Nur eines ist untypisch: Zunächst hört man gar nichts. Fragt sich für einige lange Sekunden, ob der CD-Player oder das Smartphone streikt, friemelt am Lautstärkeregler, volume up, immer höher, bis da doch irgendetwas leise knackt und pfeift und plötzlich, überlaut, die Wucht dunkler Klaviertöne losdröhnt, gefolgt vom unverkennbaren Bariton Matt Berningers, der davon zu singen beginnt, wie er jemanden auf ein Glas Gin einlädt.

Vielleicht ist die kleine Kunstpause vor Nobody Else Will Be There, dem ersten Stück auf dem neuen Album Sleep Well Beast von The National, ein Zufall. Vielleicht aber auch nicht. Sie könnte heißen: Seht es bloß nicht als selbstverständlich an, dass wir euch hier wieder zwölf neue wunderbare Songs abliefern. Denn auch wenn die Band dies nun schon zum siebten Mal tut, es soll nicht zur Routine werden. Das Heranschleichen am Anfang ist wie eine spielerische Warnung, dass ohne sie für ihre glühenden Anhänger nichts bliebe als das: kalte Stille.

Das Risiko allerdings, dass The National ausgerechnet jetzt aufhören, Musik zu machen, dürfte nie geringer gewesen sein. Seit über zehn Jahren ist die New Yorker Band eine Institution, mit jedem Album wird sie berühmter. Dabei sind die fünf Musiker, die sich seit ihrer Jugend in Ohio kennen und vor 18 Jahren als Hobby gemeinsam zu spielen begannen, alles andere als klassische Rockstars. Wie sie auf ihren Pressefotos herumstehen, sehen sie bis heute eher aus wie Vertreter ihrer ehemaligen Jobs, wie Grafikdesigner und klassische Musiker, die in Yale studiert haben. Nicht nur auf Bildern, auch bei Konzerten trägt Frontsänger Berninger gern Anzug und Nerdbrille. Wenn er die Bühne verlässt, um mit seinem Mikro durch das Publikum zu streifen, ohne aufzublicken, wirkt er wie ein verlorener Juniorprofessor, der morgens beginnt, sein Gehalt zu versaufen, und mittags trotzdem glänzende Vorlesungen hält. Auch Berninger scheint auf der Bühne stets stark angetrunken zu sein, doch jeder Ton sitzt.

Das Verlottert-Akademische der Band spiegelt sich auch in ihrer Musik. Sie entsteht seit je langsam, und es gibt kryptische Metaphern, die niemand versteht, die aber trotzdem hängen bleiben. "You and your sister live in a lemonworld I wanna sit in and die", heißt es an einer Stelle, was weder schwärmerisch noch suizidal klingt, aber irgendwie trotzdem auf Anhieb überzeugt. Wie an einem verkaterten Sonntag wechseln die Texte von restalkoholischer Selbstüberschätzung ("I’m a festival! I’m a parade!") zu nüchternem Selbstekel ("I know it’s not working, I’m no holiday"). Simpel, nie kitschig werden romantische Geständnisse gemacht ("I need my girl"), verquaste Grübeleien werden hörerfreundlich umschrieben statt ausbuchstabiert ("I had a secret meeting in the basement of my brain").

Den einen großen Hit, der zu einem Hype geführt hätte, gab es bei The National, die als Lieblingsband Barack Obamas gelten, nie. Keine plötzliche Chartstürmung führte zu dem, was sie heute sind: Ikonen einer Musik, die man, weil man nie weiß, wie man sie sonst nennen könnte, als melancholischen Indie-Rock bezeichnet. Die Kritiker dieses Genres, vom Guardian über die New York Times bis zum europäischen Feuilleton, loben The National seit je über den grünen Klee, ihre Fans folgten stiller. Wie Facebook-Freunde kamen sie einer nach dem anderen, bis sie zu einer Gemeinde heranwuchsen, die eine stoische Liebe zu Frontmann Berninger, den Zwillingen Aaron und Bryce Dessner und dem Brüderpaar Scott und Bryan Devendorf verbindet. Für ihre Anhänger wirkt ein Song von The National mittlerweile in etwa so wie eine Fernsehansprache Angela Merkels auf deutsche Wähler: Sobald die vertraute Stimme erklingt, beruhigt sich ihr Herzschlag. Egal, was der Inhalt der Worte ist, meinen sie plötzlich wieder zu wissen: Alles wird gut. Matt Berninger klingt bei dieser Botschaft zwar niemals fröhlich, aber das tut die Bundeskanzlerin ja auch nicht.

Bei alledem ist nichts Weinerliches in der Melancholie, die The National mit ihrer Musik transportieren. Das Schwermütige ist eine Grundvoraussetzung, etwas, das feststeht und gerade dadurch wieder beweglich wird. Vom Tod singen The National unaufgeregt wie vom Übergang von der einen in die andere Phase, "Let’s go wait out in the fields with the ones we love", schlagen sie für die Zeit des Wartens, also die übrige Lebenszeit bis zum Moment des Sterbens, vor. Und vielleicht liegt ihre tröstliche Wirkung überhaupt an diesen fields, an den Wurzeln in Ohio, nah an der Provinz, wo es, wenn man ratlos ist, immer noch den weiten Himmel gibt. Ihre Musik mit den Synthesizern und der E-Gitarre klingt immer urban und gleichzeitig anti-urban, denn es spielen auch Bläser, Streicher, Klavier. Als würden sie durch New York laufen und sich dabei aus Experimentierfreude oder Selbstschutz stets einen Sinn betäuben, spiegeln helle, glasspielartige Töne die Lichter der Hochhäuser, die störenden Geräusche hupender Autos allerdings fehlen. Einer ewigen Autofahrt ähnlich gibt es hier immer beides, Bewegung und Ruhe gleichzeitig, das vorbeirasende Außen und das geschützte Innen.

Musik aus einer Blase heraus, ohne dass das Erlebte weniger intensiv werden würde – nach diesem Effekt sind mittlerweile viele Menschen so süchtig, dass jedes Konzert der Band binnen wenigen Minuten ausverkauft ist, sei es in der Royal Albert Hall oder in der Hamburger Elbphilharmonie, in der sie Ende Oktober ihr neues Album präsentiert. Sleep Well Beast führt all das Können von The National noch einmal vor: Es gibt die Stadt ("It’s a subway day"), das träumerische Autofahren auf der Landstraße ("You’ve been sleeping for miles, so what did you see?"), den trügerischen Triumph ("I don’t need you!") und die Selbstzerfleischung ("I was born to beg for you"). Zwölf weitere schöne Songs also. Sobald die vertraute Stimme erklingt, beruhigt sich ihr Herzschlag

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