DIE ZEIT: Alexander Kluge, ob in Venedig, München, Essen oder Stuttgart, überall avancieren Sie zum neuen Star der Kunstwelt. Werden Sie dem Kino und Fernsehen untreu?

Alexander Kluge: Museen sind halt toleranter. Im Folkwang kann ich in einem Raum gleichzeitig vier Wände und die Decke bespielen. Das ist doch interessanter als der Kinobesuch, bei dem ich vorher weiß: Jetzt kommen die Piraten der Karibik, und dann kommt tatsächlich nichts anderes.

ZEIT: Was ist daran schlimm?

Kluge: Weil das Kino Eintrittskarten verkaufen muss, hat es sich auf einen Mittelwert geeinigt, auf das vermeintlich Normale und Wahrscheinliche. Doch die Welt setzt uns viele Geschehnisse vor. Und die Frage ist, ob wir sie geordnet vorgekaut bekommen wollen, so wie es auch das Fernsehen macht. Da kriegen Sie genau gesagt, wie Sie die Dinge einzuschätzen haben. Genau das muss weg, dieses Vorkauen muss aufhören.

ZEIT: Das kann dann für die Besucher aber sehr verwirrend werden.

Kluge: Klar, ein Raum mit fünf Screens entspricht nicht der eingeübten Sehgewohnheit. Denn schon in der Schule lernen wir ja, hierarchisch zu denken. Ich möchte aber konstellativ arbeiten.

ZEIT: Konstellativ?

Kluge: Sie haben einen Himmelskörper wie die Sonne, der hält ohne Stangen, Ketten oder sonstige Verknüpfungen lauter Planeten und Himmelskörper zusammen, sogar den Sternenstaub. Das ist das konstellative Prinzip. Dem gegenüber steht die lineare maschinelle Verknüpfung, die ich hoch achte. Ich bin zum Beispiel von Haus aus Jurist und würde einen Prozess immer wie eine Maschine behandeln. Da würde ich keine Verwirrung stiften und nicht mit Poetik kommen. Aber es gibt auch die Plastizität unserer Nerven, die Nervosität, mit der wir leben und wahrnehmen.

ZEIT: Geht das ein bisschen genauer?

Kluge: Aby Warburg zum Beispiel hat mit seinem "Mnemosyne"-Atlas etwas Kühnes gemacht. Er hat Bilder der Antike und der Renaissance mit meinetwegen Hamburger Werbung – "Esst mehr Fisch, und ihr bleibt gesund!" – an die Wand gepinnt. Es ist eine der interessantesten Sammlungen, die ich kenne. Daher gibt es in meiner Ausstellung auch einen Raum dazu. Dahinter steckt die Idee, dass zusammenhanglose Information das Interesse tötet. Wenn Sie nämlich sechzigmal gesehen haben, wie Flüchtlinge irgendwo ankommen, dann stumpft in Ihnen etwas ab. Weil Sie in Ihrer Ohnmacht bestätigt werden, vor dem Fernseher sitzen und denken: Ich kann da ja gar nichts tun. Also müssen Sie irgendwo eine Stelle finden, an der Sie wieder mit Ihrer Fantasie neuen Raum für Mut gewinnen. Das können wir nur, wenn wir die Fläche der Erzählung verbreitern.

ZEIT: So wie Straßenbauer?

Kluge: Oder wie ein Wegebauer. Waldwege sind mein Metier. Autobahnen, das macht RTLplus. Wir bauen Waldwege und Pfade. Es ist nicht kompliziert, Pfade zu begehen. Aber wenn man stehen bleibt und sagt: "Ich als Autofahrer kann das nicht, Wald ist mir zu kompliziert, und außerdem steht da gar kein Richtungsschild" – dann lässt man sich nicht auf mein Prinzip ein: jedermanns Mut und Sinn für Auswege zu beleben.

ZEIT: Lassen Sie uns einen dieser Pfade verfolgen. Eine der Mehrfachprojektionen im Folkwang-Museum kreist um aktuelle Politik. Man sieht Bilder aus dem Schanzenviertel während des G20-Gipfels. Daneben sieht man die Bundeskanzlerin, die während des Konzerts in der Elbphilharmonie die Augen schließt. Was verbindet diese Aufnahmen?

Kluge: Es ist ja ganz natürlich, bei Musik die Augen zu schließen, ich mache das auch manchmal in der Kirche. Es sieht aber aus, als ob die Kanzlerin schläft, und dadurch schaut man hin. Ich will damit nichts aussagen. Denn ich gönne ihr den Schlaf. Ein anderer Ausschnitt zeigt Bilder aus Afrika. Menschen, die ein Haus bauen oder Kaffee kochen. Einfache Verrichtungen auf einem Kontinent, der in Hamburg nicht präsent ist. Wir tun ja so, als ob Afrika ein anderer Planet sei. Ein weiteres Element sind Flüchtlinge auf dem Meer. Und Bilder von Walfängern, unter anderem von Moby Dick. Ein Wal, der plötzlich die Walfänger jagt, ist eine schöne Metapher dafür, dass Machtverhältnisse sich sehr schnell ändern können. Sehen Sie, Kritik bedeutet nicht, Thesen zu verkünden oder etwas zu verurteilen, sondern das Geschehen erst einmal wahrzunehmen.