Die Interessen der Jugend spielen im Wahlkampf kaum eine Rolle. Was bewegt sie? Was erwartet sie von der Politik? Das wollten wir von unseren jungen Lesern wissen. Hier sind ihre Fragen

Die Politik der Alten geht an den Jungen vorbei: Das war der Befund, zu dem wir Anfang August an dieser Stelle kamen (ZEIT Nr. 33). Wir baten deshalb die Jugend mit einem Leseraufruf, uns jene Fragen zu schicken, die sie politisch bewegen. Es erreichten uns gut 100 Briefe, nicht so viele wie erhofft. Dafür aber ist, was uns die 15- bis 25-Jährigen schreiben – Schüler, Studenten und Berufseinsteiger –, äußerst aufschlussreich.

Zwei Dinge stechen bei der Durchsicht der Zusendungen und der hier abgedruckten Auswahl hervor. Erstens: Viele der Schreiber sind überrascht, überhaupt gefragt und gefordert zu werden. "Hier ein herzliches Dankeschön dafür, denn nicht selten habe ich das Gefühl, nicht 'gehört' zu werden", so lässt sich der Tenor mit den Worten eines 25-jährigen Studenten zusammenfassen. Zweitens fällt auf, welche Themen in den Zuschriften kaum angesprochen werden. Fast niemand interessiert die Frage, wie sich Abschiebungen von Flüchtlingen schneller bewerkstelligen lassen, wie es um die innere Sicherheit steht und ob die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beendet werden sollten. Fast niemand also interessieren jene Themen, mit denen Merkel und Schulz ihr Fernsehpublikum kürzlich sedierten.

Wer uns geschrieben hat, fragt hauptsächlich nach dem Klimawandel: Warum wird noch immer Braunkohle gefördert, der Klimakiller schlechthin? Er fragt auch nach sozialer Gerechtigkeit, im Arbeitsleben wie in der Bildungspolitik: Warum verdienen Pflegekräfte nur einen Bruchteil von dem, was Anwälte verdienen, und was lässt sich tun, damit der Bildungserfolg nicht länger von der Herkunft abhängt? Wer uns geschrieben hat, fürchtet Abschottung, Borniertheit, Egoismus. Warum beispielsweise sind so vielen ihre eigenen Autos wichtiger als all jenen, die durch die steigenden Temperaturen, durch Wirbelwinde und Dürre geschädigt werden?

Die meisten Zuschriften kreisen um die Frage, warum der Mensch, der laut Aristoteles als soziales Wesen ohne andere gar nicht leben kann, der ganz im Mitsein existiert, warum dieser Mensch für die anderen so ungern etwas tut.

Wer uns geschrieben hat, fürchtet Stillstand. "Warum gibt es keine Alternative zu Merkel?", fragt ein Schüler. Darauf hatten wir im Artikel Die Jugend zählt nicht geantwortet: Es gibt keine Alternative zu Merkel, weil sie die Alte ist, die Kanzlerin der Alten, und weil ihr die Demografie in die Hände spielt. Die Gesellschaft wird älter, das heißt auch: Die Stimmen der Alten bekommen von Jahr zu Jahr mehr Gewicht. Auf Wandel drängen sie nicht. Wäre es nach den über Siebzigjährigen gegangen, hätte die Union bei der letzten Bundestagswahl die absolute Mehrheit errungen.

Wer uns geschrieben hat, will nicht in Blöcken denken: da die Alten, hier wir, dazwischen, unüberbrückbar, eine Kluft. Eine 21-jährige Studentin schreibt, die heutige Politik müsse versuchen, "mit der kommenden Generation ins Gespräch zu kommen".

Vielleicht müsste die Jugend dann erkennen, dass die Probleme komplexer sind, als sie es sich oftmals vorstellt. Von den Jungen aber könnte ein Funke überspringen auf die Alten, im Verlangen nach Veränderung. Für eine zukunftsweisende Energiepolitik, für eine Neugestaltung der Arbeitswelt und der Bildung, die mit der Digitalisierung nötig wird, ist es nie zu spät.

Proteste gegen die Energiegewinnung durch Braunkohle im rheinischen Bedburg Ende August 2017 © Thilo Schmuelgen/Reuters

Wer uns geschrieben hat, weiß: Jedes Gespräch beginnt mit einer Frage. Auch jede Veränderung: Warum ist es so, wie es ist – und nicht ganz anders.

1. Wie soll man als Wähler darauf vertrauen können, dass die Politiker ihre Wahlversprechen einhalten?

2. Ich erlebe das Bildungssystem als ungerecht, da viele meiner Mitschüler bei angeblich gleichen Bildungschancen eindeutig weniger Wissen und Grundbildung mitbringen. Dies liegt offensichtlich nicht an ihrer Dummheit, sondern eindeutig an ihrer Herkunft und ihrem sozialen Stand. Also frage ich: Was gedenkt die Bundesregierung für die Chancengleichheit im Bildungssystem zu tun?

