Die Documenta hat sich übernommen, sie ist sieben Millionen Euro ins Minus gerutscht. Wo das Geld geblieben ist, weiß gerade niemand, es ging wohl irgendwo zwischen Athen und Kassel verloren. Zwei Großausstellungen zum Preis von einer zu machen, wie von den Kuratoren geplant, das war wohl ein wenig zu viel des Wunderglaubens.

Dafür kann die Documenta, die am Sonntag ausläuft, stolz darauf verweisen, dass sie trotz aller bösen Kritiken grandios gut besucht war. Eine Million Tickets dürften es am Ende sein! Sehr erstaunlich und sehr rätselhaft.

Denn mit Kunst hatte diese Documenta ja wenig im Sinn. Ihr ging es darum, den Zustand der Welt zu beklagen, die Gewalt, den Krieg, überhaupt den neoliberalen Niedergang. Und so erinnerten die Menschenströme auch eher an religiöse Prozessionen: an eine Übung in Bußfertigkeit. Der Besucher beugte sich mit gutem schlechten Gewissen über das Unglück der Menschheit und durfte schließlich das Gefühl mitnehmen, er habe den Kampf gegen den Neoliberalismus unterstützt – durch den Kauf einer Eintrittskarte für 22 Euro.

Doch der so bekundete Leidenswille wird allein den Besuchererfolg kaum erklären. Es musste noch etwas Zweites hinzukommen: der offenkundige Wunsch, die eigenen Zwänge lieben zu lernen.

Diese Zwänge sind andere als vor 30 Jahren, als der Durchschnittsmensch pünktlich sein sollte, zuverlässig, gehorsam. Heute – so steht es in jeder Stellenanzeige – muss der Mensch flexibel sein, wandlungsfähig, kreativ. Mit anderen Worten: Er soll wie die Künstler sein.

Sie verkörpern die Ideale der postindustriellen Epoche, von ihnen lässt sich lernen, wie man sich beständig neu erfindet, wie man trotz prekärer Existenzbedingungen durchhält, ja diese als Ansporn, gar als Inspiration begreift.

"Ich kenne kein Weekend", hieß es in den siebziger Jahren bei Joseph Beuys. Sein Motto war: "Jeder Mensch muss sich verschleißen. (...) Man muss lebendig zu Asche verbrennen, nicht erst im Tod." Das war antibürgerlich gemeint, eine Ansage gegen alle, die ein Leben im Schongang suchen. Heute folgen etliche Menschen dem Beuysschen Ideal – ohne Weekend – und verbrennen. Man nennt es Burn-out.

Wie viele andere halten sie die Liberalisierung aller Lebensbereiche kaum aus. Gerade deshalb aber ist die Documenta so populär: Hier findet die Auflösung aller Verbindlichkeiten zu einer rühmenswerten Form, hier erscheint die Freiheit produktiv. Es zeigt sich, dass der Kapitalismus "zu weiten Teilen seinen Geist verändert hat" (die Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello). Der Geist ist künstlerisch geworden und findet in der Documenta seinen Tempel. Damit arbeitet die Ausstellung ebenjenen Verhältnissen zu, die sie als neoliberal verdammt. Auch wenn sich jeder, der anreist, als unbedingt kritischer Zeitgenosse wähnen darf.