Verwunschen ist dieses bläuliche Gestade dort am Horizont, so viel ahnt man bereits am Ufer. Die Überfahrt dauert nur eine Viertelstunde; auf der Ina II, dem kleinen Motorboot, geht es vom Hafen Lauterbach auf Rügen hinüber. Ein paar Segler sind im flachen Greifswalder Bodden unterwegs. Rasch kommt das Ziel näher und verwandelt sich in ein kräftiges Dunkelgrün: Wald, wohin man schaut. Ein Sprung an Land, und man ist an einem der geheimnisvollsten und unzugänglichsten Orte Deutschlands, dessen Namen die meisten noch nie gehört haben: auf der Insel Vilm. Am Ufer wartet die Schriftstellerin Marion Poschmann. Noch weiß niemand, dass ihr neuer, phänomenaler Roman Die Kieferninseln auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises landen wird; dort stand sie bereits 2013 mit ihrem vorherigen Roman Die Sonnenposition.

Für ein paar Wochen ist Poschmann auf die nur zweieinhalb Kilometer lange Insel gekommen. Ihr Aufenthalt verdankt sich dem neuen, vom Verlag Matthes & Seitz in Kooperation mit dem Bundesamt für Naturschutz gestifteten Deutschen Preis für Nature Writing, den in diesem Jahr als Erste Marion Poschmann bekam. Literarisches Schreiben über Natur hat hierzulande kaum Tradition, anders als in angelsächsischen Ländern; diese Initiative will etwas befeuern. Naturerfahrungen spielen von jeher eine wichtige Rolle im Werk der 1969 in Essen geborenen und in Berlin lebenden Dichterin und Autorin: allerdings nie als naive Betrachtung, vielmehr als moderne Beschwörung. Poschmann, die einmal Philosophie und Slawistik und Germanistik studierte, ist eine tiefschürfende Autorin, die schon mit ihren ersten Gedichten, etwa in Grund zu Schafen (2004), oder ihrem Schwarzweißroman (2005) Aufsehen erregte.

Einsam in der Natur ist man auf Vilm jedenfalls. Die ganze Insel steht unter Naturschutz und ist für die Öffentlichkeit bis auf zwei tägliche Gruppenführungen nicht zugänglich. Es gibt ein paar Häuser, die dem Bundesamt für Naturschutz gehören, nach Feierabend verlassen die wenigen Mitarbeiter die Insel. Unberührte Landschaft lockte vor 200 Jahren Caspar David Friedrich hierher; sein Gemälde Rügenlandschaft mit Regenbogen zeigt Vilm, ist jedoch seit 1945 verschollen: Amerikanische Soldaten stahlen es aus dem Weimarer Schloss. Er empfahl die Insel seinem Malerfreund Carl Gustav Carus, der später schwärmte: "Ich habe kaum jemals wieder das Gefühl so ganz reinen, schönen und einsamen Naturerlebens gehabt wie damals auf dem kleinen Eilande, das sonst niemand zu sehen pflegt, der Rügen besucht."

Rund 150 Jahre später zog es andere Gäste hierher: Die SED-Führung errichtete besagte reetgedeckte Häusergruppe für die Ferien der Spitzengenossen um Walter Ulbricht. Marion Poschmann wohnt tatsächlich in Haus 2, wo Familie Honecker urlaubte. Das Interieur der späten DDR – Furnier dunkelbraun, Teppich in Beige – ist hier unverändert. Amüsiert präsentiert die Autorin das schlichte weiße Bett der Honeckers, in dem sie und ihr Mann nächtigen: "Nur wer Margot ist und wer Erich, das bleibt leider unklar, wir kennen ja deren Schlafseiten nicht." Auch Angela Merkel habe als Umweltministerin in den neunziger Jahren schon in Honeckers Bett geschlafen; sogar der britische Naturfreund Prinz Charles hat die Insel einmal besucht. Angela Merkel in Honeckers Bett, und heute diese bedeutende Schriftstellerin, gleichsam unter Friedrichs romantischem Regenbogen – eine völlig verrückte deutsche Geschichte. "Ich träume immer viel, aber hier erstaunlich schlecht", bekennt Marion Poschmann lachend.

Ein schlechter Traum steht auch am Anfang ihres Romans Die Kieferninseln. Der Privatdozent Gilbert Silvester hat ihn geträumt und ist nun felsenfest davon überzeugt, dass seine Frau Mathilda ihn betrügt. Spontan fährt er zum Flughafen, bucht den erstbesten Langstreckenflug und landet in Tokio. In Japan war der Kulturwissenschaftler, der in einem Projekt über "Bartmode und Gottesbild" forscht, noch nie, Teeländer lehnte er bislang kategorisch ab: "In Kaffeeländern lagen die Dinge offen zutage. In Teeländern spielte sich alles unter einem Schleier der Mystik ab."

Nun tauchen in heutigen Romanen häufiger männliche Akademiker auf, die aus ihrem Leben ausbrechen. Meist wirken diese Figuren bemüht; man spürt die Autorenabsicht und ist ästhetisch verstimmt. Poschmann hingegen lässt es zunächst eleganterweise im Unklaren, was sie mit ihrem ignoranten Gilbert will.