3. Welche neuen Rentenkonzepte wollen Sie entwickeln, um der Altersarmut entgegenzuwirken?

4. Die Anzeichen des Klimawandels sind nicht mehr zu übersehen und das Fehlverhalten der Regierung, etwa beim Dieselskandal, auch nicht mehr. Ich frage die Bundesregierung: Was wird in den folgenden Jahren endlich aktiv gegen den Klimawandel getan?

5. Wie können wir Migranten besser in unsere Gesellschaft mit einbeziehen?

6. Die Flüchtlingskrise ist sicherlich ein gravierender Grund für den ansteigenden Nationalismus. Ich bin jedoch stolz, dass Deutschland so viele Flüchtlinge aufnimmt, und ich hoffe, dass es noch zu einer Umverteilung in Europa kommt, damit vor allem Italien entlastet wird. Doch frage ich mich natürlich, wie es möglich ist, dass wir immer noch nicht zu einer Umverteilung gekommen sind. Wieso wird nicht mehr Stärke gegenüber denen gezeigt, die sich so vehement dagegen wehren?  

7. Wie können wir die Fluchtursachen in den Herkunftsländern bekämpfen, obwohl viele Interessen in der internationalen Gemeinschaft aufeinandertreffen und Verhandlungen schwierig sind?

8. Welche Ideen haben Sie, um das heutige Bildungssystem mehr an die Interessen und Fähigkeiten der Schüler und Studenten anzupassen und den Spruch "In der Schule lernt man für das Leben" nicht zur Phrase verkommen zu lassen?

9. Wie kann es sein, dass Kindergärtner, Alten- und Krankenpfleger so wenig Geld bekommen, obwohl sie sich tagtäglich um das Wohl anderer kümmern, während Anwälte, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als Verträge zu schreiben und vorzulesen, sich riesige Häuser, teure Autos und Luxusurlaube leisten können?

10. Wo kommen wir hin, wenn jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist?

11. Huhu, hört ihr mich?

12. Wie wirken wir dem zunehmend leistungsorientierten Studium entgegen, in dem es nur noch ums Auswendiglernen und um Noten geht, nicht um Verständnis?

13. Wann kann man Mathe abwählen?

14. Warum verdienen Frauen meistens immer noch deutlich weniger als Männer?

15. Welche Strategien haben Sie, um die EU attraktiver für andere Mitgliedsstaaten zu machen, die momentan eher der EU abgewandt sind, um somit diese Gemeinschaft zu stärken?

16. Wie lassen sich die Daten der Bürgerinnen und Bürger im Internet sowohl vor wirtschaftlichen als auch vor nachrichtendienstlichen Interessen besser schützen?

17. Wann wird Cannabis legalisiert?

18. Ist es nicht aufgrund des immer stärkeren Rückgangs von Arbeit durch Digitalisierung und der stetig wachsenden Armutskluft in unserer Gesellschaft an der Zeit, das derzeitige Besteuerungssystem grundlegend zu verändern und beispielsweise eine Transaktionssteuer einzuführen?

19. Warum ist die Bildungspolitik so verschieden von Bundesland zu Bundesland?

20. Warum werden Haupt- und Realschullehrer schlechter als Gymnasiallehrer bezahlt?

21. Welche Unternehmen in Deutschland exportieren Waffen, welche Regelungen gibt es dazu, wie viele sind das, und was sagt unsere Bundesregierung dazu?

22. Liefert Deutschland wirklich Waffen in Kriegsgebiete und warum?

23. Wie soll aus der Generation der Digital Natives eine Generation aufgeklärter, mündiger Bürger werden, wenn ein überwiegender Teil von ihnen, und da spreche ich aus Erfahrung, in seiner oder ihrer individuellen Filterblase lebt?

24. Die Tatsache, dass Plastiktüten jetzt fünf Cent kosten, ist ja schon mal ein Anfang, aber viel bringt das auch nicht. Wieso kosten sie denn nicht 50 Cent?

25. Warum werden der Sozialsektor und der Gesundheitssektor so schlecht bezahlt?

26. Nach meinem Eindruck sind die armen Länder in der Weltwirtschaft klar benachteiligt, was für mich einige internationale Probleme erklärt. Also frage ich: Wie denkt die Bundesregierung darüber, und wo sieht sie die eigene Position im Weltwirtschaftsgefüge?

27. Ist es so schwer, ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen einzuführen?

28. Wieso beugt sich die Politik immer wieder der Autoindustrie?

29. Wie lange dauert es in der Regel, bis Flüchtlinge sich am Arbeitsmarkt in Deutschland mit ihren Fähigkeiten einbringen dürfen? Was möchten Sie in Zukunft unternehmen, um diesen Prozess zu beschleunigen?

