Wer die Bürger beobachtet, hat nicht den Eindruck, der Wahlkampf lasse sie kalt. Unaufhaltsam sickert er in die Poren der Mediengesellschaft – und die reagiert, macht sich Themen zu eigen. Ein paar Hundert schreien in Bitterfeld, aber Hunderttausende diskutieren im Netz hitzig über Flüchtlinge und Kriminalität, Diesel und Klimawandel.

Die FDP reagiert darauf, indem sie die Hälfte ihrers Wahlkampfbudgets für Digitalkampagnen ausgibt, die Grünen ebenso – und die AfD ist digital sichtbarer als irgendwo sonst. So mischen sich, stärker als in früheren Jahren, die Kommentare der Bürger mit denen der Parteien und Medien in aller Öffentlichkeit – und stellen deren Meinungsmacht infrage. Deutschland erlebt seinen ersten echten Digitalwahlkampf.

Die Erkenntnis mag nicht neu sein, dass sich die politische Öffentlichkeit verändert, vor allem durch digitale Kommunikationsplattformen wie Facebook und durch die Medien selbst. Aber die Wucht, mit der sich der Wandel in diesem Wahlkampf vollzieht, die ist neu für Deutschland.

Aus diesem Grund hat die ZEIT den digitalen Raum gemeinsam mit dem Kölner Datenspezialisten Unicepta vermessen. Das Unternehmen kann die öffentliche digitale Sphäre – deutschsprachige Medien und Blogs, YouTube, Twitter, Instagram und den öffentlichen Teil von Facebook – erfassen. Und es entstanden nach und nach Konturen einer politischen Öffentlichkeit im Netz.

Zu sehen sind lebendige Debatten, viel Engagement – aber auch eine Bereitschaft zu maßloser Erregung. Das nur den Bürgern und der AfD anzulasten oder einer ungeübten bis ungehobelten Ausdrucksweise zuzuschreiben führt nicht weit. Es hat auch etwas mit den digitalen Kommunikationsplattformen selbst zu tun. Sie laden zur Debatte ein, aber nicht zum Konsens. Er wird technisch nicht unterstützt, ist nicht als erwünschtes Ziel von politischer Kommunikation in der Software angelegt.

Was die Deutschen bewegt

Dokumentiert sind hier neun wichtige Themen in diesem Wahlkampf – und wie oft über sie geschrieben wurde. Gezählt wurden alle Artikel, Blog-Beiträge, Tweets und Posts. Die Zahl der Leser erhöht die Reichweite eines Themas noch, wird hier aber nicht ausgewiesen. Datengrundlage sind die wichtigen Medien und sozialen Netzwerke und andere Quellen in der frei zugänglichen deutschsprachigen Online-Sphäre.

Quelle: Unicepta Research September 2017 © ZEIT-Grafik

Die Akteure einer bundesrepublikanischen parlamentarischen Demokratie müssen sich durch diese Entwicklung auf einmal in einem Umfeld behaupten, in dem ihr hervorstechendes Merkmal, die Bereitschaft zum Kompromiss, nicht gefragt ist. Dieser Umstand kann durchaus eine Polarisierung der Gesellschaft fördern, in dem Maße jedenfalls, in dem sich der politische Diskurs auf die digitalen Plattformen verlagert, allen voran auf Facebook.

Die Kulturwissenschaftlerin Inge Baxmann von der Universität Leipzig erforscht, ob mit den sozialen Medien eine neue Vorstellung von Gesellschaft entsteht. Ihr Ausgangspunkt ist, dass "Menschen das Politische jenseits der Parteien und Medien erleben, jenseits der demokratischen Institutionen. Das verändert ihre Vorstellungen von Politik und damit auch, wie diese Gesellschaft funktioniert." Allerdings sehe sie bisher nur eine Dynamik fort von den alten Institutionen. Es gebe allenfalls Ansätze, "noch kein echtes Wohin, keine Idee für neue politische Kollektive". Eine Gesellschaft brauche auf Dauer aber gemeinsame Vorstellungen davon, wie sie ihre Angelegenheiten regelt.

Entlang von neun Themen – mit einem Schwerpunkt auf Wirtschaft und Sozialem – hat Unicepta für die ZEIT die Frage beantwortet, über welche Angelegenheiten die Deutschen in der Netzöffentlichkeit diskutieren. Und es ist eindeutig: Nichts bewegt sie so wie Flüchtlinge und Kriminelle, zu keinem Thema gab es mehr Artikel in den Medien und mehr Beiträge von Nutzern in den sozialen Netzwerken. Dabei erzeugen die Wut auf Flüchtlinge und die Angst vor ihnen besonders viele Kommentare. Artikel, die diese Angst bedienen, werden besonders oft geteilt und weitergeleitet. In der Summe wurden die Texte, Tweets und Posts zu diesem Thema in den vergangenen Wochen knapp sieben Millionen Mal gelobt und kritisiert, gelikt und geteilt. Dieser Wert ist unerreicht.

Doch was ist so eine Reaktion wert? Studien zeigen, dass Menschen einen Artikel gern mal an Freunde weiterleiten, ohne ihn gelesen zu haben. Sie reagieren nur auf Bild und Überschrift. Aber ein spontaner Ausdruck von Interesse ist das dennoch, auch einer vagen Haltung, und aus diesen weichen Signalen wird durch ihre schiere Menge schließlich etwas Festes – eine Hierarchie der Themen.

Es lohnt sich deshalb, umgekehrt zu fragen: Haben Themen in der digitalen Öffentlichkeit nur eine Chance, ganz nach oben zu gelangen, wenn sie große Gefühle erzeugen, vorzugsweise Wut und Angst? Dieselskandal und Klimaschutz legen das nahe, sie sind den Menschen nämlich durchaus wichtig, erregen aber nicht so sehr wie die Flüchtlingsfrage (siehe Grafik).