Kritiker, Kuratoren, Sammler und Publikum – alle lieben die französische Künstlerin Camille Henrot. Dabei macht sie es ihren Verehrern nicht leicht: Henrot liebt die Ratlosigkeit des Betrachters, wenn sie ihre zwischen Ironie und missionarischem Eifer schwankenden Versuche, uns und sich die Welt zu erklären, in kreativem Chaos krachend scheitern lässt. Ihre Ausstellungen sind materielle und intellektuelle Schlachtfelder, inszeniert mit französischer Eleganz und weiblichem Augenzwinkern. Da gibt es mannshohe Bronzeskulpturen und selbst gemalte Kalkputz-Fresken, sauberen Alltagsmüll und schicke Zeichnungen im Matisse-Duktus. Ein nicht leicht verdaulicher, aber stets spritziger Cocktail aus Philosophie und Popkultur, Mythologie und YouTube-Schund, Hightech und Naturkunde.

Viele sehen in Henrot vor allem den Shootingstar der französischen Kunstszene. Die großen Museen buhlen um sie, in diesem Herbst bekommt sie im berühmten Palais de Tokyo in Paris Carte blanche und darf ganz allein das gesamte Ausstellungshaus bespielen, immerhin 13.000 Quadratmeter. So groß ist offenbar die Sehnsucht nach einer Kunst wie ihrer. Angesichts der Untiefen einer Gegenwartkunst, die zurzeit zwischen dekorativem Kulturkonsum und naiver Politkunst dahindümpelt, bieten Henrots immersive Orgien des Intellekts eine willkommene Abwechslung.

Schon 2010 zeigte sie bei ihrer ersten größeren Ausstellung im Pariser Espace Louis-Vuitton ihre Objets augmentés, 36 industriell gefertigte Fundstücke, auf eBay oder dem sogenannten Markt der Diebe, einem Flohmarkt in ihrer Nachbarschaft, erstanden und dann mit Ton und Teer bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Daneben lag die Mobile Architektur, ein großer schwarzer Teppich mit roten Formen, die auf den ersten Blick wie abstrakte Muster der Navajo-Indianer wirkten, bis sie sich als Abbildungen ikonischer Bauten der architektonischen Moderne entpuppten, vom Empire State Building bis zu Corbusiers Villa Savoie.

Ureinwohner gegen westliche Avantgarde, Letztere hier zum dekorativen Fußabtreter degeneriert – der Clash der Kulturen ist das Leitmotiv Henrots, das ihr in ihrem multikulturellen Stadtviertel Belleville jeden Tag begegnet. Migration gegen Ethnologie, Ramsch gegen Evolutionslehre, Alltagsrituale gegen Internet – Henrot schließt diese scheinbaren Gegensätze kurz und macht daraus eine exotische Mischung mit viel Humor.

Camille Henrot, 1978 geboren, gilt als Shootingstar der Kunstszene. © Neilson Barnard/Getty Images for Hugo Boss

"Est-il possible d’être révolutionnaire et d’aimer les fleurs?" fragte sie 2012 auf der Paris-Triennale und verwandelte – ganz blumenliebende Revolutionärin – einige Teile ihrer beim Umzug von Paris in die USA eingepackten Büchersammlung in kunstvoll gebastelte Blumengebinde. Ein intellektuelles Ikebana, bei dem die lateinischen Namen der Pflanzen, mit Buchtiteln assoziiert, zur vegetativen Skulptur wurden. So wurde ein Buch über den Kolonialismus zum Stillleben mit Stechpalme, und Konsumkritik wurde zu einem Rosenbouquet mit dem Namen Freedom.