Fast auf den Tag genau vor neun Jahren löste die Pleite der US-Bank Lehman Brothers die jüngste globale Finanzkrise aus. Zusammen mit der ihr folgenden Rezession kostete sie nach Berechnungen des US-Rechnungshofs viele Millionen Jobs und 20 Billionen Dollar, die Anleger, Hausbesitzer, Arbeitnehmer, Staat und Unternehmen allein in den USA verloren haben. In der Folge haben es viele Staaten Banken erschwert, riskante Geschäfte zu machen, deren Scheitern zu systemischen Krisen führen kann.

Doch das Risiko einer Finanzkrise ist nicht verschwunden. Es ist von den Banken weitergewandert – in Bereiche, die die Aufsicht nicht so streng überwacht wie die Kreditinstitute. Es hat sich eine neue Heimat gesucht in deren Schatten, im weniger regulierten Finanzmarkt. Wieder sind es vermeintlich sichere Wertpapiere, die sich, abseits des Zugriffs von Aufsehern, zu einer Gefahr entwickeln.

Die Krise nach Lehman entzündete sich an Wertpapieren, die auf Hypotheken von Hausbesitzern basierten. Nun geht es um Papiere, die Privatanlagern seit Jahren als sichere, einfache und billige Alternative zu einzelnen Aktien und klassischen Anlagefonds verkauft werden: sogenannte ETFs, kurz für Exchange Traded Funds. Kein anderes Anlageprodukt wächst so rasant. Rund 433 Milliarden Dollar haben Kleinanleger und Großinvestoren allein von Januar bis August weltweit in ETFs neu angelegt – mehr als im gesamten vergangenen Jahr zusammen. Damit verwalten diese Fonds nun ein Vermögen von 4,8 Billion Dollar.

Die Geschichte der ETFs begann mit einer guten Idee. 1976 startete John Bogle, ein bis dahin nahezu unbekannter Vermögensverwalter aus Philadelphia, einen Fonds, dessen Portfolio den Aktienindex S&P 500 nachbildete. Das heißt, Bogles Fonds kaufte Aktien aller Unternehmen, die nach Umsatz und Börsenwert zu den 500 wichtigsten US-Unternehmen zählen. Es gibt viele Indizes wie den S&P 500, die sich auf nationale Märkte oder einzelne Branchen beziehen, in Deutschland etwa den Deutschen Aktienindex Dax. Ursprünglich sollten sich damit die Aktien einzelner Unternehmen vergleichen lassen. Bogle stellte nun einen Fonds aus den Aktien dieser Listen zusammen und investierte das Geld von Anlegern auf diese Weise. Das hat viele Vorteile: Es ist nicht nötig, sich mit einzelnen Unternehmen und deren Aussichten ausführlich zu beschäftigen – eine Aufgabe, die vor allem Kleinanleger in der Regel überfordert. Und es muss auch kein Finanzprofi dafür bezahlt werden.

Wall-Street-Firmen verdienen immer an dem vermeintlichen Kleinanlegergeschäft mit

Bogles Indexfonds wurden ein großer Erfolg – zumal viele Vergleiche Bogles Annahme bestätigen, dass Anleger mit ihnen langfristig besser abschneiden als mit Fonds, die Finanzmanager aktiv führen, indem sie versuchen, Wertpapiere zu kaufen und zu verkaufen und besser zu sein als der Markt.

An der Wall Street entwickelten Finanzingenieure Bogles Konstrukt bald weiter. Oder, wie Bogle heute schimpft: Sie verkomplizierten es, weil es zu wenig Gelegenheit zum Abkassieren bot. So wurden die ETFs erfunden – Indexfonds, deren Anteile an der Börse wie Aktien gehandelt werden können. Wer etwa an das Potenzial der Biotechnologie glaubt, aber nicht auf einzelne Unternehmen setzen will, kann nun den entsprechenden Branchenindex kaufen und kurzfristig wieder verkaufen. Zudem konstruierten Wall-Street-Tüftler ETFs, mit denen Anleger nicht auch in Öl, Gold oder Agrarprodukte investieren können. Zuvor waren Rohstoffe oder Devisen Investments, bei denen selbst Großanleger Spezialisten anheuern mussten. Jetzt konnten Rentner in einem Bereich mitmischen, der bis dahin Milliardären und Pensionskassen vorbehalten war.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis die neuen Lieblinge der Kleinanleger an der Wall Street Profiteure anlockten. Die Firma Jane Street Capital zum Beispiel, die ihren Hauptsitz in einem der Glastürme im New Yorker Finanzviertel hat. Sie ist keine Bank, und doch handeln die 350 Mitarbeiter mit Aktien im Wert von acht Milliarden Dollar – täglich. Eine Summe, die die Jahreswirtschaftsleistung von Moldawien übertrifft.