In der vergangenen Woche haben wir auf diesen Seiten eine These formuliert, die uns viele Leser-Zuschriften einbrachte: Dass auch diese Bundestagswahl vermutlich wieder im Osten entschieden wird – man weiß nur nicht, auf welche Weise (Wirr sind viele, ZEIT Nr. 37/17). Der Osten ist offenbar mit der virilste, unbeständigste, am schwierigsten einzuschätzende Faktor dieses Wahlkampfs.

Seit der vergangenen Woche dreht sich die deutsche Debatte auch um diesen Osten, um seine Wut. Einer der Auslöser dafür war ein Text der ZEITim Osten- Autorin Jana Hensel: Sie hatte einen Wahlkampfauftritt Angela merkels in Finsterwalde besucht – und war von den Pöblern, die sich gegen Merkel wandten und sie anbrüllten, so schockiert, dass sie einen Brief an die Kanzlerin schrieb: "Warum haben Sie denen nicht die Meinung gesagt?" Der Text, erschienen auf ZEITONLINE, wurde dort Hunderttausende Male angeklickt, inzwischen fast 2.000-mal kommentiert. Jana Hensel schrieb, an die Kanzlerin: "Erst als Sie auf der Bühne standen, als Sie an das Rednerpult getreten waren und zu sprechen begannen, konnte ich sehen, wie schockiert auch Sie waren. Dass Sie ebenfalls fassungslos waren über diese verbale, größtenteils männliche Gewalt." Die Autorin wünschte sich, dass Angela Merkel Worte finden möge für diese Gewalt. Irgendetwas sagen, an die Wütenden – aber auch an die vielen anderen gerichtet, die nicht wütend sind, die sich von Merkel etwas erhoffen, gerade im Osten. Merkel, fand Jana Hensel, solle nicht nur schweigen und die Wut still ertragen.

Egal mit wem man spricht in diesem Wahlkampf, fast alle, die auf der Straße unterwegs sind, sagen: Im Osten treten einige Bürger Politikern so hart, so ruppig, manchmal so gemein wie nirgends sonst entgegen. Auch einige, die sich als Nachwende-Verlierer sehen, verleihen ihrer Wut so heftig Ausdruck wie nie.

Aber es gibt natürlich auch gute Entwicklungen: Um Demokratie wird im Osten, das ist die andere Seite dieser Debatte, so lebendig gekämpft wie vielleicht nie seit 1990. Es gibt jetzt auch viele, die politisiert sind im allerbesten Sinne. Verknüpft mit den Umständen, die den Osten schon immer besonders machten – eine hohe Wechselbereitschaft unter den Wählern, geringe Parteibindung –, macht das den Osten zu einem Gebiet, dessen Wahlergebnis kaum kalkulierbar ist.

Bislang ging es viel um die Frage, wie Angela Merkel wohl mit den Ostdeutschen noch ins Geschäft kommen könnte. Auf dieser Doppelseite befassen wir uns nun auch mit den Schwierigkeiten, denen sich die SPD in den neuen Bundesländern ausgesetzt sieht.

Heiko Maas, der Bundesjustizminister, gilt neben der Kanzlerin als ein Lieblingsgegner des Wutbürgers Ost – und hat es geschafft, daraus, anders als die Kanzlerin bislang, sogar auf gewisse Weise politisch Profit zu schlagen.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat indes erkannt, dass er dem Osten mehr anbieten muss. Mit Manuela Schwesig, Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsidentin, hat er ein Papier zum Osten geschrieben, das hier erstmals veröffentlicht wird, und von dem Sie sich nun ein Bild machen können.