Die Tapfere

Aydan Özoğuz (SPD) wird von Rechtspopulisten verunglimpft. Das gibt ihr Energie

Aydan Özoğuz steht erst wenige Minuten in der Kantine des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), da geht es schon um Alexander Gauland. Sie sei froh, dass Özoğuz es auf den Sommerempfang geschafft habe, sagt die Landesvorsitzende des ASB am Rednerpult. Özoğuz, die SPD-Bundestagsabgeordnete für Wandsbek. Özoğuz, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Özoğuz, so nennt die ASB-Frau sie, die "waschechte Hamburger Deern". Deern, das ist das Stichwort, bei dem die Landesvorsitzende kurz in Rage gerät: Dieser unsägliche Herr Gauland, sagt sie, sei ja kein unbeschriebenes Blatt. Er werde seine Bemerkung schon noch bereuen, weil Özoğuz die gewonnene Aufmerksamkeit sicherlich nutzen werde, irgendwie.

Die Bemerkung, aufgrund der Aydan Özoğuz im Wahlkampf jetzt oft eher über sich als über Inhalte redet, ist eigentlich ein Skandal: Im Mai hatte Özoğuz einen Beitrag für den Tagesspiegel geschrieben, in dem sie den Begriff der Leitkultur kritisierte. Der Begriff sei kaum mit Inhalt zu füllen. "Kein Wunder, denn eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar", schrieb Özoğuz. Gut drei Monate später griff Gauland das Zitat bei einer Wahlkampfveranstaltung im Eichsfeld in Thüringen auf und forderte unter dem Jubel der Zuschauer: "Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können."

Es folgten mehrere Anzeigen wegen Volksverhetzung gegen Gauland, die zuständige Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Seit Monaten attackiert der AfD-Mann Özoğuz, vergangenes Jahr behauptete er, sie spreche sich für Kinderehen aus. Eine Lüge, trotzdem wird die SPD-Politikerin dafür bis heute in den sozialen Netzwerken angegriffen. Özoğuz muss mit den Folgen leben, bei jedem Auftritt, selbst bei unverfänglichen Nachmittagen wie hier beim ASB.

An einem der Stehtische am Rand des Saals in Hammerbrook erzählt sie, dass die Sätze sie natürlich getroffen hätten. "Was aus den Reihen der AfD so kommt, das könnte auch von der NPD sein. Das sind kaum verhohlene Gewaltfantasien." Aber sie bekomme viel Zuspruch, auch von Wählern anderer Parteien und von Kanzlerin Angela Merkel.

Özoğuz geht nach vorne, tritt hinters Pult, jetzt soll sie reden. Es geht um ihr Lebensthema: Diversität. Sie spricht darüber, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund in Hamburg leben, und sagt, dass die Statistik sehr weit gefasst sei. Einmal sei ihre Tochter aus der Schule gekommen und habe gesagt: "Mama, ich bin doch nicht so eine Migrantin!" Özoğuz lacht, dann sagt die in Hamburg geborene Tochter türkischer Einwanderer: "Da musste ich antworten: Schlechte Nachrichten, du zählst immer noch dazu." Bei Aydan Özoğuz ist das Persönliche eben auch politisch. Sebastian Kempkens