Es ist dieses eine Porträt, immer wieder ausgestellt, immer wieder abgebildet auf Postkarten und Buchumschlägen und auch jetzt zum Titelbild der Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle gewählt: Anita Rées Selbstporträt von 1930. Strenger Ernst und brennender Blick, die angedeutete Nacktheit, die Schutzlosigkeit der Gestalt, umgeben von einem fahlen gelbgrünlichen Leuchten. Melancholie und Schrecken. Weltende.

Leben und Zeit scheint das Bild zu umfassen. So wurde es gedeutet. Es stand für das ganze Werk der Anita Rée – und darüber hinaus oft für die Ahnung, die Vorstellung des Unvorstellbaren, des großen Judenmords in Deutschland. Die Malerin selber, einer hamburgisch-jüdischen Kaufmannsfamilie entstammend, wurde vom NS-Horror frühzeitig in die Verzweiflung getrieben: Im Dezember 1933 nahm sie sich auf der Insel Sylt, wohin sie sich in einer letzten impulsiven Fluchtbewegung zurückgezogen hatte, das Leben.

Doch es ist höchste Zeit, über das Selbstporträt hinaus das Gesamtwerk dieser besonderen Malerin in den Blick zu nehmen. Immer wieder sind einzelne Arbeiten und kleinere Ausstellungen zu sehen gewesen; Sammler in aller Welt haben ihre Bilder liebevoll gehütet. Ein erstes Werkverzeichnis, zusammengestellt von Maike Bruhns, erschien bereits 1986 (ein neues ist noch für dieses Jahr in Vorbereitung). Nun wird Anita Rée erstmals, mehr als 80 Jahre nach ihrem Tod, mit einer großen Retrospektive gewürdigt. Dazu kann Hamburgs Kunsthalle auf einen eigenen Schatz zurückgreifen: Der legendäre Hausmeister Wilhelm Werner hatte Rées "entartete" Bilder 1937 vor der Beschlagnahmung durch die Kunstkenner des "Führers" gerettet.

Das Leben Anita Rées, geboren 1885 in Hamburg, läuft geradewegs parallel zum Aufbruch und Triumph der Moderne in Deutschland. Von den ersten, naturalistisch bis spätimpressionistischen Talentproben führt der Weg über Kubistisches und Expressionistisches hin zur Neuen Sachlichkeit. Aber diese Stil-Schubladen klemmen. Überraschend und faszinierend sind die Wege, die sie nimmt, die Versuche, zu eigenen Synthesen zu gelangen. Bedingt Neuerin, unbedingt Avantgardistin.

Gerade zwanzig, bricht sie aus dem großbürgerlichen Puppenheim auf, nimmt Stunden bei dem Hamburger Maler Arthur Siebelist. Doch die Selbstzweifel (die sie ihr Leben lang quälen werden, oft noch eingeschwärzt von depressiver Not) kann erst der große Max Liebermann mildern. Sie schließt sich ihren Hamburger Malerfreunden Friedrich Ahlers-Hestermann und Franz Nölken an, zwei "Nachfahren" des berühmten impressionistischen Künstlerclubs von 1897, die längst van Gogh, Cézanne und Munch für sich entdeckt haben und die Pariser Kubisten. Noch vor dem Weltkrieg reist sie selber nach Paris, übt im Umkreis von Fernand Léger die Aktmalerei. Wenig später, 1915, entsteht das erste ihrer neuen Selbstporträts: ein streng modellierter Kopf in Blau und Grau, kühl, unter energischer Spannung.

Die Weimarer Republik bringt auch für sie, wie für alle Künstlerinnen, eine ungeheure Befreiung. Gleich 1919 gehört sie zu den Gründern der Hamburger Secession. 1926 ist sie dabei, als sich hier die Gedok bildet, die Gemeinschaft Deutscher und Oesterreichischer Künstlerinnenvereine (heute das europaweit größte Netzwerk für Künstlerinnen aller Sparten). Dazwischen liegen erste Ausstellungserfolge – und Jahre des Reisens, vor allem durch Italien.

Die südliche Landschaft ergreift sie. Sie malt eine Fülle von Stadtveduten und Architekturstudien, die in ihrer sonderbaren Mischung aus kubistischen und neusachlichen Stilmomenten eine ganz eigene Atmosphäre erfüllt. So hart und schwarz die Formen gefasst sind, die Dächer und Mauern, die Felsen der Küste, die kandelabrigen Bäume, so scheint doch alles hier zu leuchten und zu schweben. An Mobiles mag man denken, an filigrane Luft-Skulpturen. Auch Alexander Kanoldts Stadtkuben kommen einem in den Sinn, aber Rées Landschaften sind durchscheinend, zeigen eine Welt jenseits der Zeit, ein geisterhaftes Zwischenreich zwischen einem versteinerten Gestern und dem verhüllten Morgen.

Zurück in Hamburg, werden die Bilder dichter. Vor allem die eindrucksvollen Porträts (von Hilde Zoepffel zum Beispiel und dem Direktor der Kunsthalle, Gustav Pauli) scheinen sich vorbehaltlos der Neuen Sachlichkeit anzunähern. Rées Weg führt weiter, in Richtung eines magischen Realismus, und das intensive Porträt der Hildegard Heise (1927) erinnert weniger an Christian Schad denn an den holländischen Magier Pyke Koch: ganz Maske und doch, in einer kaum wahrnehmbaren Unschärfe, atmend, changierend, von widerständiger Kraft.

Dazu kommen die großen Altar- und Wandbilder, eines nur blieb erhalten: Orpheus und die Tiere aus dem Jahr 1931 in einer Hamburger Schule; heute schwitzen dort John Neumeiers Tanzeleven. Im Cinemascope-Format indes gerät Rées Malerei zu einem drolligen, überstilisierten Bildteppich. Zudem tönen die Altarwerke – den erhaltenen Abbildungen nach – in einem archaisierenden Symbolismus, der ein wenig befremdet.

Nein, Liebling der Besucher in Hamburg wird ganz gewiss die Teresina sein, das kleine Zitronenmädchen, das Rée 1925 noch in Italien malte. Wie das Selbstporträt von 1930 ist es früh in den Besitz der Kunsthalle gekommen und dank Hausmeister Werner dort auch geblieben. Ein Gemälde von einem wunderlichen Zauber, fast will man sagen Schmelz. Verblüffend, wie Rée das klassische Kinderbildnis wendet und im Klang der Farben auflöst. In einem weichen Sessel aus Dschungel, aus Bananenblättern und exotischen Blüten, sitzt Teresina da, eine stille Blume selber. Versunken blickt sie ins Leere. Oder nach innen. Oder in eine Ferne, von der nur sie etwas weiß. Es ist ein Spiel mit der Anwesenheit und Abwesenheit, mit Trance und Absence, dabei von zerbrechlicher Klarheit, an den Traumsaum der Kindheit rührend. Gelb glühen die Zitronen.

Unfassbar, dass dieses Gemälde jahrzehntelang im Depot hing! Aber vielleicht begreift man endlich auch in der Hamburger Kunsthalle, die traditionsgemäß einen weiten Bogen um alle Kunst macht, die den Makel hat, aus Hamburg zu sein, was es in dieser Stadt noch zu entdecken gibt. Möglicherweise sogar im eigenen Keller.

Hamburger Kunsthalle, vom 6. Oktober bis zum 4. Februar 2018. Der Katalog (Prestel) kostet 29 Euro.