Jetzt sind sie plötzlich alle wieder Trappisten. Kurz war in der Wiener SPÖ über die Nachfolge des lang gedienten Bürgermeisters Michael Häupl gezankt worden – sechs Wochen vor einem Wahltag pures Gift. Dann fuhr den Genossen ob der selbstmörderischen Querelen der Schreck in die Knochen. Nun wird eisern geschwiegen. "Es gibt nur noch den Wahlkampf", versprechen einander Freund und Feind in die Hand.

Die Lage ist schließlich ernst genug: Je nach Umfrage liegt die Volkspartei von Sebastian Kurz um fünf bis sieben Prozentpunkte vor den Sozialdemokraten, vergangene Woche sah eine Erhebung des Unique-Research-Instituts die auf Türkis umgefärbte Partei sogar mit neun Punkten vor Rot. Blau rangiert noch ein Stück dahinter.

So geht das nun schon seit Wochen: Immer wenn die Sozialdemokraten das Gefühl hatten, nun komme ihre Kampagne in die Gänge, passierte Unerfreuliches, und die Demoskopen vermeldeten abermals Stagnation. Dabei sind sich praktisch alle in der Partei einig, dass man mit Christian Kern den besten Mann seit Franz Vranitzky an der Spitze hat. Wenn nicht einmal er es schafft, die SPÖ auf Platz eins zu halten, dann haben die Sozialdemokraten ein fundamentales Problem, auch das wird allen langsam klar.

Merkwürdigerweise ist die Stimmung keineswegs schlecht. Bei der Sitzung des Bundesparteirates, mit der die SPÖ in der Wiener Messehalle in den Wahlkampf startete, zeigten sich die Teilnehmer in fast ausgelassener Laune. "Wenn @Chr.Kern so kämpft, wie er heute drauf ist, dann gewinnt er noch deutlich", twitterte der rote Nationalbank-Vize Max Kothbauer begeistert vom Ort der Veranstaltung.

In Zeiten wie diesen finden vor allem die Optimisten Gehör: Aufholjagden habe es immer wieder gegeben, und nicht selten habe man sie gewonnen, sprechen sich derzeit die Sozialdemokraten aus den oberen Etagen der Partei Mut zu.

Etwa 1986: Franz Vranitzky war erst zwei Monate im Amt, als sich Jörg Haider beim Koalitionspartner FPÖ an die Spitze putschte. Vranitzky ließ die Regierung platzen, obwohl die SPÖ in den Umfragen um bis zu fünf Prozentpunkte hinter der siegessicheren ÖVP von Alois Mock lag. Am Wahltag, zwei Monate später, überflügelte dann die SPÖ die Schwarzen doch noch um zwei Prozentpunkte und rettete das Kanzleramt.

Oder 2006, das Jahr, in dem die Gewerkschaftsbank Bawag zusammengebrochen war und die Affäre das politische Geschehen überschattete. In den drei Monaten vor der Herbstwahl hatte Wolfgang Schüssels Regierungs-ÖVP in den Umfragen stets um drei bis vier Prozentpunkte vor den Sozialdemokraten gelegen. Eine Woche vor der Wahl hieß es aus den Meinungsforschungsinstituten, der Vorsprung der ÖVP könnte schlussendlich bis zu fünf Prozentpunkte betragen, die Wahrscheinlichkeit, dass es noch knapp werden könnte, sei gering. Am Wahlabend lag Alfred Gusenbauers SPÖ um 1,5 Prozent vor der schockierten Volkspartei. Den Ausschlag, so Nachwahl-Untersuchungen, hätten auch Gusenbauers gelungene Auftritte in den TV-Konfrontationen gegeben.

Oder 2013: Frank Stronachs neuer Partei prophezeiten die Meinungsforscher zu Beginn der Intensivwahlkampfs bis zu 15 Prozent. Nach den Fernsehdebatten, die Stronach mit Verhaltensauffälligkeiten gewürzt hatte, waren zehn Prozentpunkt pfutsch.

Auf die Fernsehdebatten setzt man in diesen schweren Stunden auch in der SPÖ: Kern werde sich schon tüchtig schlagen, er kenne sich schließlich in der Wirtschaft viel besser aus als Sebastian Kurz, heißt es. Als Beispiel für den Einfluss, den solche TV-Konfrontationen manchmal entfalten, zitieren die roten Kampagnenmacher abermals ein Intermezzo aus der Vergangenheit, freilich eines, an das sich die Sozialdemokraten selbst nicht so gerne erinnern: Während der Fernsehdebatte mit Kanzler Franz Vranitzky hatte FPÖ-Obmann Jörg Haider 1994 plötzlich ein Taferl aus der Mappe gezogen, auf dem die großzügigen Pensionsansprüche des steirischen Arbeiterkammer-Direktors Kurt Zacharias vermerkt waren.

Österreichweit war Zacharias kein prominenter Funktionär, Vranitzky hat ihn wohl nicht einmal gekannt. Aber Haiders "Urtaferl" traf einen Nerv. Viel zu lange hatten es sich manche in den Seitentrakten der Republik allzu kuschelig eingerichtet.

Am Wahlabend war der Kanzler mit einem Verlust von fast acht Prozentpunkten konfrontiert, das größte Segment verloren die Sozialdemokraten an die Freiheitlichen. In den Nachwahlbefragungen wurde der Fall Zacharias von den meisten Wechselwählern als wichtigstes Motiv für ihre Wahlentscheidung genannt.

Warum sollte das diesmal nicht auch gelingen?, fragen viele, ohne zu wissen, was Christian Kern auf ein Taferl schreiben müsste, um Sebastian Kurz noch abzufangen.

Die Reminiszenzen sind überdies etwas unscharf. 2006 fielen nicht nur Gusenbauers freche Fernsehauftritte in die Waagschale, die Partei insgesamt hatte wegen der Unbeliebtheit von Schüssels Mitte-rechts-Regierung Rückenwind und in den beiden Jahren davor Kantersiege bei drei Landtagswahlen errungen: plus zehn Prozentpunkte in der Steiermark, plus elf in Oberösterreich, plus 13 in Salzburg. Mit Gabi Burgstaller und Franz Voves hatte die SPÖ sogar zwei neue Landeshauptleute hinzugewonnen.