Ernst Ludwig Kirchner: 
Zwei Akte auf einem Lager, 1905
 © Kunstmuseum Bern

Wie sollte eine staatliche Kunsthalle mit einer Sammlung umgehen, die eigentlich keine Sammlung ist – sondern der mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelte Nachlass eines Kunsthändlers? Eines Händlers, der großes öffentliches Interesse nicht wegen der Qualität der Kunstwerke hervorgerufen hat – sondern weil er mit den Nazis kollaboriert und von ihnen profitiert hatte? Weil der deutsche Staat die Werke beim Sohn des Kunsthändlers unter zweifelhaften Umständen beschlagnahmt und mehrere Medien diesen alten, wehrlosen Mann verfolgt hatten, bevor er die Sammlung und sein übriges Vermögen dem Kunstmuseum Bern vermachte und starb? Und weil über alldem – auch wegen quälend langsamer Aufarbeitung durch staatliche Stellen – jener Raubkunstverdacht schwebt?

Mit diesen Fragen mussten sich Agnieszka Lulinska, Kuratorin an der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn, und der Intendant Rein Wolfs in den vergangenen Monaten beschäftigen. In Bonn nämlich (und parallel in Bern) wird von November an zum ersten Mal öffentlich zu sehen sein, worüber viele in den vergangenen Jahren gesprochen und geschrieben haben, ohne es aber bislang sehen zu können: 1.556 Kunstwerke unterschiedlichster Qualität, die einst dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt gehörten und die er an seine beiden Kinder vererbte: Gemälde von Courbet und Cézanne, Manet und Degas, Gauguin und Monet, Renoir und Corot. Expressionistische Zeichnungen, Aquarelle, Ölbilder und Druckgrafiken von Otto Dix und Conrad Felixmüller, Beckmann, Baumeister und Schlemmer, aber auch von Dürer, Delacroix und Daumier. Es ist ein Querschnitt durch die europäische Kunstgeschichte, der in Bonn zu sehen sein wird – in unterschiedlichen künstlerischen Techniken und Formaten und ebenso disparat in Qualität und Bedeutung. Zu sehen ist hier nicht, was ein Sammler nach ästhetischen Vorlieben oder nach Bedeutung zusammengetragen hat, sondern was am Markt verfügbar und finanziell erreichbar war.

Hildebrand Gurlitt, der Vater, gehörte zu den vier Kunsthändlern, die jene 21.000 Kunstwerke im Ausland anbieten sollten, die die Nationalsozialisten zwischen 1937 und 1938 aus den deutschen Museen entfernt hatten. Ihr Verkauf sollte Geld in die Kriegskasse spülen.

Weil die Aktion "Entartete Kunst" 1938 durch ein Gesetz legitimiert war, das nie aufgehoben wurde, durften die vier Händler nach dem Krieg behalten, was sie noch besaßen. Hildebrand Gurlitt machte daraus auch nie ein Geheimnis: Er verlieh Werke aus seinem Besitz großzügig an verschiedene Ausstellungen, etwa in Essen, in Luzern und in den USA. Dort war schon kurz nach dem Krieg zu sehen, was jetzt auch die Bonner Ausstellung zeigen wird: zum Beispiel ein großformatiges Gemälde aus jener Serie, die Claude Monet bei einem London-Besuch 1903 von der Waterloo-Bridge in London malte. Ein kleines Pastell des französischen Impressionisten trug Cornelius Gurlitt sogar in einem kleinen Köfferchen bei sich, als er sich ins Krankenhaus begeben musste. Oder eine grandiose Fassung der Montagne Sainte-Victoire, an der sich Paul Cézanne immer wieder im südfranzösischen Aix-en-Provence abarbeitete. Das Gemälde, das auf dem Markt einen höheren zweistelligen Millionenbetrag erzielen würde, fand sich in Salzburg ungerahmt und musste erst vorsichtig restauriert werden.

Emil Nolde
: Weite Landschaft mit Wolken, o. J.
 © Kunstmuseum Bern

Gefunden wurden in den beiden Wohnungen auch kistenweise Dokumente: Ausstellungskataloge, Korrespondenzen mit Kunsthändlern wie Eberhard W. Kornfeld oder Roman W. Ketterer, dessen "Kunstkabinett" sich in den 1950er und -60er Jahren zu einem der führenden deutschen Auktionshäuser entwickelte. Immer wieder verkauften Mitglieder der Familie im Laufe der Jahrzehnte Werke aus ihrem Besitz – auch in deutschen Auktionshäusern wie der Villa Grisebach in Berlin. Darunter waren Gemälde von August Macke, Pastelle von Edgar Degas und Arbeiten von Heinrich Campendonk und Pablo Picasso. Als Einlieferer trat die Familie dabei öffentlich nicht in Erscheinung. "Aber natürlich kannte man in Kunsthändlerkreisen die Sammlung Gurlitt", bestätigt Eberhard W. Kornfeld. "Es gab ja zeitweise einen regelrechten Konkurrenzkampf darum, wem die Erben Werke zum Verkauf anvertrauten. Damit ging man allerdings, wie im Kunsthandel üblich, äußerst diskret um."