann nicht verreisen. Megakompliziert!

ZEIT: Sie werden oft als Künstlerin aus Baltimore beschrieben, leben aber seit 18 Jahren in Deutschland. Warum kamen Sie her?

Kennedy: Meine Mutter hat neu geheiratet, wir sind dann aus Baltimore nach Deutschland gekommen. In ein Kuhkaff bei Göttingen.

ZEIT: Wie war das?

Kennedy: Heftig, eine andere Welt. Europa ist für Amerikaner kulturell das große Ding. Meine Mutter hatte wohl eine Idealvorstellung, wie das Leben auf dem Land ist, hat es sich ein bisschen wie in der Provence vorgestellt: verschlafenes Dörfchen, frische Croissants, ein Landhaus, umgeben von Lavendel.

ZEIT: Wie war es wirklich?

Kennedy: Bauernmäßig. Ein 1.000-Seelen-Dorf. Sehr bodenständig, sehr deutsch. Herzlich und ruppig. Sie hat es aber nie bereut. Es ist einfacher, hier zu leben. Die Gefahren auf dem Dorf sind überschaubarer als die im kriminellen Baltimore.

ZEIT: Sie sollen als Kind Büsche angesungen haben. Stimmt das?

Kennedy: Ja, ich hab als Kind immer viel gesungen. Ich hab alles angesungen, was vor mir stand, und war schon früh im Chor, hatte Blockflötenunterricht bis zum Gehtnichtmehr.

ZEIT: War Ihren Eltern klar, dass Sie Ihr Geld mit Musik verdienen werden?

Kennedy: Ich wurde nicht gedrillt, komme aus keiner musikalischen Familie. Ich war nicht sonderlich gut in der Schule, da haben sie die Hoffnung schnell aufgegeben, dass ich etwas Geradliniges machen werde im Leben. Sie hatten eher die Einstellung: Mach einfach.

ZEIT: Womit haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

Kennedy: Ich hatte diese romantische Vorstellung, mal in einem Café zu arbeiten. Ich hab es probiert, aber ich bin komplett talentfrei. Ich fange schon an zu heulen, wenn drei Bier gleichzeitig bestellt werden. Da kriege ich innerliche Panik.

ZEIT: Sie haben dann an der Hamburger Kunsthochschule Film studiert und einen Film über eine Pfirsichsekte gedreht.

Kennedy: Die Pfirsiche wollten die Weltherrschaft übernehmen. Sehr düster.

ZEIT: Wie haben die Zuschauer reagiert?

Kennedy: Stille. Fragende Blicke. Verstörung. Ich war genervt von der Kunsthochschule, alle dort sind so ernsthaft ihren künstlerischen Visionen gefolgt. Immer diese realistischen Filme: Drogenerfahrungen, Nachtleben. Ich bin eher in die Avantgarde-Richtung gegangen. Aber so nennt man ja auch alles, was scheiße ist. (lacht) Ich wollte provozieren, indem ich etwas komplett Lächerliches gemacht habe. Mein Professor fand es gut, sagte aber auch, dass viele sich fragen würden: Was soll das?

ZEIT: Haben Sie das Gefühl, Sie werden mit Ihrer Musik besser verstanden?

Kennedy: Mittlerweile schon, ich habe das Album auch nicht allein gemacht. Dadurch hatte ich ständiges Feedback: Was versteht man, was nicht? Meine Musik ist poppig, ich haue ja nicht auf einer Blechtrommel rum.

ZEIT: Sie haben zwei Jahre an Ihrem Album gearbeitet. Wovon haben Sie da gelebt?

Kennedy: Ich habe Theatermusik in Berlin und Leipzig gemacht und nebenher auch immer schon Konzerte gespielt. Und ich arbeite im Golem, an der Tür und an der Kasse.

ZEIT: Was lernt man an der Tür eines Clubs?