30. Ich sehe keine Möglichkeit, mich ausreichend zu informieren. Weil viele Medien irgendwo vereinfachen. Weil gewisse ausschlaggebende Einblicke, zum Beispiel militärische, mir nicht gewährt werden. Weil ich nicht die zeitliche Kapazität habe, mich jedes Mal aufs Neue schlauzumachen. Darum lautet meine Frage: Wie kann ich mir eine Meinung über komplexe Themen bilden?

31. Ist es gerecht, dass es mit der Rundfunkgebühr eine allgemeine Steuer auf eine Leistung gibt, die zunehmend weniger Menschen in Anspruch nehmen?

32. Welcher Beruf ist zukunftssicher?

33. Wie können Real- und Hauptschulabschluss aufgewertet werden?

34. Wie können wir ein höheres Niveau an Haupt-, Real- und Gesamtschulen erreichen?

35. Wie sollen die strukturschwachen Länder wieder für die nächsten Generationen gestärkt werden, damit junge und qualifizierte Leute nicht in ein anderes Bundesland ziehen müssen, weil es dort bessere Jobs gibt?

36. Wieso wird nicht in jedem Bundesland das gleiche Abitur geschrieben?

37. Wer vertritt mich? Ich habe das Gefühl, dass heutzutage Autos und Kohlekraftwerke in der Politik besser vertreten sind als die jungen Menschen, die die Konsequenzen der heutigen Entscheidungen am meisten zu spüren bekommen.

38. Wie soll das Problem mit den Burkas gelöst werden?

39. Kommt ein verlässliches Siegel für tierische Produkte, die nicht aus Massentierhaltung stammen?

40. Wer soll in 20 oder 30 Jahren die Verantwortung für eine stabile und zukunftsfähige Gesellschaft übernehmen, wenn die heutige Politik nicht versucht, mit der kommenden Generation ins Gespräch zu kommen, um ihr die Komplexität der Welt zu erklären?

41. Wie sollen wir aus Erfahrungen lernen, die uns vorenthalten werden?

42. Technologien wie Blockchain und Smart Data verändern nach und nach jede Branche, sie kommen auch im Maschinenbau an. Wie bereiten Sie Deutschland auf diesen Umbruch vor?

43. Wie lässt sich die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich verringern?

44. Warum wird keine Vermögenssteuer eingeführt?

45. Es fehlen überall Ärzte, auf dem Land und in der Stadt. Wieso entstehen nicht mehr Studienplätze?

46. Warum existiert noch immer dieser Wahnsinn mit 42.000 Bewerbern auf 9.000 Studienplätze für Medizin in Deutschland?

47. Wieso müssen junge Leute oder ihre Eltern im Ausland Studiengebühren im fünfstelligen Bereich zahlen, damit ihre Kinder nicht 15 Semester warten müssen, um ihren Traum erfüllen zu können?

48. Wieso spielen nur Noten und nicht auch noch die Leidenschaft für Medizin und soziale Kompetenz eine Rolle bei den Bewerbungen?

49. Warum spricht man uns nicht an?

50. Wann bekommt jeder Bürger Zugang zu schnellem Internet?

51. Wie lang werden wir später arbeiten müssen, um immer mehr Alte versorgen zu können?

52. Werden wir selbst noch staatliche Rente bekommen oder nur einzahlen und die Alten versorgen, dann aber mit unserer eigenen Vorsorge auskommen müssen?

53. Wann werden Tablets und Smartphones im Unterricht verwendet?

54. Mit welchen Mitteln gehen Sie gegen den demografischen Wandel in ländlichen Regionen vor?

55. Wie kann insbesondere in den Großstädten ausreichend bezahlbarer Wohnraum für junge Leute (Studenten und Berufsanfänger) zur Verfügung gestellt werden?

56. Wie sollen wir es schaffen, unsere Staatsbürger und Migranten zu überzeugen, dass die Demokratie etwas Tolles ist und es meistern kann, die weltpolitischen Probleme zu lösen, wenn politisch niemals eine solche Stimmung vermittelt wird?

57. Angesichts des demografischen Wandels und der fehlenden Repräsentation von jungen Wählern: Wäre es nicht an der Zeit, bei Landtags- und Bundestagswahlen das Wahlrecht ab 16 Jahren einzuführen? Ist dies nicht eine Frage der Generationengerechtigkeit?

58. Wieso werden Schüler nicht in Entscheidungen, die das Schulleben betreffen, mit einbezogen?

59. Warum müssen die Industrie und der Luxus in Deutschland (Energieerzeugung, Autos und Autoproduktion, Fleisch ...) wichtiger sein als die Zukunft unseres Planeten, also die Grundlage unseres Lebens?

60. Gibt es moralische Grenzen von Technik und Wissenschaft?