Am Ende des zweiten Aktes bin ich so erschöpft, dass ich den Wagnerianern das Wasser klaue, und zwar vom Tisch. Sie gucken verzückt nach oben zum Balkon, wo die Pausenfanfaren jetzt entrückt zum nächsten Aufzug blasen, als wäre es ein Opfergang. Sie brauchen kein Wasser mehr, sie leben von Tönen allein, aber mir ist heiß, ich bin dehydriert, mein Gehirn fiept, ich wünsche mir einen großen Bottich kalten Gletscherwassers herbei, in den ich laut schreiend kurz abtauchen kann. In der ersten Pause dieser vielstündigen Oper habe ich es noch erfolgreich mit zwei Kugeln Mangosorbet zur Erfrischung versucht, aber da regnete es auch friedlich. Da war es kühl, jetzt ist es schwül, und auf der Bühne ging just das Zauberreich, die chromatische Halbwelt des von eigener Hand entmannten Zauberers Klingsor, unter, während er sich vor seiner Kruzifixsammlung lustvoll selbst geißelte. Dazu das hypnotische Orchestergestöhne.

Wenn Wagner kein Mensch ist, sondern eine Krankheit, wie sein größter Fan und schlimmster Kritiker Friedrich Nietzsche schreibt, dann hat er vielleicht am ehesten die Wirkung eines Klimakteriums: Erst wird einem heiß, und dann geht gar nichts mehr. Das geklaute Selters schmeckt hervorragend, die Wagnerianer haben seinen Schwund gar nicht bemerkt. Sie gehen wieder hinein in ihr überhitztes Festspielhaus, diesen zwielichtig-schummrigen Ort an der offenen Grenze zwischen Kirche und Klapse, um sich noch mal dem Parsifal, dieser "Geschlechtsoper von höchster Gewagtheit", hinzugeben, wie der zweitgrößte Wagnerfan, wie Thomas Mann schreibt. Mir ist nach dem Selters immer noch schwindelig. Es ist meine erste Wagneroper, und ich frage mich: Ist das dieser Rausch, von dem alle reden? Der gefährliche, sinnenvernebelnde, atemberaubende Rausch?

An Richard Wagner kleben viele Verbotsschilder – als wäre er eine Zigarettenpackung. Sie machen ihn abstoßend und attraktiv zugleich. Er ist der große Verführer, der große Antisemit, der Nationalheilige, der Vollender der Oper, der Germanenfan, der Verfallskünstler und, ja, der Religionsstifter. Menschen haben ihre Kinder nach den überspannten Halbgöttern aus Wagneropern benannt. Oder nach seinen abgelegten Frauen. Eine Kunstreligion wollte Wagner schaffen, in der ein Klang Erlösung verheißt vom Leiden an der gefallenen Welt. Seinen Vatikan hat er sich mit dem Bayreuther Festspielhaus selbst geschaffen. Hierher wird gewallfahrtet seit 1876. Für viel Geld. Welches Wunder vollzieht sich noch auf dem Grünen Hügel im Jahre 2017? Ist Bayreuth nur eine parfümierte Feuilletonleiche, eine Sommerfrische für Sparkassendirektoren, oder ist es ein Tempel, eine Heilsanstalt für Sinnsucher?

"Ich würde gern meine Pressekarte für den Parsifal abholen", sage ich zum Festspielhausmitarbeiter am frühen Nachmittag. "Moment, die liegt im Tresor", sagt er und verschwindet in einen benachbarten Raum. Ist das eine Metapher, oder meint er das ernst? Eben schon war mir am Haupteingang das Vorhandensein eines Geldautomaten mit Wagners ernst dreinblickendem Konterfei aufgefallen. Hier hat alles offenbar großen Wert. Bevor ich fragen kann, tritt eine Gruppe englischsprachiger Kritiker ins Zimmer, sie diskutieren eine Hiobsbotschaft: Der Dirigent ist krank! Was hat er? Gibt es einen Skandal, wenigstens einen kleinen? Wer ist schuld? Und: Wer dirigiert heute stattdessen? "Mister Janowski", sagt der Festspielhausbedienstete. "Ah, thank God", sagen die Kritiker. Mister Janowski schafft den Parsifal in unter vier Stunden, erklären sie. So lange dauert eine Zugfahrt von Hamburg nach Köln, denke ich, und empfange meine Karte.