In Tokio stößt er auf Yosa Tamagotchi, einen ziegenbärtigen Petrochemie-Studenten, der im Begriff ist, sich aus Prüfungsangst vor den Zug zu stürzen. Gilbert spricht ihn an; fortan bilden die beiden ein höchst merkwürdiges Paar. Der Mittvierziger überredet den devoten Japaner, der ohnehin von einer kiefernbestandenen Klippe "von zernagender Schönheit" träumt, gemeinsam einen möglichst würdevollen Ort für sein Vorhaben zu finden. Zugleich folgt Gilbert dabei seiner plötzlichen Idee, die legendäre Reise des Dichters Matsuo Basho Ende des 17. Jahrhunderts zu wiederholen, gen Norden, nach Matsushima, zur Bucht mit den Kieferninseln, jenem klassisch schönen Ort Japans. Bashos Vorbild wiederum war der Dichter Saigyo, der 500 Jahre zuvor einfach losgewandert war – beider Berichte sind Klassiker der japanischen Literatur.

Es wird ein furioser, hochkomischer Trip, ein "Scheideweg der Illusionen", wie der weise Basho es nannte. Aus dem von Geistern bevölkerten Selbstmordwald von Aokigahara kehren beide lebend zurück, der Fuji bleibt immer unsichtbar, gemeinsam dichten sie gar nicht mal so schlechte Haikus, die Kirschblüte im Park von Ueno muss jahreszeitbedingt imaginiert werden, der Deutsche ist schwer irritiert von einer Kabuki-Tanz-Vorführung. Selten ist Yosa mal etwas renitent, stets ist Gilbert unfassbar penetrant: Das rasant erzählte Buch lebt von den abfällig vor sich hin räsonierenden inneren Monologen dieses vorurteilsbeladenen Besserwissers.

Ist das Buch eine Geistergeschichte?

Allerdings wirkt dieser Unsympath seltsamerweise nie völlig unsympathisch, womit wir bei den magischen Bereichen dieses Romans wären. Er trifft den Nerv unserer Zeit, weil er plastisch von scheinbar unüberwindbarer Fremdheit zwischen den Kulturen erzählt – und zugleich ebendiese Grenzziehung virtuos relativiert. Der Kaffeeländerfreund Gilbert stürzt sich ausdauernd in sein fernöstliches Abenteuer, von dem er einem fernen Über-Ich namens Mathilda regelmäßig in skurriler Nüchternheit berichtet. Gegen Ende seiner Pilgerfahrt offenbart sich dann die ganze Kunst von Marion Poschmann. Allmählich verschwimmen die Dinge, Yosa verschwindet – hatte es ihn überhaupt gegeben? Geister tauchen auf – ist das Buch eine Geistergeschichte? Spätestens bei den Kieferninseln dämmert einem, dass vielleicht alles ganz anders war, als es bislang schien. Auf leichte und unterhaltsame Art hat die Autorin somit ihren Lesern die allerschwerste ästhetische Frage – was ist wirklich an der Wirklichkeit? – untergejubelt. Träume einer Geisterseherin: Dank stilistischer Präzision und sprachlicher Fülle ist dabei ein kleines Meisterwerk entstanden.

Denkbar fern von Asien, mit Blick auf Ostsee und Rügen, umwandern wir jetzt den nördlichen Teil Vilms, eine Stunde durch vierhundert Jahre alte Buchenurwälder, vorbei an riesigen, monströs gewachsenen Eichen – zwangsläufig müssen hier Waldgeister spuken. Marion Poschmann nennt den Weg ironisch ihren "peripatetischen Wandelgang": "Wenn man ihn tagtäglich geht, dann sieht man auch das Sich-Wiederholende in neuem Licht. So wie ein Zen-Meister: Man vertieft sich immer mehr, und die Dinge erhalten ihr Geheimnis zurück." Sie selber hat 2014 mehrere Monate in Kyoto gelebt, es war für die Autorin ein ästhetisches Schlüsselerlebnis. Diese japanische Erfahrung floss bereits in ihren 2016 erschienenen, hoch gelobten Lyrikband Geliehene Landschaften ein, in dem übrigens ein Gedicht ebenfalls Die Kieferninseln hieß. Die Kunst der Betrachtung lebe in Japan von einem unpersönlichen Blick, erklärt Poschmann: Dieser werde eingeübt, um den Geist zu beruhigen und für die Erscheinungen frei zu werden. Seit Jahrtausenden wiederholen dort die großen Dichter die Betrachtung der klassisch schönen Landschaften – und man eifert ihnen nach. Im Stillen ergänzen wir: Nach Saigyo und Basho also nun Poschmann – mit westlichen Augen und ihrem eigenen Programm.

Die Autorin bekennt, sie wolle mit ihrem Roman zur "Uneindeutigkeit verleiten und schwebende Räume erzeugen". Sie sagt: "Literarisch interessiert mich: Was ist die Wirklichkeit? Welche Realität wird auch als real bewertet? Und ist nicht vieles oft rätselhafter, als es scheint?" Marion Poschmann wird vehement: "Das Uneindeutige ist eine zentrale Errungenschaft in der modernen Literatur! Eindeutiges ist doch meist trivial. Nur, leider gerät diese Einsicht zunehmend in Vergessenheit." Es bleibt erstaunlich, wie perfekt Poschmann ihr ästhetisches Programm in Kunst verwandeln kann. Genau deshalb ist sie mit ihren Gedichten und Romanen zu einer der zentralen Figuren der deutschen Gegenwartsliteratur geworden.

Beim Tee sitzen wir schließlich auf Honeckers Terrasse und reden, natürlich über Japan. Vor uns ein paar Schafe und weiter hinten jener Pfad, auf dem der Generalsekretär der SED einst zum Strand ging. In den Bäumen rauscht es, oder ist es das Meer? Auch auf der Insel Vilm soll es irgendwo noch Kiefern geben, angepflanzt vor Jahrzehnten. Aber wer weiß, vielleicht ist das nur ein anderer Kieferninseltraum.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Roman; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 168 S., 20,– €