Die "Wüste der Wüsten" wird die Ténéré im Norden Nigers genannt, eine glühende Einöde aus Kiesel und Sand. Dort, in der Stadt Agadez, treffen viele junge Westafrikaner auf ihre Schleuser. Monique Barbut hat sie gefragt: Was treibt euch dazu, den gefährlichen Weg nach Libyen zu riskieren? Der gemeinsame Nenner der Antworten, so erzählt Barbut, habe gelautet: unsicherer Boden. Das ist keine Metapher, sondern harte Realität.

"Die allermeisten, die aus dem Senegal, Nigeria oder Mali aufbrechen, stammen aus Dörfern", erklärt die 61-jährige Französin. Ihre Äcker seien oft ausgelaugt, die Erde fortgeschwemmt, versandet, verweht. In die Ténéré ist Barbut von Amts wegen gereist. Sie leitet bei den Vereinten Nationen in Bonn das Sekretariat der UN-Konvention gegen Wüstenbildung und Bodendegradation (UNCCD). Und erfährt dabei, dass ähnliche Entwicklungen die Existenzgrundlagen vieler Menschen von Indien über Südeuropa bis Bolivien bedrohen.

Etwa 1,4 Milliarden Hektar Boden werden weltweit landwirtschaftlich genutzt. Jedes Jahr gehen sechs bis zwölf Millionen Hektar verloren – teils unwiederbringlich. In den letzten drei Jahrzehnten hat sich der Zustand eines Drittels aller Weiden und etwa eines Viertels aller Äcker und Humusschichten verschlechtert. Das haben Experten des Bonner Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) erhoben. Viele Ausweichmöglichkeiten gibt es nicht mehr. Schon die Ausweitung der globalen Ackerfläche um rund elf Prozent in den letzten fünfzig Jahren ging auf Kosten ökologisch wertvoller Moore und Wälder.

Gesunde Böden ernähren nicht nur, sie filtern Regen zu Trinkwasser, speichern Feuchtigkeit, kühlen das Mikroklima. Der Luft entziehen sie mehr Kohlendioxid als die Ozeane. Boden nährt artenreiche Biotope, ja, er ist selbst ein Organismus, der Abgestorbenes in neues Leben verwandelt. Ihn zu vernachlässigen, gar zu vernichten, ist, mit Alexander Kluge gesprochen, ein "Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit".

Nüchterner drücken es die ZEF-Forscher aus: Bodendegradation kostet etwa 300 Milliarden Dollar im Jahr. Wer heute einen Dollar in die Erhaltung steckt, spart morgen das Fünffache.

Doch ob aus Not oder Blindheit: Zu oft herrscht das kurzfristige Denken. Da werden Savannen unter- oder überweidet, Felder unter- oder überdüngt, zu viel oder zu wenig bewässert und mit schwerem Gerät überrollt, Feldfrüchte und Anbauweisen vereinheitlicht, was nicht zum lokalen Klima passt, mit Agrar- und Umweltgiften verseucht. Unaufhaltsam wuchern Siedlungen ins Grüne, auch im dicht bebauten Deutschland. Hier verdrängt man gern den eigenen Anteil am Raubbau anderswo. 40 Prozent der Lebensmittel, die in Deutschland verspeist oder verarbeitet werden, wachsen in Afrika, Südamerika oder Asien. Und weltweit verschwinden ausgerechnet die fruchtbarsten Küstenstreifen unter Asphalt, Beton, Zement.

Bodenschützerin Monique Barbut betont, dass es nicht einmal mit Erhaltung getan wäre. Erneuerung tut not: "Dafür streiten wir." Zwar hat die UNCCD "Landdegradations-Neutralität" in den Nachhaltigkeitszielen der UN verankert: Jeder Verlust an Boden soll durch angemessenen Wiederaufbau kompensiert werden. Ob und wie das funktionieren kann, darüber debattieren die Mitgliedsstaaten gerade in der mongolischen Stadt Ordos.

Dort zeichnet die UNCCD gemeinsam mit dem World Future Council kluge Boden-Gesetze aus. Der erste Preis geht nach Äthiopien. In der Region Tigray war der Träger des Alternativen Nobelpreises, Tewolde Egziabher, schon in den neunziger Jahren ein Vorreiter im Kampf gegen die Erosion. Seither verabreden die Bauern Beweidungsregeln, bauen Steinterrassen und Gräben, legen Gemeindewälder an, bringen Dung und Kompost aus und sperren Schutzflächen ab, damit sich eine Pflanzendecke bilden kann. An 20 Tagen im Jahr soll sich jeder an diesem Gemeinschaftswerk beteiligen. Harte Arbeit, für die junge Leute eigene Landtitel und damit Zukunftsperspektiven in ihrer Heimat erhalten.

"Ich habe selbst gesehen, wie grün es in Tigray ist", sagt Monique Barbut, die vor der glühend heißen Ténéré auch das äthiopische Hochland besucht hat. Die dramatische Dürre dieses Jahres hätten die Menschen in Tigray besser überstanden als in anderen Gegenden Ostafrikas. Barbut glaubt: auch dank ihrer wiederbelebten Landschaft.