Der Verfall des Menschengeschlechtes, der Verlust des Paradieses ist laut Richard Wagner darauf zurückzuführen, dass der Mensch irgendwann aufhörte, Pflanzen zu essen. Stattdessen verzehre die moderne Gesellschaft "bis zur Unkenntlichkeit hergerichtete Leichenteile zum Mittagessen", was ihr das Mitleiden mit anderen Geschöpfen ausgetrieben habe. Dieses Mitleid müsse man wiederherstellen, schreibt Wagner. Darum geht es auch in seiner Oper "Parsifal", die er ein "Bühnenweihfestspiel" nannte, um Erlösung durch Mitleid, irgendwo zwischen Lessing und Schopenhauer. Im Restaurant neben dem Festspielhaus, wo sich die Wagnerianer vor Vorstellungsbeginn stärken, ist man vom Erzvegetarismus des Meisters unbeeindruckt. "Heimischer Zuchtstör gebeizt", "Dreierlei vom Ochsenschwanz", "Bio-Kalbsfilet". Auch nicht die reine Lehre hier! Ich stelle fest: Bayreuth ist immer auch sein Gegenteil.

Als die Schatten sich senken im Festspielhaus, das Licht wegdimmert und alles Husten verstummt, reißen sich die Wagnerianer die Jacketts vom Leib. Warm ist es noch nicht, aber eine Thai-Masseurin wünscht man sich herbei. Die Bänke wurden sicher seit 1876 nicht mehr renoviert. Dann ertönt das Vorspiel bei geschlossenem Vorhang. Es ist eine sich in ätherische Höhen aufschwingende, durchsichtige Melodie, ungleich allem, was man jemals zuvor gehört hat. Mich persönlich müsste man jetzt nicht mit einer Oper belästigen, lasst den Vorhang zu und weht einfach nur diesen Klang ins Publikum wie einen heißen Sauna-Aufguss.

Doch es folgt die Leidensgeschichte des Amfortas, der sein Keuschheitsgelübde verhängnisvollerweise brach und seither an einer nicht heilen wollenden Wunde laboriert. Amfortas ist Gralskönig und sicher das erste Burnout-Opfer der Operngeschichte. Immerzu muss er den Gral, mit dem das Blut Christi aufgefangen wurde, enthüllen, denn das stärkt seine Ritter. Leider bricht dabei seine Wunde stets auf, deshalb möchte Amfortas sterben. Er hat eine klassische Gratifikationskrise. Die Verhaltenstherapie würde ihm raten, mehr auf sich zu achten und nicht zu tun, was die anderen verlangen. Während Amfortas seine existenziellen Schmerzen in einer Badewanne kontempliert, essen die Ritter Fladenbrot. Vielleicht wäre es für Bayreuther Inszenierungen gut, würde nicht die Regie versuchen, die Handlung der Oper zu konterkarieren? "Oh, Strafe, Strafe ohnegleichen" – und Fladenbrot? Wannen?

Dann geht es ab. Der Gral wird tatsächlich enthüllt. Der japanische Wagnerianer links neben mir fängt an zu weinen. Amfortas steht mit Dornenkrone auf der Wanne, trägt jetzt Stigmata und Lendenschurz, schreit ein herzzerreißendes "Erbarmen" ins Publikum, woraufhin sich die schlimme Wunde an seiner Seite öffnet, die Ritter das Blut im Gral auffangen und sich, ja, daran laben. Die Musik ist nun froh in höchsten Höhen, auf der Bühne ein Blutrausch, der Chor jubelt "Nehmet hin meinen Leib", Amfortas ist halb tot, Glocken läuten, Ende Akt eins. Aus Andachtsgründen klatscht niemand.