DIE ZEIT: Frau Bulmahn, während Ihrer Zeit als Bundesbildungsministerin haben Sie mal gesagt: Ich träume von der Universität als einem Paradies des Wissens. Hat sich der Traum erfüllt?

Edelgard Bulmahn: Da halte ich es mit dem Philosophen Ernst Bloch: Es gilt das Prinzip Hoffnung.

ZEIT: Hinter Ihnen liegen dreißig Jahre als bildungspolitische Expertin im Parlament, von 1998 bis 2005 waren Sie sogar Bundesministerin. Jetzt scheiden Sie aus dem Bundestag aus. Was bleibt von Ihrer Arbeit?

Bulmahn: Vor allem bleibt, dass wir Bildung und Wissenschaft viel stärker im gesellschaftlichen, aber auch im politischen Bewusstsein verankert haben. Mein Ganztagsschulprogramm steht dafür symbolisch, das war ein echter Durchbruch. Allerdings gibt es noch viel zu tun, um Chancengleichheit im Bildungswesen herzustellen.

ZEIT: Vor 15 Jahren waren Halbtagsschulen der Standard. War Ihre Initiative damals eine Zumutung?

Bulmahn: Auf jeden Fall war die Debatte darüber ideologisch geprägt. Es ging um Chancengleichheit und bessere Arbeitsmarktchancen für Frauen. Es ging aber vor allem um eine bessere Förderung der Schülerinnen und Schüler.

ZEIT: Haben sich die Auseinandersetzungen gelohnt?

Bulmahn: Ja, inzwischen ist bundesweit anerkannt, dass Ganztagsschulen bessere Rahmenbedingungen für die individuelle Förderung bieten. Und Letztere ist für mich das A und O eines erfolgreichen Bildungssystems. Allerdings gibt es noch viel zu tun, damit Ganztagsschulen nicht nur ganztägig offene Schulen sind, sondern ein gemeinsamer Lern- und Begegnungsraum für Kinder und Jugendliche aller Bevölkerungsschichten.

ZEIT: Haben Schulen und Hochschulen das verinnerlicht?

Bulmahn: Nicht ausreichend, aber zumindest ist ihre Bedeutung für die Förderung des und der Einzelnen viel akzeptierter. Früher hieß es: Bildung gehört nur in den Verantwortungsbereich der Eltern. Ich habe dann immer geantwortet: Klar ist sie Verantwortung der Eltern, aber eben nicht nur. Denn nicht alle sind in der Lage, diese optimale Förderung ihrer Kinder auch wirklich zu gewährleisten.

ZEIT: Was steht noch auf Ihrer persönlichen Erfolgsliste?

Bulmahn: Das Bafög! Es war mir ein großes Anliegen, wieder mehr Jugendlichen aus einkommensschwächeren Familien ein Studium zu ermöglichen. Außerdem habe ich die Rückzahlungssumme auf 10.000 Euro begrenzt. Ich fand es völlig inakzeptabel, dass diejenigen, die aus den ärmsten Familien kommen, gleichzeitig diejenigen sind, die den größten Schuldenberg am Ende des Studiums haben.

ZEIT: Sie haben die Exzellenzinitiative auf den Weg gebracht, die Bologna-Reform vorangetrieben, die Juniorprofessur eingeführt, dazu die Grundlagen für den Pakt für Forschung und Innovation und den Hochschulpakt gelegt. Das war ein Feuerwerk an Reformen, wie es die Hochschulen selten erlebt hatten. Haben Sie die Wissenschaft mit dieser Generalüberholung hin und wieder überfordert?

Bulmahn: Herausgefordert ja, überfordert nein. Nehmen wir den Bologna-Prozess: Anders als viele heute behaupten, waren die Universitäten und die Hochschulrektoren von Anfang an eine treibende Kraft. Erst hinterher haben sich manche distanziert. Aber natürlich hatte auch ich nicht erwartet, dass viele Universitäten solche Schwierigkeiten haben würden, das zweistufige Studiensystem umzusetzen.

ZEIT: Was war für Sie der Kern der Studienreform?

Bulmahn: Wir brauchen in unserer heutigen Welt ein Studiensystem, das in der Lage ist, 50 Prozent eines Jahrganges gut auszubilden, und zugleich einen Wechsel zwischen Ländern, Studienorten und Fächern ermöglicht. Ein System, das offen ist auch für diejenigen, die eine berufliche Ausbildung gemacht haben.

ZEIT: Heute packen manche Ihren Reformeifer von damals unter die Überschrift "typisch Agenda 2010". Für Sie in Ordnung?

Bulmahn: Der Reformeifer setzte bereits 1998, nicht erst 2003 ein, also deutlich vor der Agenda. 90 Prozent der Leute assoziieren mit dem Begriff Agenda 2010 die Arbeitsmarktreform, und sie gilt heute vielen irgendwie als neoliberal. Die grundsätzliche Idee der rot-grünen Politik war es hingegen, Menschen mehr Chancen zu eröffnen, Gesellschaft und Wirtschaft zu modernisieren und innovationsfähiger zu machen, auf Nachhaltigkeit zu orientieren.

ZEIT: Das klingt hübsch. Haben Sie deshalb die Agenda-Politik auf die Wissenschaft übertragen?

Bulmahn: Ich habe sie nicht übertragen. Es ging um die Stärkung des Systems, weil mir völlig klar war, mit welcher Geschwindigkeit und welchem staatlichen Engagement sich die Hochschulen etwa in den USA oder in Südkorea, aber auch in China oder Israel entwickeln. Die Frage war: Wie können wir mithalten?