Merkel gegen Schulz, Duell oder Duett, ganz egal. Es dauerte 94 Minuten, bis die Kanzlerkandidaten am vergangenen Sonntagabend auf ihre Zukunftsentwürfe zu sprechen kamen. Da war die Fernsehdebatte schon fast vorbei. Erst in ihren – mehr oder weniger auswendig gelernten – Schlussbemerkungen boten Merkel und Schulz ein paar Schlagworte. Der SPD-Mann beschwor den "Mut zum Aufbruch" in einer "Zeit des Umbruchs" und wollte die "Zukunft gestalten" und nicht die "Vergangenheit verwalten". Die CDU-Kanzlerin sprach vom "digitalen Fortschritt" und wollte die "neue Welt ... gestalten", die uns erwartet. Die Bildung müsse "umgestellt werden", und die Bürger müssten mit einem "digitalen Zugang zu ihrem Staat" ausgerüstet werden.

Bundestagswahl - Die wichtigsten Aussagen aus dem TV-Duell Die Themen Flucht und Migration haben lange die Debatte zwischen Martin Schulz (SPD) und Angela Merkel (CDU) dominiert. Die Rente, der Dieselskandal und die Innere Sicherheit kamen kurz zur Sprache. Ein Überblick © Foto: -/MG RTL D/dpa

Dann war Schluss.

Deutschland rätselt, warum der Wahlkampf so langweilig wirkt. Weil die Sache schon gelaufen ist, sagen die einen. Was aber nicht stimmt: Welche Farben an der Regierung beteiligt sein werden, ist mit Ausnahme von Schwarz noch vollkommen offen. Weil alle dasselbe versprechen, meinen andere. Stimmt auch nicht. Die Wahlprogramme markieren große Unterschiede, und gerade die kleineren Parteien sind weit voneinander entfernt.

Der Hauptgrund für die Langeweile ist ein anderer. Was die Kommentatoren nach dem merkwürdigen Showdown vom Sonntag in ihren bösen Kritiken nicht sagten: Auch wenn die vier fragenden TV-Journalisten sich nicht gegenseitig im Weg gestanden und stattdessen die Kandidaten frühzeitig auf die wirtschaftliche und soziale Zukunft angesprochen hätten – es wäre nichts Wegweisendes herausgekommen.

Bei den Wahlkämpfern fehlt das Progressive, der neue Weltentwurf, ein sichtbarer Anlauf zur Verbesserung der durchaus verbesserungswürdigen Welt, in der wir leben. Fast alles in diesem Wahlkampf hat mit der Vergangenheit zu tun: der Versuch der SPD, die eigenen Hartz-Reformen zu korrigieren, Merkels Versprechen vom "Wohlstand für alle", das Eintreten der FDP für Ordnungspolitik, Innovation und nationale Bildungsziele. Grüne (Verbrennungsmotor ja oder nein?) und Linke (Regierungsfähigkeit ja oder nein?) haben so viel mit sich selbst zu tun, dass an wahrhaft Neues kaum zu denken ist. Und die AfD will ohnehin zurück in eine nicht sonderlich verheißungsvolle Vergangenheit.

Im satten Wohlstandsland D. fehlt das Aufregende, Mitreißende, Optimistische. Es herrscht Wahlkampf im Verteidigungsmodus, und es gibt keinen Wettbewerb darum, wer eine neue Perspektive bietet und den Bürgern mehr Freiheiten und mehr Gemeinschaft in der Not verspricht. Man versteht, warum die Meinungsumfragenführerin Merkel auf solche Abenteuer verzichtet. Aber die 23-Prozent-in-den-Umfragen-Partei SPD? Die Grünen, die im Rennen um Platz drei fast aussichtslos hinten liegen? Merkel, man konnte es am Sonntagabend im Fernsehen beobachten, sagt bei jeder halbwegs populären SPD-Forderung, genau das wolle sie ja auch. Mit konventionellen Mitteln kann man sie kaum herausfordern. Warum wagt die Konkurrenz dann so wenig?

Sie müsste wissen: Die dauernde Steuer- und Sozialdebatte in einem Land, in dem die Umverteilung von Einkommen in Wahrheit ganz gut funktioniert, ist eher lähmend als energiespendend. Da wird vor der Wahl ein Riesenstreit ausgefochten und danach eine kleine Veränderung bewirkt – und schon denken alle Beteiligten, der Einsatz für die Gerechtigkeit sei beendet. Gerade die Routinepolitiker der SPD sollten stutzig werden. Vor der vergangenen Bundestagswahl hatte die Partei ein klares soziales Wahlprogramm ("Das Wir entscheidet") aufgestellt, es in der Koalitionsvereinbarung weitgehend durchgesetzt und dann mit den eigenen Ministern umgesetzt. Wie versprochen, so gehalten, derart sollte Demokratie doch funktionieren.