Martin Schulze kann unterwegs nicht telefonieren, aber er schickt eine SMS: "Hallo, herzliche Grüße von der Bundesstraße, ich melde mich in etwa 15 Minuten." Wenig später ruft er an.

Frage: Herr Schulze, wo sind Sie gerade?

Martin Schulze: Ich sitze auf einer Bank in Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Gestern habe ich in Derenburg Orgel gespielt, heute muss ich noch mal in den Vorharz.

Frage: Sie sind Deutschlands wohl einziger Fahrradkantor. Was heißt das?

Schulze: Ich bin freier Kirchenmusiker und radele von Ort zu Ort, um dort Orgel zu spielen – quer durch Ostdeutschland. Meine Saison läuft von Mai bis September. Finanziert wird es über feste Sätze oder die Kollekte. Alle zwei Wochen versuche ich, nach Hause zu fahren, um meine Frau und Kinder zu sehen. Ich lege im Jahr 15.000 Kilometer zurück. Die Orgel ist mein Lebensinhalt.

Frage: Auf wie vielen Orgeln haben Sie schon gespielt?

Schulze: Ich schätze, dass es bislang 4.000 bis 5.000 waren, vor allem in den neuen Bundesländern. Man rechnet, dass es in Deutschland 50.000 Orgeln gibt.

Frage: Wie geht es den Orgeln?

Schulze: Viele sind von Schimmel oder Holzwürmern befallen oder stark abgenutzt. Es kommt oft vor, dass ich vor einem Konzert schnell etwas kleben muss. Ich musste auch schon mal einen toten Vogel aus der Pfeife ziehen.

Frage: Herrje.

Schulze: Ich erlebe einiges. Einmal musste ich mit einer Grubenlampe auf dem Kopf Orgel spielen, weil es in der Kirche keinen Strom gab. Ich habe auch schon tote Mäuse und Fledermäuse in Orgeln entdeckt. Und einmal das Gerippe einer Ratte. Viele Orgeln wurden zwar jahrzehntelang benutzt, aber nicht gepflegt. Es fehlt an Wissen. Die Geschichte mit dem toten Vogel hat sich übrigens in einem kleinen Dörfchen abgespielt. Die dortige Organistin hat als Kind mal ein bisschen Klavier gespielt. Sie wird gar nicht bemerkt haben, dass etwas verstopft war, da sie die Pedalpfeifen sowieso nie benutzt hat.

Frage: Tut es Ihnen in der Seele weh, wenn Sie so eine verschmutzte Orgel sehen?

Schulze: Ja, irgendwo schon. Aber ich sage mir immer: Eine verschmutzte Orgel kann man retten. Schmerzhafter ist es, wenn ich schöne Instrumente sehe, die durch Laien verunstaltet wurden. An manchen Orgeln haben Leute einfach Pfeifen abgesägt, weil sie einen anderen Klang wollten. Ganz schlimm war es in den sechziger Jahren: Damals hat man Orgeln einfach aufgehellt, weil man hoffte, dass man dann Bach darauf spielen kann. Furchtbar. Zu DDR-Zeiten waren die Orgeln zum großen Teil in einem schlechten Zustand. Gott sei Dank wurden sie nicht einfach abgerissen und durch neue ersetzt. Dafür fehlte das Geld. Da kann man wirklich sagen: Armut ist der beste Denkmalschutz.

Frage: Und wie ist die Situation heute?

Schulze: Seit einigen Jahren werden sehr viele Orgeln restauriert. Die Entwicklung ist wirklich erfreulich.

Frage: Woran liegt das?