Am 22. Januar dieses Jahres schrieb der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte einen offenen Brief an seine Mitbürger. Darin forderte er die Zuwanderer zum wiederholten Male auf, sich dem Lebensstil ihrer neuen Heimat anzupassen, und ließ das gipfeln in dem barschen Satz: "Benimm Dich normal, oder verschwinde!" Er erntete nicht bloß Zustimmung. Von den Christdemokraten hieß es, es sei dem Land unter Rutte die öffentliche Moral abhandengekommen. Doch Rutte blieb Regierungschef. Und das in den Niederlanden, für viele Deutsche so lange ein Vorbild der Demokratie, Liberalität, Weltoffenheit! Werte, die nach verbreiteter Meinung unserem Land lange Zeit gefehlt haben.

Rund zwanzig Jahre seines wissenschaftlichen Lebens hat der Berliner Historiker Heinrich August Winkler diesem Thema gewidmet, zunächst dem "Langen Weg nach Westen", den die Deutschen gehen mussten. Dann machte er sich an eine vierbändige Geschichte des Westens von der Antike bis in die Gegenwart.

Doch kaum war der letzte Band veröffentlicht, da schien das "normative Projekt" in eine Krise gekommen: Die Europäische Union verlor an Anziehungskraft, die bisher so selbstverständlich wirkende Gemeinsamkeit von Demokratie, Liberalismus und Rechtsstaatlichkeit lockerte sich, die Einwanderungen stellten das Konzept der Nationen als Willensgemeinschaft auf die Probe, die europäisch-amerikanischen Beziehungen knirschen, der Ton der Auseinandersetzung wird aggressiver, der Respekt vor der Politik und damit die Wahlbeteiligung sinken. Und so sah sich Winkler gehalten, seinem Lebensprojekt ein weiteres Buch folgen zu lassen: Zerbricht der Westen?

Was den Autor seit je auszeichnet, das trägt auch diesmal: Er ist einfach ein guter Erzähler. Kurz rekapituliert er, was den Westen prägte: der Dualismus, zunächst zwischen geistlicher und weltlicher Macht, dann zwischen Monarchie und Repräsentation des Landes in den Vertretungen der Stände. Aus solch früher Gewaltenteilung bildet sich die eigentümliche Garantie persönlicher Freiheit und politischer Mitwirkung. Doch dann geht Winklers Darstellung fast unmerklich in die Schilderung der letzten Jahre über, und zwar in ziemlich strenger Chronologie.

Selbst ein so eng zusammenhängendes Geschehen wie die Wahlen in Frankreich – von der Kandidatenkür über die Wahlen zum Präsidenten und der Nationalversammlung bis zum Zusammenbruch des alten Parteienwesens – wird auf verschiedene Abschnitte verteilt, wie der Kalender es befiehlt. Und das Erstaunliche: Der Leser wird nicht müde dabei, während er noch einmal einen Eindruck von den Verwirrungen seiner Gegenwart erhält. Die so überlegen klingende und so simpel gedachte Kritik, es fehle der Politik an einem umgreifenden Konzept, wird nicht mehr so ohne Weiteres äußern, wer sich von Winkler mit den Ereignissen der letzten Jahre hat bekannt machen lassen – und damit ist für die Stärkung politischer Urteilskraft schon einiges getan.

Allerdings, und das ist weniger erstaunlich, ist die erzählende Aufarbeitung dem gedanklichen Zugriff nicht sehr günstig. Was ist die Natur der Krise? Die sinkenden Erwartungen in die EU erklärt Winkler etwa aus einem gestiegenen Realismus. Der gerade unter Linken gesprossene Glaube, der Nationalstaat sei längst am Ende, hatte bei unseren Nachbarn nie viel Kredit. Und doch erwächst daraus ein gewaltiges Problem: Die Euro-Krise entstand aus dem Unwillen, die Währungsunion mit einer politischen Union zu verbinden – und dieser Unwillen natürlich aus dem Wunsch, an der Handlungsfähigkeit der eigenen Nation festzuhalten.

Verbreitet hat sich der Eindruck, es hätten sich die Politik und ihre Vertreter von den Nöten der normalen Leute entfernt. Stimmt das, oder hat sich nur die Optik verändert? Haben die mediale Revolution und der Abbau des alten Autoritätsvertrauens der Politik die Sichtblende genommen, in deren Schutz sie vormals arbeitete? Dazu sagt Winkler wenig. Er beobachtet in der Außenpolitik die russische "Eskalationsdominanz", doch worauf beruht sie? Vielleicht im Privileg, sich nicht um die öffentliche Meinung scheren zu müssen? Wird, umgekehrt gefragt, die politische Partizipation zu einem Hemmnis im Kampf der Mächte?

Auch zum Aufstieg Trumps, eines offenkundig blutigen Laien der Politik, bleibt Winkler karg. Er verweist auf Hillary Clintons Wahlkampf, der die Belange der Minderheiten statt die Nöte der Durchschnittsamerikaner ins Zentrum gerückt habe. Mehr bietet er nicht. Aber man fragt sich doch: Woher kommt dieser Hass? Ob man auf Trump und sein Publikum, auf die Auseinandersetzung in der polnischen Innenpolitik, die Kampagne für den Brexit oder einen Mann wie Alexander Gauland schaut: In all diesen Fällen ist eine ungekannte Enthemmung in der Wahl der Mittel zu beobachten. Liegt es an der wachsenden sozialen Ungleichheit? Winkler hat die Politik einschließlich der Währungs- und Finanzfragen im Auge; über Wirtschaft und Arbeit spricht er wenig. Seine nüchterne Selbstbeschränkung verdient Respekt. Aber hier ist des Nüchternen zu viel getan. Ein Buch wie dieses braucht mehr Freude an der Spekulation, am Thetischen.

Heinrich August Winkler: Zerbricht der Westen? C. H. Beck, München 2017; 493 S., 24,95 €