Ich bin blind und arbeite als Medizinische Tastuntersucherin in einer gynäkologischen Praxis. Dort taste ich die Brüste der Patientinnen ab, zur Brustkrebsfrüherkennung. Dass ich blind bin, ist hier von Vorteil. Ich bin erst vor sieben Jahren vollständig erblindet. Der Verlust der Sehkraft hat meine Wahrnehmung verändert. Ich bin feinfühliger geworden, auch weil ich Brailleschrift gelernt habe und viel mehr auf Berührungen angewiesen bin. Mir fallen Veränderungen auf, die andere nicht entdecken.

Das Berufsbild ist noch neu. Bisher gibt es 30 Tastuntersucher in Deutschland. Alle sind blind oder sehbehindert. Während der neunmonatigen Qualifizierung habe ich alles über den Aufbau der Brust gelernt. Mir war nicht klar, wie verschieden Brüste sind: Das Gewebe kann sehr drüsig sein, gleichmäßig, dicht oder locker.

Anfangs hatte ich Hemmungen. Ich musste mich erst daran gewöhnen, mein Gegenüber anzufassen. Mittlerweile habe ich über 2.000 Frauen untersucht. Es ist Routine geworden.

Bevor ich mit dem Abtasten beginne, frage ich die Patientin nach Vorbelastungen in der Familie und ob sie Medikamente einnimmt. Dann beginne ich mit den Lymphknoten am Hals, oberhalb und unterhalb des Schlüsselbeins und unter den Achselhöhlen. Sind die geschwollen, geht im Brustdrüsengewebe meist etwas vor sich.

Gibt es Größen- oder Temperaturunterschiede? Wie fühlt sich das Gewebe generell an? Die Frau legt sich auf den Rücken, und ich klebe mit sogenannten Doku-Streifen eine Art Koordinatensystem auf den Oberkörper. Indem ich Reihe für Reihe abtaste, gehe ich sicher, dass ich nichts auslasse. Ich fühle in einer Abwärtsspirale, mit zunehmendem Druck, um auch in die tieferen Gewebeschichten zu kommen. Ich suche dabei nicht gezielt nach Zysten oder Tumoren, ich fühle, ob es Stellen gibt, die nicht ins Gesamtbild passen. Abhängig von der Körbchengröße, kann eine Untersuchung bis zu einer Stunde dauern.

Ich darf keine Diagnose stellen. Wenn ich etwas ertastet habe, untersucht der Arzt die Stelle mit dem Ultraschall. Bis zu acht Frauen untersuche ich pro Tag. Bei etwa jeder vierten fühle ich etwas Auffälliges. Die meisten Befunde sind jedoch gutartig. Nur zwei der vielen Frauen, die ich untersucht habe, hatten Krebs.

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Protokoll: Jessica Braun